WER DIE LOGIK DER LIBIDO KENNT, GIBT JETZT MAL EIN BISSCHEN GAS

Rein in den Schlamassel

Kurz vor Weihnachten geriet ich im Schleusenbereich der Kita in ein Gespräch über den sogenannten Akzelerationismus. Es wäre für ihn das erste Mal, dass er Zeitgenosse einer linken Hipstertheorie sein könnte, sagte mein Gegenüber. Leider fehle ihm aber als junger Vater für Zeitgenossenschaft die Zeit. Dabei macht es der Merve Verlag den Gehetzten eigentlich ganz leicht. Gerade mal 95 Seiten lang ist der von Armen Avanessian herausgegebene Reader „#Akzeleration“. Das müsste doch zu schaffen sein.

In dem Band findet sich auch der programmatische Text „#Accelerate. Manifest für eine akzelerationistische Politik“. Dessen Autoren Nick Srnicek und Alex Williams formulieren eine klare Absage an alle kulturkritischen Antworten auf die Hektik im kapitalistischen Realismus. Die notorischen Ratschläge zur Entschleunigung deuten sie als Ausdruck einer konservativen Erstarrung. Statt nostalgisch eine vorindustrielle Idylle herbeizusehnen, müsse man sich – so der Kern des akzelerationistischen Appells – mittenreinwerfen in den Schlamassel und den Neoliberalismus zuspitzen und überbieten. Sicher macht das Sinn, denn nur wer auf der Höhe des Begehrens ist, das vom Neuen Kapitalismus adressiert wird, kann mehr anbieten als Retropolitik.

Dass die Beschleunigungsdenker von der Logik der Libido etwas verstehen, zeigt sich schon darin, wie sie den Akzelerationismus als hippe philosophische Jugendbewegung verkaufen. Mit dem Kapitalismus gegen den Kapitalismus: Früher hieß eine solche Haltung wohl „strategische Affirmation“. Srnicek, Williams und Co. nehmen die Versprechen des Neoliberalismus ernst und wollen lieber nicht Attac-mäßig Sand im Getriebe sein, sondern Öl ins Feuer gießen. Getragen ist dieser Gestus von dem optimistischen Glauben an die Aneignung der materiellen Basis. Der Neoliberalismus müsse „so umfunktioniert werden, dass er gemeinschaftlichen Zwecken dient“. Wie er dann gegen den Kapitalismus benutzt werden soll, bleibt nebulös.

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VON ARAM LINTZEL

Der Akzelerationismus ist so etwas wie der Versuch eines dritten Weges zwischen Sentimentalität und Messianismus. Es gibt für seine Vertreter kein Zurück in bessere Zeiten und auch auf den Einbruch eines radikal Anderen (das Ereignis!) wollen sie nicht setzen. Dass die Akzelerationisten mit ihrer Kritik an „authentischer Politik“ – Rückzug, Landflucht, Blockade – den Fans von „Der kommende Aufstand“ eins draufgeben, ist prima.

Doch was soll der schnöde Generalangriff auf die „narzisstische Beschaulichkeit“ in Academia und Kunstbetrieb, den Armen Avanessian im Vorwort fährt? Das ist wohl der klassische Third-Person-Effekt: Betroffen sind immer die anderen, nie man selbst. Und stimmt eigentlich der Befund, dass wir es heute mit einer „Lähmung der politischen Vorstellungskraft“ zu tun haben, wie es im Manifest heißt?

Von der Krise der Imagination ist ja derzeit vermehrt die Rede, aber ist das Problem nicht eher, dass es an gesellschaftlichen Kräften für die Umsetzung von alternativen Entwürfen fehlt? Auch darauf meinen die Akzelerationisten eine Antwort zu haben. Und hier wird es problematisch. Denn ihr Vorschlag zielt auf Ausschluss statt Einschluss und auf eine „vertikale Autorität“ statt auf Basisdemokratie, welche sie als bloße „Authentizitätsnostalgie“ abtun. Gerade eine experimentelle linke Politik sollte aber ihre – strategisch vielleicht ja sogar richtigen – Ausschlussverfahren demokratisch legitimieren können.

Die Akzelerationisten hingegen denunzieren Demokratie als Störfaktor beziehungsweise als immer schon ideologische Maskerade. Dann doch lieber gleich Elitenpolitik von oben, was für eine Logik! Dabei ließen sich die Protestformen der letzten Jahre als unvollständige Versuche verstehen, die Demokratie als Prozess neu zu demokratisieren. Mit ihrer Demokratieverachtung machen sich die Autoren dann doch mit Alain Badiou gemein, von dessen Ereignisgedöns sie sich sonst geflissentlich abgrenzen.

Auffällig wohlwollend und gönnerisch waren die Reaktionen im bürgerlichen Feuilleton auf das Buch und eine Akzelerationismus-Konferenz in Berlin. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass da Linke gegen Linke stänkern. Aber vor allem hat es damit zu tun, dass unbestimmt bleibt, wohin die Akzelerationisten denn hasten. Ich weiß nicht, was ich will, aber ich will es sofort: das kann man als vitalistische Punkattitüde mögen. Aber es gibt dann eben nichts, wovor die Verwalter des Status quo sich konkret fürchten müssten.

■ Aram Lintzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Grünen-Bundestagsfraktion und freier Publizist