SHEILA MYSOREKAR POLITIK VON UNTEN

Über sieben Brücken musst du gehn

Christian Wulff wählt Integration als Leitthema seiner Präsidentschaft. Eine gute Idee, da gibt es noch genug zu tun. Zum Beispiel in Niedersachsen

Christian Wulff will Brücken bauen. Alle sollten die gleichen Chancen haben, sagte er in seiner Antrittsrede, „egal, ob sie Krause oder Yilmaz heißen“. Wundervoll! Meinen Beifall, Herr Bundespräsident! Und falls Sie nicht wissen, wo Sie anfangen sollen, kräftig zu integrieren, hier ein Tipp: Es gibt ein Bundesland, wo Migranten eher ungern gesehen werden – Niedersachsen. Da könnten Sie der niedersächsischen CDU beibringen, wie man Einwanderer willkommen heißt. Bevor man sie dann abschiebt.

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann ist ein Scharfmacher in Sachen Ausländerpolitik. Aber davon hat sein früherer Vorgesetzter Wulff bestimmt nichts gewusst. Die Landesregierung Hannover hat sich beispielsweise mit Massenabschiebungen von Roma in den Kosovo hervorgetan. In Niedersachsen sei „die Abschiebepraxis sehr rüde“, heißt es bei Pro Asyl.

Aber das sind illegale Asylsuchende, solche Ausländer meint der Bundespräsident ja gar nicht, wenn er von erfolgreicher Integration redet. Er denkt an die von ihm ernannte niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan, die erste türkischstämmige Ministerin Deutschlands. Kaum machte Özkan jedoch eine kritische Bemerkung über Kreuze im Klassenzimmer, wurde sie zurückgepfiffen. Seitdem ist Ruhe im Karton. Daran erkennt man perfekt integrierte Ausländer – die spuren sofort.

Oder Wulff könnte versuchen, Rechtsradikale in die demokratische Zivilgesellschaft zu integrieren. Zum Beispiel in Niedersachsen, da sind die nämlich besonders stark – etwa im Landkreis Stade. Im neuen Integrationsbericht der Regierung heißt es, Einwanderer seien seltener kriminell und würden seltener handwerkliche Berufe ausüben, dafür seien sie häufiger in „wissensintensiven Dienstleistungen“ tätig. Das sollte Wulff mal brückenbauend den Faschos in ihrem nordelbischen Feuchtbiotop nahebringen. Was versteht ein Skin wohl unter einem „wissensintensiven Beruf“? Moderator von Quizsendungen?

Auch in der Parallelgesellschaft Lüneburger Heide gibt es für Wulff eine Menge Brücken zu bauen. Zum Beispiel hin zu Ausländern, die gern Deutsche werden möchten. Wie etwa die Linke-Politikerin Jannine Menger-Hamilton, einst britische Staatsbürgerin. Niedersachsens Innenministerium verschleppte jahrelang ihren Einbürgerungsantrag, weil sie, bedauerlicherweise, eine Linke ist.

Aber ich will natürlich auch nicht unfair sein. Christian Wulff steht ja erst am Anfang seiner Präsidentschaft. Und auf persönlicher Ebene hat er durchaus Risikobereitschaft gezeigt: Sich als CDU-Politiker und Katholik scheiden zu lassen und sich zu seiner eher unkonventionellen neuen Freundin zu bekennen, dazu gehört Mumm. Vielleicht kramt er ja genau diesen Mumm wieder aus, um sich in seinem neuen Amt für die Integration einzusetzen.

Diesmal wirklich.

Die Autorin ist Journalistin und in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Foto: Firat Bagdu