Geklautes Glück ist flüchtig: Im Block der Pseudobrasilianer

Ihr seid nicht Brasilien! Ihr ganz bestimmt nicht!

Herrschaften! Eine Mentalität kann man sich nicht einfach so anziehen wie ein gelbgrünes Hemd!

Immer, wenn Brasilien spielt, ist die Stadt auf einmal voll mit Brasilianern. Aber natürlich nicht mit echten. Die farbenfrohen Trikots kontrastieren auf eine Weise mit den müden Gesichtern, aus denen zuweilen die blasse Abgezehrtheit des konsequenten Veganers murmelt, die die Trübsal noch verstärkt. Automatisch stellt sich die Assoziation von zum Tode Verurteilten ein, die mit Clownsnasen, die ihnen eine befeuerte selbstgerechte Meute in grausamem Spott aufgesetzt hat, zum Richtblock schlurfen. Wenn das Brasilianer sind, dann bin ich eine Südseeschönheit.

Die Ursachen für diesen knochenblanken Opportunismus liegen klar auf der Hand: Leute, die in Herz und Seele vereinslos sind, weil sie sich nicht wirklich für Fußball interessieren, versuchen sich als Trittbrettfahrer des „wahren und gerechten“ Fußballs – das Phänomen FC St. Pauli. Zugleich möchte man immer gewinnen – das Phänomen FC Bayern. Beide vereinen sich im Phänomen Brasilien wie Feuer und Wasser, wie Herrgott und Teufel – im tiefsten Inneren absurd und unvereinbar wie die Übersteiger eines Zé Roberto mit dem verheerenden Gebolze in der Regionalliga Nord.

Dazu kommt die Sehnsucht nach der Leichtigkeit. Herrschaften! Eine Mentalität kann man sich nicht anziehen wie ein gelbgrünes Hemd! Es bekommt ja auch umgekehrt nicht jeder die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen, nur weil er einmal schlechte Laune hat. Zur Weisheit gehört, sich mit dem abzufinden, was man besitzt.

Aber nein: Nach dem Spiel geht’s gleich weiter zum Samba-Schnupperkurs im „Havanna“. Statt Damen- oder Herren- gibt es Nilpferd- oder Elefantenwahl. Die Nashörner stehen so lange traurig an der Bar und geben sich die Kante. Natürlich nicht mit Bier, sondern mit Caipirinha – vielleicht geht die Leichtigkeit ja auf diesem Weg ins Blut. Aber Vorsicht, Freunde! Plumpe Grabbeleien mit zwei Promille zählen nicht als Machismo, sondern sexuelle Nötigung im Vollrausch.

Ach so, habt ihr nicht gewusst? Bei Brasilien gegen Kroatien hatte ich sogar einmal live das Vergnügen: Während sich weiter rechts eine mittelgroße Gruppe echter Brasilianer die Scheiße aus dem Arsch trommelt, befinden wir uns mitten im Block der Pseudobrasilianer: Wohin man blickt, stecken in gelben Trikots Sonnenbankblondinen, Rastazöpfe, Grufties – alles, nur keine Brasilianer. „Brasil“, rufen die Trittbrettfahrer – es klingt wie „Persil“. Sie können „ihr“ Land noch nicht mal richtig aussprechen. Dazwischen schwappt „la ola“ durchs Olympiastadion, bis die faulige Bracke aus vorgetäuschtem Frohsinn und Langeweile an der Standfestigkeit der Kroaten bricht.

In Berlin-Kreuzberg versammeln sich zu allen Brasilienspielen die Pseudobrasilianer zusammen mit einigen echten vor, in und um das „Café do Brasil“ am Mehringdamm. Bei den blassen Frauen macht das ja noch durchaus Sinn: Mit ein wenig Geschick findet sich hier allemal Geschmeidigeres als die Tapsy Turtles, die in anderen Nächten über sie hinwegrobben. Und natürlich habe ich auch für die Verständnis (im Grunde habe ich überhaupt noch viel zu oft und viel zu viel Verständnis für alle und für alles!) und dafür, dass sie versuchen, mittels eines gestohlenen Zaubers wenigstens ein kleines bisschen Licht in die eigene Trübnis zu bringen. Doch das funktioniert nicht. Geklautes Glück ist flüchtig. ULI HANNEMANN