Ein fröhliches Klassentreffen

Anlässlich ihrer Emeritierung hat die Bildhauerin Irmin Kamp in der Kunsthalle Düsseldorf die Arbeiten von 32 ehemaligen Akademie-Studenten um sich versammelt. Viele von ihnen kennt man, das Werk ihrer Professorin hingegen ist fast vergessen

Derart weitreichenden Einfluss genießt heute keine Kunstkritik, zumindest wird nicht mehr so offen darüber gesprochen: 1973 hat der in Düsseldorf hochgeschätzte britische Kritiker und Diplomat John Anthony Thwaites im Spiegel einen bebilderten und offenbar sehr enthusiastischen Artikel zu Irmin Kamp und ihrer Kunst veröffentlicht. Der soll den damaligen Akademiedirektor Norbert Kricke veranlasst haben, die ihm bis dato unbekannte Bildhauerin zu einer Bewerbung als Professorin zu ermuntern. Sie hatte Erfolg damit. In den 33 Jahren ihrer Lehrtätigkeit an der Düsseldorfer Kunstakademie (1974-2006) haben rund 160 Studenten die Klasse besucht, haben mit verschiedenen Medien und neuen Materialien experimentiert, haben ausführlich über ihre Arbeiten diskutiert und mit handwerklichem Ehrgeiz gewerkelt.

„Es wird im wesentlichen über die Arbeiten gesprochen, über Idee, Ausführung, fertiges Objekt oder die Vergleiche mit früheren Arbeiten. Dann spielt auch das Umfeld eine Rolle: Raum, Publikum, Erfahrungen bei Ausstellungen“, erläutert Irmin Kamp ihr erprobtes didaktisches Konzept. 50 Prozent ihrer oft erstaunlichen Entwicklung verdankten die Studenten nämlich dem Austausch untereinander. Die fruchtbare und scheinbar relativ konkurrenzfreie Zusammenarbeit ist den ehemaligen Studenten noch heute im Gedächtnis. Auch das aktuelle Zusammentreffen der Gruppe in der Düsseldorfer Kunsthalle ist erfreulich entspannt und kollegial. „Obwohl sie in dieser Konstellation nie gemeinsam im Atelier gearbeitet haben“, sagt Kunsthallen-Leiterin Ulrike Groos. Der Aufbau der Ausstellung wurde ein gemeinschaftliches Projekt zu Ehren ihrer Lehrerin, die von 1982-1987 auch Rektorin der renommierten Akademie war. Mit ihren Studenten hat sie laufend Projekte und zahlreiche Aktionen im Düsseldorfer Stadtraum initiiert und realisiert. So zeigt die Kunsthalle viele unterschiedliche Positionen, deren gemeinsame Grundlage die offene und inspirierende Atmosphäre war, die, wie der heutige Akademie-Chef Markus Lüpertz in seinem Grußwort sagt, „unerschöpfliche Energie künstlerischer Befeuerung, die Irmin Kamp zielgenau auf die Talente ihrer Klasse richtete“. Mit der Ausstellung solle außerdem „die wichtige, langjährige Zusammenarbeit zwischen Kunstakademie und Kunsthalle“ unterstrichen und wiederbelebt werden, die in den letzten Jahren ein wenig zu kurz gekommen war.

Die ersten Jahre an der Akademie, eine überaus spannende und spannungsreiche Zeit, waren für die junge Künstlerin Irmin Kamp (geb. 1940 in Delmenhorst) nicht immer einfach. Sie erinnert sich an die stürmischen Jahre des Umbruchs, zwei Jahre nachdem Joseph Beuys von der Polizei aus dem Sekretariat befördert, vom damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau seines Amt enthoben und sein Klassenraum (der legendäre Raum 3) verschlossen worden war. In seinem Namen herrschte auch damals immer noch Aufruhr. Die Zerstörung der letzten Beuysschen Fettecke 1986 in der Akademie, neun Monate nach dem Tod des Künstlers, fiel in die Amtszeit von Irmin Kamp. Doch obwohl sie Beuys-Schüler Johannes Stüttgen bei der Rettung der Plastik unterstützte, gelang es Verwaltung und Ministerium, die Fettecke zu entfernen. Stüttgen brachte schließlich vor Gericht den Beweis, „dass nicht nur Fettecken als solche, sondern sogar gar nicht mehr vorhandene hochwirksam sind“. Der Geist jener Jahre berührte auch die Lehre der Bildhauerin.

Große Installationen wie etwa Volker Andings „Spukhaus“, Luka Fineisens Schaumtisch, Jarg Geismars bewegliche Schuhsäule oder Gabriele Horndaschs Reminiszenz an das abgerissene Lichtburg-Programmkino auf der Kö, sind in ihrer medialen Vielfalt typisch für den Geist der Kamp-Klasse. Christoph Büchel hat mit Tisch, Stuhl, Münzenteller, Radio und einem vollen Aschenbecher mal eben eine fiktive Klofrau vor die Damentoilette gesetzt und Axel Lieber versteckt unter einer steifen Decke ein kleines, doofes Geheimnis. Das grob-karierte Objekt ist nichts weiter als seine Oberfläche – und sehr poetisch. Die Passantenfotos von Peter Mönnig, aufgenommen 1978 im World Trade Center waren einst lapidarer Kommentar zur alltäglichen Eile. Heute haben sie eine beklemmende Realität gewonnen. Sie zeigen lauter Durchgänge, Türen und Schwellen: potentielle Ausgänge. Viele der Künstler kennt man heute, doch das Werk ihrer Professorin ist hingegen fast vergessen