„Wir tragen die Kosten“

GESUNDHEIT Der Arzt Michael Janßen behandelt Papierlose, die anonym bleiben wollen. Krankenhäuser bekommen dafür das Geld erstattet – niedergelassene Mediziner nicht

INTERVIEW CHRISTIAN JAKOB

taz: Herr Janßen, auch Menschen ohne Aufenthaltsrecht haben in Deutschland Anspruch auf gesundheitliche Versorgung. Warum behandeln Sie solche Patienten umsonst?

Michael Janßen: Wer keinen Aufenthaltstitel hat und krank wird, bekommt zwar vom Sozialamt einen Krankenschein – aber nur, wenn er sich dort meldet und zu erkennen gibt. Das kommt für viele nicht infrage, denn dann könnten sie verhaftet und abgeschoben werden.

Was geschieht, wenn solch ein Patient in Ihre Praxis kommt?

Ich erfasse ihn als Privatpatienten in unserem Praxisverwaltungssystem, teils unter echtem Namen, teils unter Pseudonym. Dann behandele ich ihn wie alle anderen Patienten auch.

Mit was für Beschwerden kommen die Menschen?

Teils sind das leichte Erkrankungen. Kürzlich gab es aber auch jemand, der hatte starke Schmerzen im Brustkorb. Den habe ich zum Röntgen geschickt, und es stellte sich heraus, dass er ein Projektil im Brustkorb hatte, von einer alten Schussverletzung.

Wer übernimmt bei Behandlungen die Kosten für Laborleistungen und Medikamente?

Es gibt zwei kooperierende Apotheken, die uns preisgünstige Sachen zur Verfügung stellen. Klappt das nicht, stelle ich ein Privatrezept aus. Die Medikamente werden dann teils aus Spenden finanziert. Es gibt auch ein Labor, das kooperiert. Die meisten Untersuchungen, die wir brauchen, kosten zwischen 5 und 30 Euro. Die bekommen wir umsonst. Ansonsten kriegen wir eine Rechnung und tragen die Kosten selbst.

Haben Kooperanten Angst, sich der Beihilfe zum illegalen Aufenthalt schuldig zu machen?

Die Angst wäre unbegründet, bei unseren Partnern ist das nicht der Fall. Aber das gilt natürlich nicht für jeden.

Ist es Patienten peinlich, wenn sie umsonst behandelt werden?

Das merke ich so nicht. Wir arbeiten oft mit einem Dolmetscher zusammen, und das Nonverbale ist für mich schwierig zu beurteilen. Menschen etwa aus subsaharischen Ländern haben kulturell ein anderes Auftreten beim Arzt. Ich kann es schwer beurteilen, aber mir fällt nicht auf, dass sie sich zieren oder dass sie sagen: „Ach, lassen sie mal, das kostet doch so viel.“

Wirkt sich die soziale Lage der Patienten auf ihre Gesundheit aus?

Am deutlichsten sind die Folgen von Fehlernährung. Die Menschen sind gezwungen, billig zu essen, das bedeutet meist fett- und kohlenhydratreich – mit den bekannten gesundheitlichen Folgen.

Gibt es auch psychische Folgen?

Viele leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Angststörungen. Es ist aber für mich schwer ersichtlich, was davon auf ihre aktuelle Situation zurückzuführen ist. Tendenziell sind die Menschen sehr skeptisch und vorsichtig.

Begegnen die Patienten auch Ihnen mit Misstrauen?

Teilweise. Neulich hatte ich jemanden in der Praxis, der wollte noch nicht mal, dass ich den Befund des Röntgenlabors, den er mitgebracht hatte, in das System einscanne. Den hat er sofort wieder eingesteckt. Ich kenne die Vorgeschichte der Patienten oft nicht, und ich frage auch nicht danach. Ich will nicht den Eindruck erwecken, ich würde sie auch noch verhören.

Spielen Krankheiten eine Rolle für das Aufenthaltsrecht?

Bisweilen wollen Anwälte, dass ich ein Attest ausstelle, um das bei der Ausländerbehörde zu verwenden. In dem Rahmen, den ich durch meine Behandlung überblicke, kann ich das machen.

Wie oft behandeln Sie papierlose Patienten?

Jede Woche.

Auf wie viel Honorar verzichten Sie dafür im Jahr?

Ich schätze auf etwa 2.000 Euro.

Es gab eine Gesetzesnovelle, um die Versorgung Papierloser zu verbessern. Was hat sich seitdem geändert?

Krankenhäuser können ihre Notfallleistungen seither direkt mit dem Sozialamt abrechnen, ohne Patientendaten übermitteln zu müssen. Aber für die Behandlung durch niedergelassene Ärzte hat sich leider nichts geändert.