Kolumne von JOACHIM LOTTMANN
Es gab einmal einen Journalisten, der schrieb Kommentare und hieß Rudolf Augstein. Alle 14 Tage vertrat er im Spiegel den immer gleichen Standpunkt zum immer gleichen Thema: Realpolitik sei besser als Kriegspolitik. Er wiederholte sich dabei so hemmungslos und schamlos, dass er von jedem Vorgesetzten auf der Stelle gefeuert worden wäre, hätte es einen gegeben.
Er schrieb einfach immer dasselbe: Man dürfe keinen Unrechtsstaat militärisch angreifen, so schlimm der auch sei. Denn sonst müsse man noch 50 andere angreifen, die noch viel schlimmer seien. In seinem letzten Kommentar wenige Tage vor seinem Tod agitierte er erneut gegen den Irakkrieg und lobte Kanzler Schröder für dessen militärische Zurückhaltung.
Das ist lange her. Die Haltung, die Entschiedenheit, die Strahlkraft.
Heute gibt es keinen Journalisten, der Vergleichbares in Sachen Afghanistan sagt. Politiker schon: Lafontaine, Gysi, überhaupt die ganze Linken-Führung, Ströbele und manche Basis-Grüne. Die Journalisten übernehmen die Sprachregelungen der regierenden Parteien. Das ist sehr seltsam. Denn diese Sprachregelungen sind ja schon auf den ersten Blick falsch.
Nehmen wir allein die ersten drei: Ohne die Bundeswehr würden die Taliban dort Terroristen ausbilden. In Wahrheit kontrollieren die Besatzungstruppen nur ein paar Städte, und die Taliban bilden weiter aus, wen und wo sie wollen. Oder: Die Bundeswehr ist für den zivilen Aufbau da. In Wahrheit traut sie sich aus ihren Feldlagern nicht raus und überlässt 90 Prozent des Gebietes sich selbst. Zudem bewirken ein paar hundert Aufbauhelfer in einem Staat von dieser Größe gar nichts. Genauso gut könnte man behaupten, ein paar Hundertschaften Bauarbeiter in Wuppertal würden Deutschland verändern.
Oder: Die Luftschläge schrecken Terroristen ab und sind auch gegen den Opiumanbau gut. In Wahrheit haben die Bomben aus heiterem Himmel dieselbe Wirkung wie in Vietnam: Sie schweißen das Volk zusammen, inklusive Taliban. Und der Opiumanbau hat sich vervielfacht, seitdem wir da sind.
Das alles ist bekannt und sonnenklar. Regierende Politiker dürfen das wahrscheinlich nicht sagen. Das ist beschämend genug, aber wenigstens nachvollziehbar. Sie stehen halt unter dem Druck der Amerikaner. Aber warum lügen die Journalisten mit? Wer oder was treibt sie zu schreiben, unsere Armee sichere am Hindukusch unsere Freiheit? Man dürfe die Afghanen nicht im Stich lassen? Man sei nicht kopflos da reingegangen und werde jetzt nicht kopflos rausgehen, und so weiter? Warum schreibt keiner: Doch, wir sind da kopflos reingegangen, und die 90 Prozent, die wir gar nicht erreichen, sind heilfroh, wenn die todbringenden Bomber endlich vom Himmel verschwinden?
Unsere Freiheit haben wir mit der absurden Militärpräsenz nicht verteidigt, sondern fundamental gefährdet. Jeder von uns getötete Muslim hat die Taliban erst stark gemacht. Warum schreiben die Kollegen das nicht? Hat deshalb die mehrheitliche Empörung in der Bevölkerung keine Auswirkung auf die Wahlentscheidung? Gestern haben viele Menschen die Parteien gewählt, deren Kriegslügen sie durchschauen. Das ist vielleicht nicht einmal ihre Schuld. Es ist ein Versagen des deutschen Journalismus, dem zu vertrauen die Menschen in sechs demokratischen Jahrzehnten gelernt haben.
Gut, dass Rudolf Augstein schon tot ist. Er hätte diesen Niedergang seines Berufsstandes nicht überlebt.
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Leserkommentare
29.09.2009 15:46 | Lenny
Den Niedergang des Journalismus kann man auch hier gut erkennen: ...
29.09.2009 12:41 | H.Klöcker
Der SPIEGEL schreibt heute neoliberal-konservativ. Kann man vergessen. ...
29.09.2009 12:12 | sokt
"Es ist ein Versagen des deutschen Journalismus, dem zu vertrauen die Menschen in sechs demokratischen Jahrzehnten gelernt ...