Existenzialismus ist over

Worum geht es bei der WM-Party? Die neoliberalen Verhältnisse sind zu ernst, um ernst zu sein. Die Leute nehmen den Fußball nicht mehr so ernst, wie man es muss, um seine ganze Tiefe zu erfahren

Schwarzrotgold weht traurig im Wind. Oben ein schwarzer Block, unten schwere Rotweinfarbe, dazwischen ein schmaler goldener Streifen. In der Mitte ein Logo, das von weitem an Hammer und Sichel erinnert. Ist es die Flagge der kurzlebigen Münchner Räterepublik, im Mai 1919 niederkartätscht von Freikorps-Proto-Nazis? Oder ein leninistisches Flag-Busting im Stile des so genannten Guerilla-Marketing? Nein, es ist die Flagge Angolas. Was wie Hammer und Sichel aussieht, stellt sich als Schwert und Zahnrad heraus, eine Verfeinerung kommunistischer Insignien, die einem angesichts der Geschichte des Landes wie ein zynischer Witz vorkommen muss. Jetzt weht die Fahne aber traurig, weil Angola ausgeschieden ist.

Erinnert sich noch jemand an die bis zum Überdruss geleierte Leier, dass es keine „Kleinen“ und „Fußballzwerge“ mehr gäbe? Wurde die wirklich nur angestimmt, um den Deutschen ihre kleinen Erfolge über genau solche Zwerge zu versüßen? Die dazugehörige Realität einer globalen Chancengleichheit im Weltfußball ist jedenfalls abhanden gekommen. Das Viertelfinale werden Traditionsmannschaften bestreiten. Seine acht Teilnehmer werden vermutlich fast identisch mit den ersten acht der ewigen WM-Tabelle sein: das achtplatzierte Schweden oder das zweitplatzierte Deutschland werden dabei wohl von dem Zwölften, den Niederlanden, ersetzt.

Die Fußball-Globalität ist bei dieser WM wieder auf dem Stande von etwa 1966: Kern-Europa dominiert, gemeinsam mit den üblichen Südamerikanern, der Rest spielt allenfalls schön, ist aber, wie vor allem die Afrikaner, immer noch und wieder, „nicht kaltschnäuzig genug“ (weil es da unten so warm ist) oder „vor dem Tor zu verspielt“ (wegen Naivität). Die konkreten Fußballspieler dieser Teams können noch so sehr ihr Geld bei Champions-League-Teilnehmern verdienen. Sobald sie im National-Hemd stecken, so suggeriert diese Rede, obsiegt der Nationalcharakter über den des Profis, und sie sind plötzlich „verspielt“.

Dass noch bei jeder WM alle Ideologiekritik und Aufklärung gegenüber der Rede vom Volks- und Nationalcharakter sich als vergeblich erweist, ist nichts Neues. Aber dass auch die Spieler immer wieder von der ideologischen Anrufung, sie hätten ihr Volk zu vertreten, euphorisiert oder eben paralysiert werden, ist doch ziemlich hart. Die Nicht-Europäer werden bei europäischen WMs dann immer wieder in die psychologische Situation der alten kolonialen Weltordnung versetzt und wenn sie einschussbereit vor dem leeren Tor stehen, können sie es nicht, weil sie irgendwie fühlen, dass sie es nicht dürfen. Die Deutschen, namentlich ihre sonst immer nationalcharakterologisch hyperaktiven TV-Kommentatoren, sind diesmal mit ihrem eigenen Schwarzrotgold beschäftigt – das erspart uns Einiges an Deutungen.

Ihrer zentralen Behauptung, dass nicht alle, die ein Fähnchen auf ihr Taxi gesteckt haben, Nazis sind, will ich gerne glauben. Auch seriöse Meinungsforscher beziffern die Anzahl völkisch empfindender Deutscher nur auf 25 %. Aber ist das ein Grund darüber nun in eine neuerliche nationale Ekstase zu geraten?

Eine Ekstase, die vor allem auf abenteuerlichen Diagnosen über die spezifische Semantik der Fahne und den Intentionen patriotischer Sprechakte beruht. Woher wissen die sich überschlagenden, neopatriotischen Feuilletonisten eigentlich, dass der gemeine Fan nicht einfach – wie sonst auch schon immer – sich zu einer Meute schlagen will, sondern Fahnen schwenkend plötzlich sein verfassungspatriotisches Verhältnis zum Geist der Paulskirche zum Ausdruck bringe? Und das auch noch auf entspannt-mediterrane Art? Und, vor allem, was denn nun: Entspannt-mediterran oder Paulskirche? Und überhaupt: schlimmer als Nationalismus ist nur lockerer Nationalismus.

Recht haben die paradox argumentierenden lockeren Nationalisten – Die Deutschen sind endlich locker und meinen nichts so richtig ernst. Endlich nehmen die Deutschen ihr Deutschsein wieder ernst – nur mit einem Teil des ersten Satzes: Die Leute nehmen generell den Fußball nicht mehr so ernst, wie man ihn eigentlich nehmen muss, um ihn aushalten und seine Tiefe auskosten zu können. Verlierer vergessen schnell ihre Schmach und suchen einen anderen Einstieg. Fans sind heute eher Söldner als Vaterlandsverteidiger. Katharsisverweigerer. Dabei sein ist wichtig, wo, ist sekundär.

Das Spiel und vor allem das darum herum stattfindende Spektakel allegorisiert nämlich nicht mehr Schicksal, das Leben, das bis auf den unvermeidlichen Schlusspfiff absolut unsicher und zukunftsoffen ist, aber beinhart und das Einzige, das wir haben. Aber Existenzialismus ist over, bei dieser WM. Die neoliberalen Verhältnisse sind zu ernst, um ernst zu sein. Die WM zeigt sich vielmehr als eine inklusive Party, als Organisation von Partizipation ohne Zugangshindernisse. So machen das heute alle Ereignisse: sie sind inklusiv, heiter, ohne Verpflichtung und Konsequenz – die WM verlängert diese Tendenz ins Totale.

Aber worum geht es auf dieser Party? Ist das hier so was wie die Multitude, wie man punktuell bei den besseren der Public-Viewing-Erlebnisse meinen könnte: ein heterogener Haufen aus Singularitäten, die sich im Verlauf eines Spiels auf unvorhersehbare Weise zu kleinen brisanten Allianzen verdichten und wieder auflösen und dann noch eine Weile irre und intensiv durch die Nacht zischen?

Nein, es ist nur der Markt, dessen Allegorie wir aufführen. Wir alle müssen an ihm teilnehmen. Nicht nur für Karriere und Lebensunterhalt, auch weil ein anderes Soziales sich kaum noch findet. Auch ein Außen der WM ist nicht mehr zu finden und alle, die sich gerne in ein solches zurückziehen würden, spüren deutlich, dass sie damit aus der Welt fallen würden. Niemand wäre da draußen. Außer Angola.

Also nehmen wir lieber gleich enthusiastisch teil. Hauptsache: integriert. Nach dem 9. Juli endet diese Integration der Abgekoppelten eh. Wer sich dann noch an nationale Symbole klammert, tut es aus denselben Gründen wie vor der WM: weil ihm oder ihr der Staat außer Symbolen nichts mehr zu bieten hat.