Ein Hauch Glamour

MODE Model, Fotografin, Designerin, Ladenbetreiberin, Modebloggerin und überhaupt ein Vorbild für die Jugend. Bonnie Strange ist mit der Kunde von der Selbstbestimmung zur Stilikone geworden. Porträt des Berliner It-Girls

Wer die Jugend verstehen möchte, sollte in die Tauentzienstraße fahren. Ungezählte Exemplare dieser Spezies treiben sich hier rum. Etwa in der viergeschossig leuchtenden Dependance der Textil-Kette Forever 21, die aus den USA vorwiegend nach China Aufträge erteilt, um die Jugend dieser Welt mit unverschämt günstiger Mode zu versorgen. An den Umkleidekabinen bessern Schüler ihr Taschengeld auf, indem sie Hotpants und Ponchos aufbügeln, während sie über Klamotten und Körper ihrer Mitschüler befinden. An diesem Abend machen sie es auch über den von Bonnie Strange.

Ein großes, schlankes Exemplar von Körper, mit einem runden, freundlich lächelnden Gesicht darauf. Die Sprecherin der Generation Primark (eine andere Billigklamottenkette, die bereits in halb Europa aktiv ist) ist an dem Tag zu Besuch. Forever 21 hat die junge Frau eingeladen, um mit 30 eher unbekannten Bloggern Sekt zu trinken, Fotos zu machen und drei Schaufensterpuppen zu stylen. Das, was gemeinhin weniger mit Arbeit in Verbindung gebracht wird, ist ihr Job, und nicht nur deswegen wird Strange belächelt.

Doch es gibt mehr Gründe als ihre unstete Haarfarbe und ihren kreischenden Kleidungsstil, um Fan der 26-Jährigen zu sein. Das Berliner It-Girl ist schlaue Geschäftsfrau und Vorbild für die Jugend zwischen Lichtenberg und Düsseldorf. Das stimmt hoffnungsvoll, denn diesen Job hat lange niemand mehr gemacht, der derart emanzipiert ist und die frohe Kunde von selbstbestimmter Arbeits- und Partnerwahl gut gelaunt und erfrischend direkt verbreitet.

Model, Designerin

Es sagt weniger über die Person Bonnie Strange, als über die Welt, in der sie sich bewegt, dass, wenn man sie als Fotografin, Conceptstore-Betreiberin, als Model und Designerin vorstellt, nicht gleich alle wissen, von wem die Rede ist. Erst wenn der Exfreund Wilson Gonzales Ochsenknecht erwähnt wird, fällt der Groschen. Eigenes Modelabel, Kampagnengesicht bei der Modemarke Pimkie, Auftritte in Trash-TV-Formaten, all das hat Bonnie Strange gemacht. Sie hatte auch mal eine Band mit Modellkollegin und Castingshow-Sternchen Marie Nasemann, nach zwei Singles hatten die Damen jedoch genug von der Musik.

Selbst Perez Hilton, Amerikas Nummer-1-Klatsch-Blogger, dem nachgesagt wird, er könne Stars wie Lady Gaga zu Ruhm verhelfen und wieder stürzen, wurde auf Strange aufmerksam. Sie ist die geschäftlich am breitesten aufgestellte Modebloggerin, zumindest, wenn man unter Modeblogger diejenigen versteht, die für Geld Produkte und Kleidung empfehlen, indem sie hübsche und vermeintlich persönliche Bilder von sich ins Internet stellen. Sicher ist Bonnie Strange die einzige Modebloggerin, die einen eigenen Trend gesetzt hat: Das Beste aus den 80ern und 90ern kombiniert mit einem Hauch Glamour.

Jana Weilert hieß sie mal. Halb-Russin, Schneiderlehre. So steht es zumindest im Internet. Dort erfährt man auch, wen sie liebte, wie ihre Mutter aussieht, was sie nachts isst und mit wem sie um die Häuser zieht. Bonnie Strange braucht die Presse nicht unbedingt, sie nutzt Instagram. Über 128.000 Follower, die fast 2.000 Bilder von ihr sehen können: Ihre schmalen Füße in strahlend weißen Tennissocken, die auf dem Couchtisch vor dem Flachbildfernseher liegen, ein vegetarischer Burger, ihre beeindruckende Schuhwand, ihre nackten Schultern auf pinkem Teppich und die Klassiker: Selfie vor großem Spiegel in der Maske, Selfie mit Biss auf die Unterlippe, Selfie vor der Party, Selfie nach der Party.

Jana Weilert hieß sie mal. Halb-Russin, Schneiderlehre. So steht es zumindest im Internet. Dort erfährt man auch, wen sie liebte, was sie nachts isst und mit wem sie um die Häuser zieht

Bei der Treffaktion in der Tauentzienstraße trägt Bonnie Strange Leggings und bauchfreies Oberteil mit Kussmund-Print. Im grellen Licht fällt auf, wie übertrieben ihr Make-up aussieht, das auf Fotos und im Fernsehen so perfekt wirkt. Wenn sie spricht, lächelt sie, das kann sie gleichzeitig, und manchmal legt sie einem die Hand auf den Arm. Kurz nur. Das ist nett, denn vor geschätzten 1,80 Meter und ein wenig zu greller Stimme könnte man sonst auch fast etwas Angst bekommen.

„Join My Super High Anti Fashion Life“, steht auf ihrer Facebook-Seite – gerichtet an über 175.000 Fans – aber was soll das eigentlich? Es sei schnell ein Thema gewesen, dass sie auf roten Teppichen H&M getragen habe, das habe sie eben humorvoll zuspitzen wollen. Die selbstbewusste Provokation mit dem Durchschnitt ist es, mit der Strange starke Emotionen („eitel“, „billig“, „mediengeil“) bei denen auslöst, die keinesfalls zum Durchschnitt gehören wollen.

Natürlich möge sie auch die großen Modehäuser, sagt Bonnie Strange. Dior habe sogar mal angefragt, ob sie nicht was von ihnen tragen wolle, doch auch mit ihrem höheren Einkommen kaufe sie immer noch bei Klamottendiscountern, denn die großen Häuser gäben den Stil oft einfach nur vor. Und 280 Euro für eine Jacke ist ihr zu teuer.

Kleider für kleines Geld

Wie auch andere It-Girls und Blogger weckt Bonnie Strange bei ihren Betrachtern oft einen Konsumwunsch, doch ist dieser bei ihr auch für den normalen Menschen stillbar und endet nicht in selbstbewusstseinszersetzendem Neid. Sie ist zur Stilikone einer riesigen Käuferschicht geworden, Kids mit überschaubarem Taschengeld und junge Menschen mit überschaubarem Einkommen.

Doch für 130 Euro bekommt man zum Beispiel in der Tauentzienstraße durchaus fünf Hosen, einen Pullover und ein paar Socken. Unter sozialgerechten oder umweltfreundlichen Umständen kann das Zeug natürlich so nicht gefertigt werden. Das wird Bonnie Strange, von der man aufgrund ihrer vegetarischen Ernährung merkwürdigerweise oft auch Konsumkritik erwartet, immer wieder vorgehalten.

In ihrem eigenen Laden „The Shit Shop“, den sie mit Freundinnen im Juli 2012 erst in Prenzlauer Berg eröffnete und der bereits nach wenigen Monaten in die Rückerstraße, eine Querstraße der hochpreisigen Modemeile Mulackstraße, ziehen konnte, ist es ein wenig teurer. Dort gibt es nicht nur Pullover mit Smileys, weiße Flokatimäntel oder Sweater mit Aufschrift aus ihrer Kollektion („Toy Boy“, „Go Veggie“), sondern auch Bücher („Makeup Manual“, „The Little Book Of Shocking Food Facts“, „Puppetry Of The Penis“) und ein Tattoo- und ein Nagelstudio. Auf Flohmarkt-Events kann man Bonnies Second- beziehungsweise dann Thirdhandkleider kaufen.

Auf ihren Vorbildcharakter angesprochen, erzählt sie davon, wie viele Mädchen sich von vermeintlichen Vorlieben der Jungen beeinflussen ließen. Küssen, Sex, Styling, alles so wie man glaubt, dass der Typ es geil findet. „Das ist schrecklich!“ Sie möchte zeigen, dass es anders geht. „Wie eine große Schwester.“ Auf ihrer Facebookseite postet sie den Spruch: „Wenn’s für dich cool ist, dann ist es kein No Go!“ In ihrem Laden werden Shirts mit der Aufschrift „My Body My Rules“ verkauft. Ein Slogan, der ja in den unterschiedlichen Situationen des Lebens gilt und nicht oft genug betont werden kann.

Auch ein „Kill The Bride“-Shirt gab es im Shit Shop zu kaufen, das trug Bonnie Strange zu ihrem Junggesellinnenabschied. Im Sommer des vergangenen Jahres heiratete sie in Las Vegas. Fotos vom durchsichtigen Hochzeitskleid und von Braut und Bräutigam stilecht im Cadillac gab es kurz nach dem Ja-Wort im Netz zu sehen. Der auch „Ja“ gesagt hat, ist der Hamburger Jakob Haupt. Er betreibt den Männer-Mode-Blog „Dandy Diary“, eine der wenigen reflektierten und sich selbst nicht zu wichtig nehmenden Fashion-Websites im deutschsprachigen Internet.

Auf Dandy Diary ist mit „Christmas Time“ ein Musikvideo zu sehen, bei dem neben weiterer Prominenz wie Rolf Eden auch Bonnie Strange mitspielt. Als „It-Girl und Ehefrau“ wird sie vorgestellt. Das weihnachtliche Video gibt einen Einblick, wie man sich die Festtage im Hause Strange vorstellen darf: Während Bonnie Strange in Weihnachtsreizwäsche rauchend auf dem Sofa lümmelt, saugt der Herr des Hauses im weißen Unterhemd Staub. Selten war Trash in so einem guten Zustand. Selten war Emanzipation so ein erschwingliches Accessoire im Jugendzimmer.