Ritter der Binnennachfrage

ANTI-SPAR-PROGRAMM In Zeiten knapper Kassen erfährt die Regionalwährung Roland kräftigen Zuspruch. Sein Umsatz dürfte 2010 erstmals die Halbmillionengrenze knacken

VON ARMIN SIMON

Er kennt das schon, es ist, sagt Karl-Heinz von Bestenbostel, „das typische Dilemma“. Er will das Große ins Kleine runterbrechen. Deswegen der „Roland“, die Bremer Regionalwährung. Von Bestenbostel geht es um Kapitalismus und Globalisierung, um die Auswüchse des Finanzsystems, er redet über Banken, Konzerne, über das Prinzip von Zins und Zinseszins und die Folgen von alldem – Geldtheorie, vieles ist ziemlich abstrakt. „Und dann kommt die Frage: ‚Warum sollte ich als Konsument beim Roland mitmachen?‘“

Noch vor ein paar Jahren stufte die Bundesbank, die das Währungsmonopol innehat, die Regionalwährungen als „bedeutungslos“ ein. Doch seit Finanzmärkte kollabieren, Staatspleiten drohen, Regierungen milliardenschwere Rettungspakete für Banken schnüren und der Bevölkerung zum Ausgleich Sparpakete aufbürden wollen, erfahren Projekte wie der Roland wachsenden Zuspruch. Die inzwischen 220 Mitglieder von „Roland-Regional – Verein für nachhaltiges Wirtschaften“ kauften und bezahlten im vergangenen Jahr voneinander Waren und Dienstleistungen im Wert von 360.000 Roland, was der gleichen Summe an Euro entspricht. Dieses Jahr, prognostiziert von Bestenbostel, werde der Umsatz erstmals die Halbmillionenmarke knacken.

Der Roland, beteuern seine InitiatorInnen, soll jedoch kein Ersatz für den Euro sein. Er ist ein Versuch, parallel zum Euro ein Wirtschaftssystem mit eigenen Spielregeln aufzubauen. Eines, in dem Banken, Konzerne und SpekulantInnen nichts zu melden haben, das die regionale Wirtschaft und die biologische Landwirtschaft stärkt, und wo sich Geld nicht von allein vermehrt.

Etwa 100 Geschäfte, Unternehmer und Dienstleister in Bremen und umzu akzeptieren die Roland-Schecks bereits. Das Spektrum reicht vom Naturkostladen und „Spar“-Markt über PsychotherapeutInnen, ArchitektInnen und Buchhandlung bis zur Kfz-Werkstatt. Formal stellen die Roland-Schecks eine „interne Verrechnungseinheit“, nach außen eine Zahlungsverpflichtung in Euro dar. Praktisch ist das System inzwischen so groß, dass nur ein Teil der Roland-Umsätze wieder in Euro zurückgetauscht wird – ein eigener, kleiner, regionaler Wirtschaftskreislauf ist entstanden. Befeuert wird der unter anderem durch eine monatliche Umlaufsicherungsgebühr in Höhe von einem Prozent, die für Guthaben wie Schulden auf dem Roland-Verrechnungskonto anfällt. Selbst die Bremer Wirtschaftsjunioren hat das Konzept überzeugt. Die NachwuchskapitalistInnen der Handelskammer preisen den Roland als eine von „Bremens besten Seiten“.

Für die teilnehmenden HändlerInnen ist die Regionalwährung vor allem ein System der Kundenbindung. VerbraucherInnen profitieren etwa davon, dass die Schecks erst am Monatsende miteinander verrechnet werden: Mit Roland einkaufen kann somit auch, wer euromäßig nicht liquide ist.

Für Geld, wo Geld sonst schwer zu bekommen ist, sorgt der Roland auch an anderen Stellen: Mitgliedern, vorzugsweise Betrieben der Nahrungsmittelgrundversorgung, stellt der Verein zinslose „Hilfen“ zur Verfügung, und zwar in Roland als auch – mit Hilfe der Einnahmen aus dem Roland-Verkauf – in Euro. Jeder Teilnehmer kann zudem eine persönliche Spendenfunktion einrichten: Bei mit Roland bezahlten Einkäufen wandert dann automatisch ein festgelegter Prozentsatz auf das Roland-Konto eines zuvor bestimmten Vereins oder einer Initiative.

Im egoistischen Sinne wirtschaftlich sei diese „Verantwortung für die Gemeinschaft“ nicht, räumt von Bestenbostel ein. Die Erfahrung zeige aber, dass viele gar nicht bloß streng ökonomisch dächten. Einer der wesentlichen Gründe, beim Roland mitzumachen, sei vielmehr „das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss“.