„Ich sehe mich als Individualisten“

Morgen beginnt das Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt. Mit dabei: der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer, der auf der Buchmesse in Leipzig mit seinem Roman „Als wir träumten“ für Aufsehen sorgte. Ein Gespräch über Klagenfurt, Geld, Erfolg, soziale Milieus und Tätowierungen

Herr Meyer, Sind Sie aufgeregt vor Ihrem Auftritt in Klagenfurt?

Ja, ein bisschen Angst habe ich schon, gerade vor der Jury. Aber ich bin mehr als 100-prozentig von meiner Geschichte überzeugt. Die ist wirklich gut, die hatte ich schon länger im Kopf. Die Geschichte ist artifiziell, aber voller Substanz. Ich hoffe, dass sie einschlägt wie eine Faust. Wenn jemandem diese Art von Literatur nicht gefällt, kann ich daran nichts ändern.

Mit Ihrem Debütroman „Als wir träumten“ haben Sie auf der Leipziger Buchmesse für viel Aufsehen gesorgt. Der Roman war auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Setzen Sie in Klagenfurt nicht Ihren frischen Ruhm aufs Spiel?

Also, ich will gleich mal was klarstellen: Ich habe den Preis der Leipziger Buchmesse nicht bekommen, den hat Ilija Trojanow gewonnen. Ich habe überhaupt noch keinen Literaturpreis gewonnen, außer mal einen vor fünf Jahren, den MDR-Literaturpreis. Ich möchte jetzt mal einen richtig großen Preis gewinnen, das sei mir doch auch mal vergönnt! Es ist ja nicht so, dass ich von meinem Roman massenweise verkauft hätte und jetzt reich wäre. Ich brauche das Klagenfurt-Geld, und zwar jeden Pfennig. Irgendeinen Preis muss ich aus Klagenfurt mitnehmen. Das hat auch wirtschaftliche Interessen, das muss ich ehrlich sagen.

Sie fahren also nach Klagenfurt, um zu gewinnen?

Natürlich, was denken Sie denn? Ein Sportler geht ja auch nicht in einen Wettkampf, um nicht zu gewinnen.

Sie haben für Ihren Roman viel Lob bekommen, über Ihre Zukunft ist die Kritik aber geteilt: Die einen prophezeien Ihnen eine große Zukunft, andere sprechen von „One-Hit-Wonder“, von einem Autor, der seine Erfahrungen niedergeschrieben hat und von dem jetzt nichts mehr kommt.

Das ist alles Quatsch. Entweder man ist Schriftsteller oder man ist keiner. Ich habe doch keine Autobiografie geschrieben! Natürlich ist ein Teil von mir in dem Erzähler drin, in Daniel, genauso gut aber in den anderen Figuren, in Stefan, Walter, Mark, Ricco und sogar in Estrellita. Man muss die eigenen Erfahrungen zu Literatur machen, zu Kunst, darin besteht ja gewissermaßen die Kunst. Ich habe fünf Jahre an dem Roman gearbeitet! Den Stoff hatte ich schon länger, nur die Form fehlte. Ich kann keinen historischen Roman schreiben oder in Archiven recherchieren, das muss für mich alles lebensweltliche Relevanz haben.

Sie wohnen in der Gegend, in der Ihr Roman spielt, und sie kennen das Milieu sehr genau?

Ich wohne in Leipzig-Ost, in Crottendorf. Ich bin in Halle geboren, habe aber immer in Leipzig-Ost gelebt. Früher habe ich mal gedacht, ich könnte mich aus meinem Viertel herausschreiben, Geld verdienen, irgendwo ’ne schöne Altbauwohnung, nicht so ein Kabuff, in dem ich jetzt wohne, zwei Zimmer parterre, tiefe Decken. Aber inzwischen ist das okay. Ich bin hier verwurzelt und beobachte intensiv das Treiben um mich herum.

Wie kommt, wie man Ihrer Bio entnehmen kann, ein Bauarbeiter, Möbelpacker und Wachmann zum Schreiben?

Schreiben wollte ich immer, schon als Kind. Vielleicht hat mich auch mein Vater inspiriert, ein Krankenpfleger mit einer großen Leidenschaft für die Literatur, der hatte eine riesige Bibliothek, mit tausenden von Büchern. Nach dem Abitur 1996 habe ich mir aber gesagt: Nie wieder Schulbank. Ich wollte arbeiten, richtig arbeiten. Ich bin auf den Bau gegangen und habe dort verschiedenste Jobs gemacht: was wegschippen, was ausheben, Schutt abschlagen, entkernen, Zementsäcke tragen, Kamine abreißen, all so was, das hat Spaß gemacht. Zweieinhalb Jahre ging das, dann musste ich wegen Rückenproblemen kürzer treten und ganz aufhören.

Und dann haben Sie sich beim Deutschen Literaturinstitut in Leipzig beworben?

Ja, mit kleineren Skizzen. Das war alles eher Zufall, ich hatte vom Deutschen Literaturinstitut in der Zeitung gelesen, ich wusste vorher gar nicht, das es das in Leipzig gab. Das klang gut, und die haben mich prompt genommen.

Wie haben Sie Ihre Zeit dort erlebt?

Zu Anfang war es schwierig. Gerade die ersten zwei Jahre war das für mich eine große Umgewöhnung. Dieses ganze intellektuelle Gesocks, dachte ich damals, ich kam mit den Leuten nicht klar. Es herrschte ein komisches Klima an dem Institut. Es gab die, die schon veröffentlicht hatten, und Studenten ohne Veröffentlichung, und die älteren Semester gaben beispielsweise den jüngeren immer zu verstehen, dass sie sich zurückhalten sollen. Wenn ich so was gehört habe, musste ich immer schnell verschwinden, sonst wäre es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Das hat sich im Lauf der Zeit gegeben. Im Endeffekt hat mir das Studium eine Menge gebracht. Mir kamen die fünf Jahre, die ich dort verbracht habe, wie eine Art Dauerlektorat vor. Man hat vor allem gelernt mit Kritik umzugehen und wie wichtig jedes einzelne Wort in einem Satz ist.

Was halten Sie von den Büchern, die zuletzt über die ostdeutsche Jugend vor und nach der Wende erschienen sind, Jana Hensels „Zonenkinder“ oder Jana Simons „Geschichte des Felix S.“, Romane von André Kubiczek oder Falko Hennig?

Die meisten kenne ich nicht, außer Jana Hensel, die habe ich gelesen, weil mein Vater sich das Buch gekauft hatte.

Die haben alle gerade auch über Ihre Generation geschrieben, über die in den frühen und mittleren Siebzigerjahren in der DDR Geborenen.

Das Wort Generation kann ich nicht hören. Ich sehe mich als Individualisten. Die Figuren meines Romans sind das auch, die schwimmen gegen den Strom. Das sind keine Rechten, keine Linken, keine Hooligans, keine Punks, höchstens Kleinkriminelle, die außerhalb der Gesellschaft stehen. Ich wollte nicht die Geschichte einer verlorenen Generation erzählen. Mir ist das extrem verdächtig, wenn von „wir“ oder von „Generation“ gesprochen wird. Jeder stirbt für sich allein.

Wie ergeht es Ihnen im Literaturbetrieb?

Ich bin wie ich bin, literaturbetriebsmäßig überhaupt nicht gebildet. Manchmal bin ich unbedarft, dann erzähle ich so Sachen und erschrecke dann später. Aber was soll’s! Ich verändere auch keine Interviews oder redigiere die. Wenn ich Scheiße erzählt habe, habe ich eben Scheiße erzählt. Man wird aber manchmal schon blöd gefragt! Ich stehe das durch, weil ich immer mein Buch im Kopf habe, ich mache das für das Buch. Einmal habe ich gelesen, ich würde mich inszenieren, ich würde ständig kurzärmelig herumlaufen – das ist eine Frechheit!

Wegen ihren Tattoos?

Natürlich. Die sind nun mal da, sind Teil meines Lebens, warum soll ich die verstecken? Ich selbst mache kein großes Gewese darum, das tun nur die anderen.

Wie lang haben Sie die Tätowierungen schon?

Ich habe mit 18 Jahren angefangen, da habe ich mir eine Eidechse tätowieren lassen von ein paar Knasthackern. Ich bin auch heute noch in Behandlung, mein Körper ist im Prinzip eine Dauerbaustelle.

Sind Sie ein Tintensüchtiger?

Es geht in die Richtung. Ich bin nicht komplett zu, einige Stellen sind frei. Der Rücken ist komplett zu, Brust, Arme, Schultern auch. Der Bauch ist frei, die Hüften und die Problemzonen bleiben auch frei.

Was gefällt Ihnen am Tätowiertwerden?

Man ist sich seines Körpers viel bewusster, seines Seins, seines Ich, die Auseinandersetzung mit den Schmerzen halt. Andererseits will ich das auch nicht philosophisch überhöhen.

Wenn Sie sagen „Knasthacker“: Waren Sie mal im Knast?

Kurz nach meinem 18. Geburtstag, in der Jugendarrestanstalt Zeithain, ich war bei Autoknackereien dabei. Ich will da jetzt nicht drüber reden, das waren alles Kinkerlitzchen, eine kleinkriminelle Jugend eben. Ich war zweimal im Jugendarrest. Einmal noch zu Beginn des Studiums an der DLL. Ich habe das ewig aufgeschoben, mit Rumtricksereien ging das, dann aber war es so weit, ausgerechnet im 1. Semester. Das war vielleicht ein Stress! Burkhard Spinnen, der damals der Leiter des Instituts war, war richtig schockiert: Herr Meyer, Sie müssen in den Knast! „Shit happens“ hat er dann noch gesagt.

Herr Spinnen sitzt jetzt in der Jury von Klagenfurt

Oh, da muss ich wohl aufpassen, was ich sage. Nein, Burkhard Spinnen, das weiß ich, liest aber keine taz.

Können Sie vom Schreiben leben oder machen Sie nebenher noch Jobs?

Nein, das mache ich nicht, das ist vorbei. Dann gehe ich lieber wieder aufs Sozialamt. Ich schreibe nebenher noch für Zeitungen, mache aber nicht alles. Die Welt am Sonntag wollte, dass ich über No-go-Areas schreibe. Das habe ich abgelehnt, trotz des angebotenen hohen Honorars. Demnächst schreibe ich über die Wiederauflage des Werkes von Scott Fitzgerald und über eine Tattoo-Ausstellung. Lesungen bringen auch gutes Geld. Ich hoffe jedenfalls, dass ich mal genug Geld für eine Zweitwohnung habe, irgendwo im Grünen, das muss doch machbar sein!

Aber es läuft doch ganz gut für Sie?

Ja, schon. Ich muss aber auch sagen: Ständig schreiben zu müssen, ist Fluch und Segen zugleich. Das ist genauso knüppelharte Arbeit, wie es sehr schön ist und privilegiert, wenn man davon leben kann. Trotzdem: Von „Als wir träumten“ ist gerade die erste Auflage verkauft, die zweite liegt in den Läden. Trojanow steht in der Spiegel-Bestsellerliste, seit Wochen schon, ich nicht. Und selbst mit Stipendien ist es schwer für mich

Warum?

Wegen meinem Hund, einem Rottweiler-Dobermann, ein ganz liebes Tier. Ich musste neulich ein LCB-Stipendium ablehnen, weil die meinen Hund nicht haben wollten. Ist sowieso ein komischer Verein, das LCB. Günter Grass kriegt Millionen, wenn er da liest, ich bekomme nicht mal ein Taxi bezahlt! Grass kriegt bei seinen Lesungen dort sogar immer eine Flasche eines speziellen Korns serviert. Der trinkt zwei Gläser und lässt die Flasche dann stehen. Immerhin habe ich nach meiner Lesung im LCB den Korn von Günter Grass getrunken.