Die Ausgrenzung der Raucher

KOMMENTAR von BETTINA GAUS

Völlig im Recht fühlte sich kürzlich der Besucher einer Privatwohnung, als er die Gastgeberin darum bat, doch bitte auf das Rauchen zu verzichten. Ein solches Verhalten erlaubt man sich nur, wenn man sich moralisch auf der ganz sicheren Seite wähnt. Viele derartige Situationen gibt es in einer säkularen, weitgehend tabufreien Gesellschaft nicht mehr.

Soll Sterbehilfe erlaubt werden? Sind Angriffskriege legitimierbar? Soll nur der essen, der auch arbeitet? Über fast alles lässt sich streiten. Eine solche Freiheit löst Verunsicherung aus. In jeder Gesellschaft ist das Bedürfnis nach einem Gerüst aus verbindlichen Normen groß. Es hilft, die eigene Identität zu definieren und Außenseiter als solche zu brandmarken.

Der Eindruck verstärkt sich, dass die – gelegentlich hysterische – Abwehrhaltung gegenüber dem Rauchen in westlichen Gesellschaften eine Ersatzfunktion einnimmt. Wenigstens Zigaretten ermöglichen offenbar noch eine Verständigung auf ein gemeinsames Wertesystem. Allen Tabubrüchen der letzten Jahrzehnte zum Trotz.

Gewiss: Rauchen ist gesundheitsschädlich. Es gibt ein Recht auf Schutz vor Qualm. Es ließen sich sogar gute Gründe dafür finden, Nikotingenuss vollständig zu verbieten. Nach diesen Gründen wird aber gar nicht gesucht. Das Thema heißt nicht Abschaffung – das Thema heißt Ausgrenzung. Wären Zigaretten verboten: Alle Diskussionen darüber, wo noch geraucht werden darf, erübrigten sich. Zigaretten sind aber nicht verboten. Nur deshalb eignen sie sich zur Definition rigider moralischer Standards. Die der nichtrauchenden Mehrheit ein wohliges Gemeinschaftsgefühl verschaffen.

Wenn Lärm, der aus Biergärten in Schlafzimmer dringt, Anwohner belästigt, dann wird nach einem Kompromiss gesucht. Beim Thema Rauchen wären Kompromisse kontraproduktiv – das Gemeinschaftsgefühl wäre dahin. Dabei ließen sie sich leicht finden: In Raucherkneipen dürften halt nur rauchende Kellner arbeiten, in einer Raucher-Airline – warum gibt es eigentlich keine? – nur rauchende Stewardessen. Dafür müsste der Wunsch nach Kompromissen allerdings größer sein als der nach Abgrenzung. Das ist offenbar nicht der Fall.