Der Knast ist kein Ort für Kinder

JUSTIZ Unter der Trennung von inhaftierten Müttern und ihren Kindern leiden beide. Das Projekt kid mobil bringt sie wieder zusammen – für ein paar Stunden pro Woche

VON ANNA KLÖPPER
(TEXT) UND DAGMAR MORATH (FOTOS)

Frau N. hat nicht viel Zeit. Die schmächtige Frau sitzt im Büro von Tamar, einer Anlaufstelle für straffällig gewordene Frauen im Wedding. Sie wärmt sich die Hände an einer Tasse Kaffee, das Lächeln ist eine Spur nervös. Ihr Baby wartet, sechs Wochen erst ist der Kleine alt. Alle zwei, drei Stunden hat er Hunger und Frau N. muss ihn stillen. Nachts kann sie ihn nicht stillen, nachts muss Frau N. zurück ins Gefängnis.

Seit 2008 sitzt die 40-Jährige in der Haftanstalt für Frauen in Pankow ein. Zunächst war sie fünf Jahre im geschlossenen Vollzug untergebracht, seit knapp einem Jahr hat sie tagsüber einige Stunden Freigang. Dann fährt sie in den Wedding. Dort wohnt ihre Schwester, die sich um das Neugeborene kümmert und um Frau N.s älteren, zehnjährigen Sohn. „Als ich damals ins Gefängnis musste“, sagt Frau N., „habe ich ihn die ersten drei Monate gar nicht gesehen.“ Sie denkt nach. „Das war, als ob ich innerlich sterben würde.“

Damals hatte Frau N. niemanden, der ihr den Sohn zu den Besuchszeiten bringen konnte: Der Vater des Kindes weg, die Schwester saß damals selbst in Haft. Also brachten ihr die Frauen von kid mobil den Sohn in den Knast. Seit 2006 gibt es den Bringedienst, der aus dem Tamar-Projekt entstanden ist. Fünf ehrenamtliche Helferinnen holen die Kinder einmal in der Woche von zu Hause oder aus Pflegeheimen ab und fahren mit ihnen in die Frauenhaftanstalten: nach Pankow, nach Reinickendorf, nach Neukölln und nach Lichtenberg. Die Kinder werden kid mobil meist über die Sozialarbeiter in den Justizvollzugsanstalten (JVA) vermittelt. Manchmal melden sich die Frauen, wie Frau N., auch direkt über Kontaktformulare, die kid mobil in den Haftanstalten auslegt.

Väter? Nicht vorhanden

Manche von den Müttern bekämen ihre Kinder während der Haft kaum zu Gesicht, sagt Elke Ihrlich vom Sozialdienst katholischer Frauen in Berlin (SkF), dem Trägerverein von Tamar. Väter oder Verwandte seien oft entweder nicht vorhanden oder nicht bereit, die Kinder zu den Müttern zu bringen. „Und wenn das Kind in einer Pflegeeinrichtung ist, haben die im Normalfall einfach nicht die Kapazitäten dazu.“

■ Offizielle Zahlen, wie viele Mütter in Berlin inhaftiert sind, gibt es laut der Senatsverwaltung für Justiz nicht. Daniela Leschhorn, Bereichsleiterin der JVA Pankow, schätzt den Mütteranteil unter den Frauen in Haft auf 80 Prozent, „ausgehend von unseren Erfahrungen in Pankow“.

■ Insgesamt sechs Mutter-Kind-Plätze gibt es in Berlin: jeweils zwei in den JVA in Pankow, Neukölln und Reinickendorf.

■ kid mobil hat sich 2006 aus der Beratungsstelle für straffällig gewordene oder von Straffälligkeit bedrohten Frauen im Wedding (Tamar) entwickelt. Ehrenamtliche bringen inhaftierten Müttern ihre Kinder einmal in der Woche zu festgelegten Besuchszeiten in die JVA. Getragen wird kid mobil vom Sozialdienst katholischer Frauen in Berlin (SkF). Die Senatsverwaltung für Justiz finanziert zwei Teilzeitstellen für die Koordination von kid mobil. (akl)

www.offenesozialarbeit-skf.de

Die Folge: Die Mütter leiden – und die Kinder büßen mit. „Und wenn eine Mutter drei, vier Jahre weg ist, dann leidet natürlich auch die Mutter-Kind-Bindung“, sagt Ihrlich. Die sei aber gerade auch in der Zeit nach der Haft ungemein wichtig: Eine stabile Beziehung zum Kind, hat Ihrlich erfahren, „ist mitentscheidend dafür, dass der Wiedereingliederungsprozess erfolgreich ist“. Die Frauen seien motivierter, ihr Leben neu zu ordnen, einen Job zu finden, eine neue Wohnung.

Nicht selten muss Petra Sühring-Vaughan, kid mobil-Verantwortliche bei Tamar, die wartenden Mütter in den JVAs allerdings enttäuschen. Jeder der Ehrenamtlichen bei kid mobil – es sind derzeit ausschließlich Frauen – betreut in der Regel ein, maximal zwei Kinder. Mehr sei vom Zeitaufwand für die Helferinnen nicht machbar, sagt Sühring-Vaughan. Das Warten in der JVA, dann die drei Stunden, die die im Strafvollzugsgesetz festgelegte Mutter-Kind-Zeit im Gefängnis pro Woche beträgt, dazu die Wegezeiten: Dafür geht locker ein halber Arbeitstag drauf. Und auch die passenden Ehrenamtlichen müssten erst einmal gefunden sein, sagt Sühring-Vaughan. Ein unbeflecktes erweitertes polizeiliches Führungszeugnis ist Bedingung. Das wichtigste aber ist, sagt Sühring-Vaughan, dass sie das Gefühl habe, der Bewerberin vertrauen zu können. Drei Kandidatinnen hat sie derzeit: Die Warteliste für die Mütter ist länger.

Die Senatsverwaltung für Justiz, die kid mobil finanziert, sieht trotzdem keinen Grund, das Projekt Bringedienst auszubauen: „Die Nachfrage ist sehr schwankend“, sagt Sprecherin Lisa Jani. Engpässe seien meist „vorübergehend“, bestätigt auch Sühring-Vaughan.

Den Müttern im Gefängnis und ihren Kindern draußen kommen sie vermutlich dennoch lang vor. Das weiß auch Cordula Theiler. Die kid mobil-Ehrenamtliche wollte sich im Herbst eigentlich ein paar Monate Auszeit vom Bringedienst gönnen: Die pensionierte Lehrerin ist gerade Oma geworden. „Doch es ging nicht. Die Kinder wachsen einem unglaublich ans Herz.“

Nähe zu dem Kind entstehen zu lassen, Wärme zu geben, „man spürt ja das Kind“, sagt Theiler – und gleichzeitig eine gewisse Distanz zu wahren, weil es schließlich nicht darum geht, dem Kind die Mutter zu ersetzen: das ist ein seelischer Balanceakt. „Manchmal weinen die Kinder beim Abschied von der Mutter. Manchmal staut sich in ihnen so viel auf, dass wir erst eine Weile rennen müssen, wenn ich sie wieder an der Gefängnispforte abhole“, berichtet Theiler. Anteil nehmen, und dann wieder loslassen können: Das sei schwer.

Die Frauenhaftanstalt in der Arkonastraße, nicht weit vom S-Bahnhof Pankow. Außen grauer Beton, innen fahlgelber Putz. Im Mutter-Kind-Raum: Kuscheltiere, ein Regal mit Büchern und Spielen, ein Bobbycar, an den Wänden eine gemalte Blumenwiese. Gelbe Butterblumen, roter Mohn. Vor dem kleinen Fenster ein Gitter.

Sechs Mütter mit insgesamt 13 Kindern im Alter zwischen einem und 14 Jahren treffen sich hier, drei von diesen Müttern können ihre Kinder nur dank kid mobil sehen. „Für die Frauen sind die drei Stunden mit ihren Kindern jedes Mal der Höhepunkt der Woche“, sagt Daniela Leschhorn, JVA-Bereichsleiterin in Pankow. Die meisten Mütter stünden schon Stunden vor dem Kinderbesuch in der kleinen Gefängnisküche, bereiteten Pudding, Brote oder einen Obstsalat vor, zögen Schokoriegel aus dem Süßigkeitenautomaten. Nahrung als anrührend hilfloser Ersatz für etwas, was nicht zu ersetzen ist: Zeit.

Schlimm sei es für die Frauen, sagt Leschhorn, „wenn ein noch sehr kleines Kind bei der eigenen Mutter mit einem Mal zu fremdeln anfängt und die Pflegemutter vorzieht“. Oder wenn Vietnamesinnen oder Rumäninnen ihr Kind nicht mehr verstehen, weil es bei einer deutschen Pflegefamilie aufwächst. „Das ist dann aber auch eine Motivation für die Frauen, schnell Deutsch zu lernen“, erzählt Leschhorn.

Theoretisch können die Frauen ihr Kind während dessen ersten Lebensjahres auch bei sich im geschlossenen Vollzug behalten. Das Strafvollzugsgesetz sieht diese Möglichkeit vor. Aber die Nachfrage nach den beiden Mütterzimmern in der JVA Pankow sei sehr überschaubar, sagt Leschhorn. Die funktionalen Zellen – Gitterbettchen, Babybadewanne, Wickeltisch – sind seit einem Jahr unbewohnt. „Wenn die Frauen eine Alternative haben, bringen sie ihr Kind außerhalb der JVA unter.“

Auch Frau N. wollte ihr Baby nicht bei sich im Gefängnis behalten. „Das ist kein guter Ort für ein Kind“, sagt sie schlicht und schaut hinaus in die Dämmerung über dem Leopoldplatz. Sie muss los. Noch mal stillen, bevor es Nacht wird.