Nur musikalisch war er nicht

100 JAHRE WILLY BRANDT Jetzt lieben ihn auf einmal alle: Selbst Konservative polieren am Denkmal des Jahrhundertpolitikers mit. Und vor lauter Brandt-Begeisterung gerät dessen politisches Vermächtnis ein wenig ins Abseits – findet jedenfalls der SPD-Nachwuchs

VON ANNA KLÖPPER

Ein bisschen Angst um Willy hatte er ja schon. Als Bernd Rother, Vizegeschäftsführer der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, sah, dass einer dieser Berufszyniker vom Spiegel ein Jubiläumsporträt über Brandt geschrieben hatte, da traute er sich kaum, mit dem Lesen anzufangen. Und dann das: Ausgerechnet Jan Fleischhauer, dieser Linken-Fresser, habe dem Jahrhundertpolitiker kein Haar gekrümmt, im Gegenteil: „Der dichtet Willy Brandt auch noch eine musikalische Begabung an.“ Das einzige Talent, das Brandts Intimus Egon Bahr seinem Weggefährten nun wirklich abgesprochen habe! Rother schüttelt den Kopf, lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und lächelt. Willy, der Große.

100 Jahre alt würde er morgen. Der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Republik, der 1970 im Warschauer Ghetto stellvertretend für ein ganzes Volk vor den Opfern der Naziherrschaft auf die Knie sinkt. Der Regierende Bürgermeister, der 1963 mit John F. Kennedy im offenen Wagen durch Berlin braust, bevor der US-Präsident auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses seine magischen vier Worte spricht. Der SPD-Ehrenvorsitzende, der einen Kalten Krieg später an derselben Stelle steht und sagt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ – auch wenn sich das kollektive Gedächtnis hier einen Streich spielt und Brandt die griffige Formel, vermutlich zu seinem eigenen Bedauern, erst einen Tag später in einem Radio-Interview eingefallen ist.

■ Der Mensch: Willy Brandt hieß nicht immer Willy Brandt: Am 18. Dezember 1913 wird er als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren. Die Mutter Verkäuferin, den Vater lernt er nicht kennen. 1930 tritt Frahm in die SPD ein, 1933 flieht er vor den Nazis nach Norwegen, arbeitet im Exil für die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) – und nennt sich fortan Willy Brandt. 1945 kehrt er endgültig zurück nach Deutschland.

■ Die Legende: Brandt hatte die richtigen Ämter zur richtigen Zeit inne: von 1957 bis 1966, als die Mauer gebaut wurde, war er Regierender Bürgermeister von Berlin. Für seine Ostpolitik („Wandel durch Annäherung“, „Politik der kleinen Schritte“) bekommt er 1971 den Friedensnobelpreis verliehen. Bundeskanzler ist er von 1969 bis 1974, als erster Sozialdemokrat in diesem Amt. 23 Jahre lang, bis 1987, ist er Parteivorsitzender – und graue Eminenz der Partei auf Lebenszeit: Als 1989 die Mauer fällt, telegrafiert der sowjetische Staatschef Michael Gorbatschow an Bundeskanzler Helmut Kohl – und gleichzeitig an Brandt. (akl)

Willy Brandt, das ist aber auch der „Wandel durch Annäherung“, die Antwort des Sozialdemokraten auf Mauerbau und Ost-West-Konflikt, die ihm 1971 den Friedensnobelpreis einbringt. Und die Guillaume-Affäre um einen Stasi-Spitzel im Kanzleramt. Das ist eine Lebensgeschichte, vor der sich anlässlich des runden Geburtstags sämtliche Leitmedien des Landes mindestens einmal tief verbeugt haben, vom obligatorischen Zeit-Dossier bis zu Fleischhauers Spiegel-Porträt.

Die ARD und Arte zeigten eine aufwändig produzierte Doku, Phoenix bestückte gleich eine ganze Themenwoche zu Willy Brandt. Das Deutsche Theater hat ein Stück zur Spitzelaffäre ins Programm genommen, im Neuen Stadthaus an der Klosterstraße beschäftigt sich eine Produktion mit Brandts Arbeit im Berliner Untergrund 1936 (s. taz vom 14./15. Dezember). Im Forum Willy Brandt, der ständigen zentralen Gedenkstätte Unter den Linden, feierte man Brandt ein ganzes Jahr lang mit Zeitzeugengesprächen, Lesungen und kostenlosen Führungen durch die Dauerausstellung – und war selbst überrascht von dem „verhältnismäßigen Medien-Tsunami“ (Rother), mit dem das Jubiläumsjahr begleitet wurde.

Diese Prise Glamour

Aber warum fasziniert uns dieser Mann immer noch so, Herr Rother? Ist es die Größe der Ereignisse damals oder vielleicht diese Prise Glamour? Brandt mit Kennedy im Cabrio, die vielen Frauen, die Affären mit seinen Sekretärinnen, die ihn 1974 in der Guillaume-Affäre erpressbar machten und am Ende das Kanzleramt kosteten?

„Schauen Sie sich Brandts Biografie an“, sagt der Historiker. Es ist eine schillernde Lebensgeschichte. Ein 19-Jähriger, der 1933 vor den Nazis nach Norwegen flieht, im Osloer Exil den sozialdemokratischen Widerstand organisiert und 1936 mit gefälschtem Pass nach Berlin geht, um im Untergrund zu retten, was von der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAPD) noch übrig ist. „Da hat einer sein Leben riskiert“, sagt Rother. Schließlich Brandts Unbedingtheit, mit der er Entspannungspolitik und Ostverträge gegen eine übermächtige Opposition im Bundestag durchboxte, bis hin zum glücklich überstandenen Misstrauensvotum 1972. „Da hat jemand für seine Überzeugung seine politische Karriere aufs Spiel gesetzt“, sagt Rother. Für ihn ergibt das alles, „könnte man sagen, fast eine idealtypische Mischung – und ein Kontrast zu dem, was wir heute für gewöhnlich in der Politik sehen“.

Willy Brandt taugt dazu, zum Ideal, zum Helden, stilisiert zu werden, vielleicht war er wirklich einer. Und das kollektive Zeitzeugengedächtnis hat ihm mit freundlicher Unterstützung der Medien längst ein entsprechendes Denkmal in den Köpfen der Zuspätgeborenen gebaut. Es ist nicht ohne Ironie, dass diese Überlebensgröße, die Brandt da verliehen wird, ihm gleichzeitig ein Stück seiner Strahlkraft raubt: Die Person Willy Brandt wird zu einem Kapitel Geschichte, einbalsamiert in Bilder und Worte, die bleiben („Mehr Demokratie wagen“).

„Immer wieder: Freiheit“

Im Büro von Walter Momper wird die Geschichte wieder lebendig. Momper war Regierender Bürgermeister, als die Mauer fiel, jetzt blickt er hinaus in den Schneeregen vor dem Fenster und erzählt. Wie beeindruckt er war von Brandts Abschiedsrede als Parteivorsitzender auf dem SPD-Parteitag 1987 in Bonn – damals war er, Momper, Landesvorsitzender der Berliner SPD. Die großen, grundsätzlichen Bögen, die Brandt auch in dieser Abschiedsrede geschlagen habe: Verantwortung für die Schwächeren und die Betonung von Freiheit, „immer wieder: Freiheit“. Momper lächelt. „Brandt konnte so elegant gleichzeitig alles und nichts sagen, dass für jeden etwas dabei war.“ Was nicht abwertend gemeint ist. Und dann diese einfachen, bescheidenen Worte, mit denen Willy Brandt die Bilanz seines Lebens gezogen habe: „Ich habe mich bemüht.“ Momper wiederholt es leise: „ ‚Ich habe mich bemüht‘ … tja, das kann man wohl so sagen.“

Momper, der gerade sein Politologie-Diplom an der Freien Universität Berlin erwirbt, als Brandt 1969 Kanzler wird, erzählt von dem gemeinsamen Ostberlinbesuch, Jahrzehnte später, im Januar 1990. Da habe Brandt „ganz versonnen und gerührt“ im alten Sitzungssaal des Neuen Stadthauses gestanden, wo 1946 die erste Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt wurde und wo während der Teilung die Stadtverordneten der DDR tagten. Nun stand Brandt dort oben im dritten Stock – auch dank seiner eigenen Politik. Hatte man Ehrfurcht vor Brandt, vor seiner Größe? Ja, sagt Momper. „Diese ganze Geschichte, die der im Gepäck hatte.“

Künstlerischer Kniefall

Da ist sie wieder: Brandt, die Ikone. Im Willy-Brandt-Haus, im Inneren des Schreins. In der SPD-Parteizentrale würdigt man ihn mit einer Fotoausstellung. Großformatige, ästhetische Schwarzweißporträts: Brandt in Denkerpose, Brandt hemdsärmelig, die Zigarette lässig im Mundwinkel. Brandt gestikulierend vor dem Mikrofon und würdevoll mit Pfeife in der Hand, ganz Elder Statesman. Ein künstlerischer Kniefall.

Kevin Kühnert, seit letztem Jahr Berliner Juso-Chef, betrachtet die Bilder und spricht dabei über „das leichte Befremden“, das ihn immer überkomme, wenn seine Partei Willy Brandt so hoch auf den Sockel stelle – „aber den meisten ein wirklicher, persönlicher Zugang fehlt“.

„Es ist ja nicht Willy Brandt vorzuwerfen, dass man beinahe jede Argumentation mit irgendeinem Satz von ihm stützen kann“

KEVIN KÜHNERT, BERLINER JUSO-CHEF

Es ist ja auch bequem. Man braucht sich mit Brandt nicht mehr ernsthaft auseinanderzusetzen. Es reicht, ihn zu zitieren. Parteichef Sigmar Gabriel, sagt Kühnert, habe in der Koalitionsdebatte seine Brandt-Zitate mit dem Hinweis eingeleitet, man könne wohl für jede Lebenssituation ein passendes finden. Das ist die Kehrseite von Brandts rhetorischer Finesse, den geschliffenen Sätzen, seiner Grundsätzlichkeit, die notwendigerweise vage blieb, wenn es um Details ging. „Aber es ist ja nicht Willy Brandt vorzuwerfen, dass man beinahe jede Argumentation mit irgendeinem Satz von ihm stützen kann“, beeilt sich der 24-Jährige Publizistikstudent zu sagen. Nur „diese Maskottchenfunktion“, die er heute in der Partei oftmals einnehme, „die wird Brandt nicht gerecht“.

Kühnert findet, seine Partei solle sich stattdessen lieber mal ernsthaft mit Brandts Erbe beschäftigen. Mit der Flüchtlingspolitik zum Beispiel. Eine Schande sei das, was da im Koalitionsvertrag beschlossen, oder schlechter: nicht beschlossen worden sei. Eine Partei, die so viel auf ihren Rekordvorsitzenden halte, der immerhin selbst, wenn auch unter vollkommen anderen Umständen, ein Flüchtling war – „und die dann so wenig daraus ableitet für ihre eigene politische Positionierung“.

Mehr als Rhetorik

Da werde auf der Bundesinnenministerkonferenz darüber diskutiert, ob man noch 5.000 syrische Flüchtlinge mehr oder weniger aufnehme, aber grundsätzlich ändere sich eben nichts an der Diskussion über offene Grenzen und das Recht auf Bewegungsfreiheit. „Da würde ich mir manchmal weniger tagespolitischen Pragmatismus und stattdessen eine übergeordnete, grundsätzliche politische Positionierung wünschen.“ Da könne man sich dann auch gerne mal bei Brandt bedienen, und zwar nicht nur rhetorisch.

So aber ist Willy Brandt heute auf eigentümliche Weise omnipräsent und abwesend zugleich. Und man wüsste schon gerne, ob den Genossen in der Kreuzberger Parteizentrale tatsächlich entgangen ist, dass das der Ausstellung beigestellte Zitat des inzwischen verstorbenen Theologen und Publizisten Georg Picht in diesem Zusammenhang einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Der hatte über den Politiker gesagt: „Er verschmäht die Pose und hat einen Widerwillen gegen große Worte.“