Hinter dem Schlüsselloch

Früher mussten Politiker zurücktreten, wenn publik wurde, dass ihr Schlafzimmer nicht aufgeräumt war. Lange vorbei, es sei denn, sie sind schwul oder lesbisch

Der Blick durchs Schlüsselloch in die Schlafzimmer von Politikern gilt in Deutschland als verpönt. Auch wenn sich die einst in der Bonner Republik geltende eherne Regel, prinzipiell nur „politisch Relevantes“ zu veröffentlichen, in der Berliner Republik zunehmend verflüchtigt, so gilt immer noch, dass über das Privatleben nur veröffentlicht wird, was entweder in Übereinkunft mit dem Betroffenen veröffentlicht werden kann oder was sich gar nicht mehr verheimlichen lässt, also „wenn das Amt Schaden zu nehmen droht“. So wird bis heute in Journalistenkreisen viel hinter vorgehaltener Hand geklatscht, aber wenig veröffentlicht. Entsprechend sind schlagzeilenträchtige „Sexskandale“, deren Aufdeckung in Großbritannien zum üblichen Geschäft nicht nur der Yellow Press gehört, in der deutschen Politik selten – und noch seltener daraus resultierende Rücktritte.

Doch was auf den ersten Blick als überaus positiv für die politische Kultur erscheint, hat auch seine Schattenseiten. Denn die hier geübte journalistische Zurückhaltung ist auch stets eine Einladung zur Bigotterie und Doppelmoral. So war es bereits in der Ära Adenauer kein Problem, politisch opportun erscheinende Wertvorstellungen zu propagieren, die mit der eigenen Lebensrealität schon lange nichts mehr zu tun hatten – ohne dass die entsprechenden Politiker befürchten mussten, dieser Widerspruch könnte an die Öffentlichkeit gelangen. Es reichte, den Schein aufrechtzuerhalten: Weil eine Scheidung bis Ende der Sechzigerjahre einem politischen Selbstmord gleichkam, hielten Politiker eben die Fassade der treu sorgenden Familienväter aufrecht – und lebten ansonsten ihr Leben jenseits der Öffentlichkeit, gleichwohl mit Wissen des einen oder anderen Journalisten.

Kritisch wurde es erst, wenn sich trotz aller journalistischer Kumpanei der schöne Schein nicht mehr aufrechterhalten ließ. Das musste der Hamburger Sozialdemokrat Paul Nevermann Mitte der Sechzigerjahre bitter erfahren. Der seit 1960 amtierende Erste Bürgermeister und Präsident des Senats der Hansestadt stolperte darüber, dass sich seine Noch-Ehefrau Grete weigerte, an seiner Seite als „First Lady“ beim Staatsbesuch der britischen Queen Elizabeth II. aufzutreten. Damit machte sie eine außereheliche Beziehung des äußerst beliebten Politikers öffentlich. Aus dem Hamburger Blätterwald schwappte eine Welle der Empörung über die Stadt. Nevermann fühlte sich von der Presse verfolgt und vom SPD-Landesvorstand „ehrpusselig“ bedrängt. Kurz nach Ende des Staatsbesuchs zog er die Konsequenzen: Am 9. Juni 1965 trat Nevermann zurück.

Wechselnde Partnerschaften und Zusammenlebeformen jenseits der Ehe sind heutzutage kein politischer Skandal mehr. Entsprechend wird mittlerweile darüber auch berichtet: Die Klatsch-und-Tratsch-Bedürfnisse des Publikums werden unaufgeregt befriedigt. Anders verhält es sich jedoch noch immer, wenn es um die Frage geht, ob ein Politiker oder eine Politikerin homosexuell ist. So kann auch das ungeschriebene Gesetz des deutschen Mediengewerbes, über die sexuelle Orientierung von Politikern nicht von sich aus zu berichten, einen gewaltigen Haken haben: Geht es bei dieser selbst auferlegten Diskretion tatsächlich um den proklamierten Schutz der Privatsphäre oder zeugt sie nicht auch bisweilen von einem ungebrochen verkrampften Umgang mit dem Thema Homosexualität? Denn schließlich wäre die sexuelle Orientierung nur dann eine reine Privatangelegenheit, wenn Politiker ihre gleichgeschlechtliche Präferenz ebenso selbstverständlich in der Öffentlichkeit leben könnten wie andere Politiker ihre heterosexuelle. Doch diese Selbstverständlichkeit fehlt trotz aller gesellschaftlicher Emanzipationsprozesse nach wie vor. Selbst wenn sie es nicht schreiben: Kräftig tuscheln tun manche Journalisten schon über so manchen „Junggesellen“.

So war es schon zu Zeiten Konrad Adenauers gewesen. Damals besonders und immer wieder im Blickfeld: Heinrich von Brentano, zunächst ab 1949 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dann von 1955 bis 1961 Bundesaußenminister und schließlich bis zu seinem Tod 1964 erneut Unionsfraktionschef. Immer wieder kursierten Gerüchte über den katholischen und konservativen Politiker, „er neige dem gleichen Geschlecht zu“. Adenauer selbst ging pragmatisch mit den öffentlichen Mutmaßungen um: „Also wissen Se, solange der misch nit anpackt, isset mir ejal.“ Allerdings hätte es das sichere politische Aus Brentanos bedeutet, wenn er sich offen dazu bekannt hätte, homosexuell zu sein – oder wenn dies anderweitig öffentlich „nachweisbar“ geworden wäre. Und noch mehr als das: Bis Ende der Sechzigerjahre waren Schwule auch noch mit einer Gesetzeslage konfrontiert, die sie im Falle der Praktizierung ihrer Sexualität mit mehrjährigen Haftstrafen bedrohte.

Entsprechend bedrohlich war denn auch ein mögliches „Outing“: Es konnte mehr bedeuten als „nur“ das Ende der politischen Karriere. Das zeigt der tragische Fall des ersten Wehrbeauftragten des Bundestages, Helmuth von Grolman. In die Politik war der ehemalige Wehrmachtsoffizier 1949 über den Sozialdemokraten Heinrich Albertz gekommen. Der von den Nazis verfolgte Pastor war während des Krieges von Grolman wiederholt vor dem Zugriff der Gestapo geschützt worden. Nun holte Albertz, mittlerweile niedersächsischer Flüchtlingsminister, 1949 den aus Schlesien stammenden Grolman als Referent für Umsiedlungsfragen nach Hannover. 1954 stieg Grolman zum Staatssekretär im niedersächsischen Ministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsbeschädigte auf. Als dann nach langem politischem Streit der Bundestag das Amt des Wehrbeauftragten einrichtete, schien der Generalleutnant a. D. sowohl den regierenden Christ- wie den oppositionellen Sozialdemokraten als die geeignete Wahl. So wurde Grolman vom Bundestag mit einer breiten Mehrheit gewählt. Am 1. April 1959 trat er sein Amt an.

Aber in dem blieb er nicht lange. Denn bereits am 14. Juli 1961 trat Grolman zurück – aus „persönlichen Gründen“, wie es hieß. Kurz darauf berichteten die Zeitungen in großen Schlagzeilen, welche „persönliche Gründe“ verantwortlich für den Rücktritt waren: Der Vater von fünf Kindern stürzte über seine Beziehung zu einem jugendlichen Mann. Sowohl der 17-jährige Kellnerlehrling als auch Grolman versuchten daraufhin, sich das Leben zu nehmen. Beide überlebten nur knapp. Für sein „Verbrechen“ musste sich Grolman anschließend auch noch vor Gericht verantworten: Unter Zubilligung verminderter Zurechnungsfähigkeit infolge Missbrauchs von Schlafmitteln wurde er im September 1961 zu drei Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt. Vieles spricht dafür, dass Grolman, der seine Aufgabe als Wehrbeauftragter ernster genommen hatte, als es manche in der Regierung sich vorgestellt hatten, das Opfer einer schmutzigen Intrige wurde. Der gebrochene Mann verschwand danach aus der Öffentlichkeit. Grolman starb im Januar 1977 im Alter von 78 Jahren in Hannover, wo er bis zu seinem Tod völlig zurückgezogen zusammen mit seiner Frau gelebt hatte.

Erst 1985 zog mit dem hessischen Grünen Herbert Rusche – der für Joschka Fischer ins Parlament nachrückte – ein bekennender Schwuler in den Bundestag ein. Öffentlich zu seiner Homosexualität zu stehen, war auch damals noch kein ungefährliches Unterfangen: Erst im Jahr zuvor war Rusche während einer Podiumsdiskussion in München wegen seines offenen Schwulseins von einem Neonazi angeschossen, jedoch glücklicherweise nur leicht verletzt worden. 1987 war es Jutta Oesterle-Schwerin, die als erste offen lesbische Abgeordnete den Bundestag betrat. Auch sie war von den Grünen aufgestellt worden – in einer anderen Partei hätte zu der Zeit noch niemand auch nur den Hauch einer Chance gehabt, mit einem offenen Bekenntnis zur Homosexualität einen Platz im Parlament zu bekommen.

Jan Feddersen konstatierte 2001 in der taz: „Schwule (und Lesben) hat es immer in der Politik gegeben. Doch wenn sie es bis ganz nach oben schafften, einige gar bis in Ministerränge, waren sie immer ein Stück weit erpressbar, in innerparteilichen Rankünen, durch den politischen Gegner, durch die Medien. Dabei spielte nie eine Rolle, dass in der Bundesrepublik die journalistische Perspektive durch das Schlüsselloch verpönt war: Es reichte das Wissen, dass ein solcher Blick in ihrer Sache lohnen würde. Homosexualität, so hatten sie gelernt, war ein Grund, allen Einfluss, alle Potenz und alle Kraft einzubüßen, wenn sie denn bekannt würde.“

Anlass für diese Bestandsaufnahme war ein Ereignis, das das von ihm beschriebene Koordinatensystem gehörig durcheinander wirbeln sollte: das Selbstouting Klaus Wowereits auf einem Landesparteitag der Berliner SPD im Juni 2001. Der bis dahin überregional weitgehend unbekannte SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, der sich anschickte, die Nachfolge des Christdemokraten Eberhard Diepgen als Regierender Bürgermeister anzutreten, überraschte nicht nur seine Partei zum Ende seiner Parteitagsrede mit dem freimütigen wie selbstbewusst vorgetragenen Bekenntnis: „Ich bin schwul, und das ist gut auch gut so.“ Dieser Satz machte ihn auf einen Schlag bundesweit berühmt – und populär. Aus dem „No-Name-Produkt“ war eine attraktive Marke geworden. Wowereit galt plötzlich als Sympathieträger. Er hatte sich mit Erfolg einer ihm angedrohten Medien-Schlammschlacht entzogen.

Welche für sie unangenehmen Folgen es haben kann, wenn Politiker nicht begreifen können oder wollen, wie sich die Bundesrepublik gegenüber den Fünfziger- oder auch noch Achtzigerjahren verändert hat, zeigt das Beispiel des Hamburger Innensenators Ronald Barnabas Schill, dessen „Partei Rechtstaatlicher Offensive“ seit knapp zwei Jahren gemeinsam mit der CDU und der FDP in Hamburg regierte. Er stürzte am 19. August 2003: Schill hatte versucht, in einem Vier-Augen-Gespräch den Ersten Bürgermeister der Hansestadt, den Christdemokraten Ole von Beust, mit dessen öffentlich nicht eingestandener Homosexualität zu erpressen. Um den Rausschmiss seines affärenverstrickten Staatsrats Walter Wellinghausen zu verhindern, drohte er – laut von Beust – eine angebliche sexuelle Beziehung des Ersten Bürgermeisters mit dem seinerzeitigen Justizsenator Roger Kusch öffentlich zu machen – „heute Abend, Prime-Time, bundesweit“. Doch Schill hatte sich grandios verschätzt.

Statt sich erpressen zu lassen, entschied sich von Beust, den die lokale Presse bis dahin verdruckst einen „überzeugten Junggesellen“ genannt hatte, die zwangsläufig folgenden Schlagzeilen in Kauf zu nehmen. Ihm war klar, dass nun nicht länger zu leugnen war, was ohnehin jeder wusste, der es wissen wollte: dass von Beust schwul ist, ebenso wie Kusch.

Vehement bestritt von Beust allerdings, ein intimes Verhältnis mit seinem Parteifreund zu haben und Privates mit seiner Amtsführung verquickt zu haben. Und tatsächlich war Schill auch noch schlecht informiert gewesen, wie Achim-Helge Freiherr von Beust, der Vater des Hamburger Bürgermeisters, wenige Tage nach dem Paukenschlag im Hamburger Rathaus der Welt am Sonntag verriet: Nicht Kusch, sondern „ein gut aussehender, sehr männlicher Typ aus einer anderen Großstadt in einer hohen Position“ sei der Lebensgefährte seines Sohnes, berichtete der damals 86 Jahre alte Senior. Der alte von Beust schilderte auch die Reaktion seines Sohnes auf das Selbstouting Wowereits zwei Jahre zuvor: „Ole sagte damals: Ich verstehe ihn. Aber ich persönlich kann das nicht. Das ist Privatsache.“ Trotzdem sei Ole von Beust immer auf ein mögliches öffentliches Zwangs-Outing vorbereitet gewesen. Nun war es herausgekommen und der Vater, Mitbegründer der CDU, war froh darüber: „Der Ole, der hat sich befreit.“

Doch trotz der Erfolge von Wowereit und von Beust gibt es nach wie vor Versuche, Politiker aufgrund ihrer angeblichen oder tatsächlichen „abweichenden“ sexuellen Orientierung zu diskreditieren. Dies belegt das Beispiel der ledigen Annette Schavan (CDU). Im Machtkampf um die Ministerpräsidentschaft in Nachfolge Erwin Teufels hatten Parteifreunde der damaligen baden-württembergischen Kultusministerin per Flugblatt nachgesagt, sie sei lesbisch. Schavan erklärte daraufhin umgehend, sie halte das Ganze für „schäbig, absurd und Rufmord. Wer es genau wissen will: Mir fehlen Eignung, Lust und Neigung dazu.“

Eine Unverheiratete, von der nicht bekannt ist, ob sie eine Lebensgefährtin oder einen Lebensgefährten hat, spricht von einem „Rufmord“, wenn ihr nachgesagt wird, sie sei homosexuell. Kein Wunder demnach, dass es auch im Jahr 2006 noch immer keinen Bundestagsabgeordneten der Union gibt, der sich als schwul oder lesbisch outet.