Fehlende Diskussionsgrundlage

Klare Absage des Geldgebers Auswärtiges Amt an den Begriff der Autonomie: Die Arbeit des Goethe-Instituts habe in erster Linie der Logik der Außenpolitik zu folgen. Die Logik der Außenpolitik heißt aber Wirtschaftsförderung, nicht Kulturförderung

VON JAN-HENDRIK WULF

Zwischen wechselseitigem Dialog und Verkaufsgespräch ist in der auswärtigen Kulturarbeit oft nur schwer zu unterscheiden. Beispielsweise in dem vom Goethe-Institut Kalkutta und der Theatergruppe Rimini Protokoll initiierten Projekt „Call Cutta“. Hier steuern die gesichtslosen Stimmen junger Inder aus dem Call-Center eine Gruppe Deutscher per Mobiltelefon durch das ferne Berlin. Wen kann es verwundern, dass sich auf Dauer die funktionale Anonymität der Gesprächssituation nicht aufrechterhalten lässt? Unvermittelt schlägt der geschäftsmäßige Tonfall der Stimme aus dem Call-Center in Vertraulichkeit um: „Haben Sie sich schon einmal am Telefon verliebt?“ Der Weg durch Berlin endet für die deutschen Kunden vor dem Schaufenster eines Computer-Discounters, und per Internet-Kamera können die durch Kontinente getrennten Gesprächspartner einander sehen und zuwinken.

Sobald man die alltägliche Situation eines Verkaufsgesprächs als Kunst begreift, kann sie sich in ihrem theatralischen Gehalt offenbaren. Die kommerzielle Vermarktungsform erscheint dann nur noch als ein Spiel vermeintlicher Zwecke, in dem sich durchaus reale und fühlende Menschen als Verkäufer und Konsumenten inszenieren. So ähnlich hat es vor kurzem auch der Soziologe (und taz-Kolumnist) Dirk Baecker für die auswärtige Kulturarbeit formuliert. Denn für Baecker besteht der gesamte verhandelbare Kern von Kultur nur aus der Differenz, die aus der Kommunikation mit den Lebensformen anderer Zeiten und Orte resultiert. Dass eine deutsche oder europäische Kultur mit einem inhärenten Identitätskern, also auch mit einer exportierbaren nationalen Message ganz aus sich heraus existieren könne, hält Baecker für einen Irrtum des 19. Jahrhunderts, der schleunigst berichtigt werden müsse. Kultur resultiere erst aus den Formen des Ausgleichs, die in der Weltgemeinschaft prozessual verhandelt werden.

Doch eben weil unterschiedliche kommunikative Zwecke dieser Differenz zugrunde liegen, sind Gefühl und Kalkül in der auswärtigen Kulturpolitik oft kaum zu unterscheiden. Davon ist auch das deutsche Goethe-Institut betroffen, das mit seinen 128 Niederlassungen in 79 Ländern diese Vermittlungsarbeit im deutschen Namen leistet. Schon seit einiger Zeit nämlich sind seine Leitungen in Richtung Inland, ins Außenministerium und zu den Finanzpolitikern des Bundes, empfindlich gestört.

Alarmierende Pressemeldungen über eine Deckungslücke von sieben Millionen Euro im aktuellen Etat und unbestätigte Gerüchte über eine geheime Kahlschlagsliste, der zufolge Dutzende westeuropäischer Standorte von der Schließung bedroht sind, deuten auf eine Krise der auswärtigen Kulturarbeit hin. Zufall oder Absicht? Lässt man Zahlen sprechen, so wäre davon zu reden, dass ausgerechnet in einem Zeitraum, als die deutsche Außenpolitik das neue Instrument der auswärtigen Militäreinsätze kennen und lieben lernte, die jährlichen institutionellen Zuwendungen an das Goethe-Institut kontinuierlich gesunken sind: von 125,6 Millionen im Jahr 2000 auf 109,1 Millionen Euro in diesem Jahr.

Künstler und Intellektuelle haben für die doppelbödige Gegenwart instrumenteller Logiken oftein besonders feines Gespür

Bittere Medizin soll nun Heilung bringen: Mit einem Strategiepapier unternimmt Goethe-Generalsekretär Hans-Georg Knopp den Versuch, das unaufhaltsame wie ungerichtete Verkümmern auswärtiger Kulturarbeit wenigstens offensiv mit einer strategischen Neuausrichtung zu verbinden. Deutlich verstärken müsse man demzufolge die deutsche Präsenz in den aufstrebenden Regionen Ostasiens, in Indien, China und in der muslimischen Welt. Reichlich Einsparpotential gebe es dagegen beim dichten Netz der Goethe- Repräsentanzen im befreundeten Westeuropa. Hier müssten Strukturen verschlankt, unnötiger Ballast abgeworfen, teure Immobilien aufgegeben und Langzeitverträge von Mitarbeitern durch flexible Projektarbeit ersetzt werden.

Wer sich noch an die Sanierung des angeschlagenen Karstadt-Quelle-Konzerns erinnert, erkennt in diesen Verlautbarungen sofort die wohltuende Kraft der Parodie. Will sich das Goethe-Institut nun etwa einer nur ökonomistisch motivierten Außenpolitik anpassen? In Fernost gut Wetter machen, damit der Transrapid doch noch bis Peking verlängert wird? Die Vorschläge, die jetzt für Aufregung sorgen, werden bereits seit einem halben Jahrzehnt diskutiert. Womöglich hat der Goethe-Vorstand bloß einmal seine kommunikative Kompetenz mobilisiert und die finanziellen Nöte der auswärtigen Kulturarbeit in eine Sprache übersetzt, die auch von deutschen Haushaltspolitikern verstanden wird.

Eine Rechnung ist bereits aufgegangen. Denn anders als im fernen Afrika unterliegt der drohende Rückzug deutscher Kulturarbeit aus den europäischen Nachbarstaaten erhöhter medialer Aufmerksamkeit. Wochenlang geisterten Schließungsgerüchte betreffs der Kopenhagener Goethe-Dependance durch das deutsche Feuilleton, bis sich der Außenminister persönlich zur Abgabe einer Bestandsgarantie genötigt sah. Denn während sich im Inland die fatalistische Botschaft vom finanziell impotenten und von wirtschaftlichen Sachzwängen getriebenen Staat schon unwiderruflich in den Köpfen eingenistet hat, zeugt es auswärts eben noch von einiger Unverfrorenheit, wenn der Exportweltmeister seine löchrigen Taschen nach außen dreht.

Unvergessen sind wohl die desaströsen Begleitumstände der Aufgabe des Instituts von Reykjavík 1998: Als Zeichen des Protests versenkten Einheimische damals eine Goethe-Statue in den eisigen Fluten des Atlantiks. Vor allem im Außenministerium will man weiteren Aufruhr dieser Art wohl lieber vermeiden. Hauptsache, das Türschild bleibt hängen. Aus dem Goethe-Institut heißt es dagegen, dass aufgrund fehlender Projektmittel in einigen Instituten bereits Leerlauf herrsche. Zurzeit sind das Goethe-Institut und die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes über Knopps Reformkonzept noch heillos zerstritten.

Hintergrund dieser Kontroverse dürfte sein, dass die Zäsuren von 1989 und 2001 in der auswärtigen Kulturpolitik zu einem neuen Denken geführt haben. Vertrauensbildung durch ein bescheidenes, selbstreflexives Auftreten hat dabei anscheinend ausgedient. Längst geht es nicht mehr um „Kultur für alle“ oder um die Wiederherstellung des ramponierten deutschen Rufes als Kulturnation. Im Gegenteil: Die Strategiepapiere des Auswärtigen Amtes propagieren seit langem die Umstellung auf stärkere „Nachfrageorientierung“ und „Subsidiarität“. Man glaubt, dass Deutschland über ein attraktives Kultur- und Bildungsangebot verfüge und ausländische „Kunden“ bereit wären, für dieses Angebot auch zu bezahlen. Und dass man staatlich finanzierte Kulturarbeit sogar ganz einstellen könne, sobald private Unternehmer oder internationale Organisationen dafür Ersatz bieten.

Dank dieser Konzentration auf Selbstzahler arbeiten die Deutschkurse des Goethe-Instituts bereits weitgehend kostendeckend. Auch deutsche Auslandsschulen finanzieren sich immer stärker über Schulgelder. Wie weit schließlich in der Drittmittelwerbung die Verlotterung der Standards schon vorangeschritten ist, wird in einer Broschüre des Auswärtigen Amtes aus dem Jahr 2000 ganz offenherzig eingeräumt: „Im Programmbereich bemühen sich deutsche Veranstalter im Ausland um eine Einbeziehung deutscher Auslandsunternehmen, welche deutsche Kulturereignisse vor Ort für die eigene Werbearbeit einsetzen können.“

Künstler und Intellektuelle, die die Botschaft von deutscher Kultur in die Welt tragen sollen, haben für die doppelbödige Gegenwart instrumenteller Logiken oft ein besonders feines Gespür. Auf einer Tagung des Goethe-Instituts in Tutzing warnte daher der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani kürzlich vor einem solchen Verständnis von Kulturarbeit: „Kunst ist oft das Gegenteil von Verständigung.“ Gerade die nichtdiskursiven Elemente von Kunst ermöglichten einen Diskurs über Dinge, die nicht in Worte zu fassen seien: „Kultur ist ein selbstkritischer Akt, der die Bereitschaft der anderen Seite erzeugt, über ihre Schwächen zu sprechen. Dies ist die Basis dafür, in die dunklen Seiten der anderen Kultur einzudringen.“

In der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts hat man diese dunklen Seiten mittlerweile mit neuem Inhalt gefüllt: Kulturarbeit gehöre zum Werkzeugkasten der Außenpolitik, stellte AA-Vertreter Cord Meyer-Klodt auf derselben Tagung die realen Entscheidungsbefugnisse klar: „Kulturarbeit als dritte Säule der Außenpolitik folgt in erster Linie der Logik der Außenpolitik, nicht der Kulturförderung.“ Da reagierte dann auch die ansonsten unerschütterlich diplomatische Goethe-Präsidentin Jutta Limbach ein wenig verstimmt: „Das mit dem Werkzeugkasten höre ich wirklich nicht gern.“ Goethe-Generalsekretär Knopp sagt es deutlicher: „Kulturförderung im In- und Ausland ruhen auf einem Zivilisationsmodell, das der Kunst Autonomie einräumt.“ Doch immer kann sich hinter einer Pathosformel zugleich ein instrumenteller Zweck verbergen. Autonomie wünscht sich das Goethe-Institut vor allem in finanzieller Hinsicht.

Seit je ist das Verhältnis von Kultur und Politik das einer wechselseitigen Instrumentalisierung von Künstlern und Geldgebern. Mittlerweile hat der Außenminister Bereitschaft signalisiert, Knopps Reformkonzept als Diskussionsgrundlage zu akzeptieren und sich persönlich im Haushaltsausschuss des Bundestages für eine bessere Förderung der auswärtigen Kulturarbeit einzusetzen. Dennoch ist anzunehmen, dass die Anforderungen an das Goethe-Institut, im Zwiespalt von Realpolitik und künstlerischer Dissidenz die pluralistischen Ideale der deutschen Gesellschaft eben auch in ihren dunklen Seiten international glaubwürdig verkörpern zu müssen, eher noch wachsen werden.