„Die Elite braucht es, die Subkultur liefert es“

DER KULTURAKTIVIST Der Künstler, DJ und Radiomann Gió Di Sera ist ein Pionier der postmigrantischen Kulturszene in Berlin. Er hat den Wandel des Kreuzberger Nachtlebens und der Jugendarbeit in seinem Brennpunktkiez hautnah miterlebt. In diesem Jahr feiert er mit seiner Radiosendung und dem Kanakwood-Salon – jetzt am Wochenende – Jubiläum

INTERVIEW DANIEL BAX
FOTOS MIGUEL LOPES

taz: Herr Di Sera, würden Sie sich als Kanaken bezeichnen?

Gió Di Sera: Das Schimpfwort war ja vor allem für Türken reserviert. Aber ich bin es auch gewohnt, aufgrund meiner Herkunft mit irgendwelchen Stereotypen konfrontiert zu werden, „Spaghetti“ und so eine Scheiße. Das war irgendwann nicht mehr lustig. Deswegen dachte ich mir, man muss dem offensiv, aber konstruktiv begegnen.

Mit Ihrer Radiosendung „Radio Kanaka International“ waren Sie vor zwanzig Jahren einer der Ersten, die den Begriff „Kanake“ ins Positive gewendet haben. Wie kamen Sie darauf?

Ich wollte den Begriff entnegativisieren und zeigen, dass es neben der ökonomischen auch die kulturelle Migration gibt. Und durch das Radio hatte ich die Möglichkeit, dieses Credo zu verbreiten. Ich habe es damals als meine Mission begriffen, für diese ganzen Migranten ein Sprachrohr zu sein.

Was hat Sie dazu motiviert?

Das hat auch mit meiner Herkunft zu tun. Neapel hat eine dreitausendjährige Geschichte und ist von vielen Kulturen geprägt worden. Darum trage ich eine gewisse Universalität im Denken in mir. Ich sehe mich in der Tradition des kulturellen Nomadismus: Man wandert aus und geht irgendwohin, und daraus entstehen neue Hybride. Davon hat Berlin lange profitiert.

Wann sind Sie eigentlich selbst nach Berlin gekommen?

1985, da war ich 21. Als Jugendlicher, der in Heimen aufgewachsen ist, hatte ich zuvor in Neapel versucht, mich als Songschreiber und Sänger in einer Punk- und New-Wave-Band aus der Not zu retten. Aber nach dem Erdbeben von 1980 ging es dort richtig los mit Drogen, Mafia, Camorra, Krieg. Die ganze Gesellschaft ist in so eine Depression gefallen. Meine eigenen Bandmitglieder etwa waren alle Junkies. Darum bin ich irgendwann nach Berlin geflüchtet.

Wie kamen Sie auf Berlin?

Durch die Musik. Und Kreuzberg wurde wegen gewisser Parallelen zu Neapel für mich zum Zufluchtsort: Da war der künstlerische Genius Loci und eine gewisse Mediterranität, wegen der Migranten. Hier habe ich angefangen, intensiv zu malen und mich auf dem Kunstmarkt anzubieten. Das war die Zeit der „Neuen Wilden“, Endart-Galerie, Berlin war wirklich ein Mekka der neuen Kunst. Ich hatte Glück und konnte mich rasch als junger Künstler etablieren, hatte Ausstellungen und bekam viel Anerkennung.

■ Der Mann: Der 1964 in Neapel geborene Gió Di Sera ist ein Berliner Unikat: bildender Künstler, Radio-DJ und Partyzeremonienmeister. Di Sera ist sein Künstlername, bürgerlich heißt er Giovanni Batista di Martino, als DJ und Moderator nennt er sich Don Rispetto.

■ Der Macher: Vor zwanzig Jahre startete er zuerst auf Kiss FM seine Sendung „Radio Kanaka International“, die viele Jahre auf der RBB-Welle Radio Multikulti und heute auf dem privaten Nachfolgesender Multicult FM (UKW 88,4) zu hören ist. Vor zehn Jahren gehörte Gió Di Sera zu den Mitbegründern von „Kanakwood“. Diesen Samstag ab 22.30 Uhr feiert der postmigrantische Künstlersalon im Ballhaus Naunynstraße das Jubiläum.

■ Der Preis: 2007 rief Gió Di Sera im Kreuzberger Jugendzentrum Naunynritze auch die „StreetUniverCity“ ins Leben. Am Mittwoch hat er als deren Direktor dafür den Berliner „Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz“ erhalten.

Warum haben Sie angefangen, im Radio zu moderieren?

Ich hatte schon immer einen starken Kommunikationsdrang. Als man mir anbot, bei Kiss FM ein Alibi-Migranten-Format zu übernehmen, sagte ich sofort zu. In der Zeit hatte sich in Italien ein Teil der Subkultur von Punk und New Wave abgelöst und der HipHop-Kultur zugewandt. Da kamen sehr spannende Produktionen aus Italien, von Almamegretta, 99 Posse aus Neapel oder dem Sud Sound System. Zwischen Italoklassikern von Adriano Celentano oder Renato Carosone habe ich immer mehr von diesem Zeug reingemischt.

Das war bei Kiss FM möglich?

Ja, in den Anfängen war das ein Biotop von Originalen. Man hat Genregrenzen überschritten, es gab Techno, HipHop, Ragga und uns mit unseren sogenannten ethnischen Nischen, wie es damals hieß. Sie wissen ja: alle zehn Jahre werden die Migranten ja anders benannt, und wir müssen uns immer zwanghaft anpassen.

Wie hat sich Ihr Programm weiterentwickelt?

Ich habe angefangen, weltweit und lokal zu erforschen, was es so für Migrationsbewegungen im Zusammenhang mit Ragga, Hiphop und schwarzer Musik und in anderen Sprachen gibt. Und ich habe Leute, die auch in Berlin aktiv waren, aber ignoriert wurden, ins Studio geholt. Zum Beispiel türkische Rapper wie Islamic Force, die ich sogar mal nach Neapel gebracht habe.

Sie sind eng mit der deutsch-türkischen Szene von Kreuzberg verbunden. Wie kam das?

Der Auslöser waren die Morde von Mölln, Solingen und an Mete Eksi in Berlin kurz nach der Wende. Ich wollte als Künstler solidarisch sein mit den Menschen, die rund um mich herum lebten. Mit Neco Çelik, den ich über eine Freundin kennenlernte und der damals Graffitisprüher war, habe ich die „To stay here is my right“-Posse ins Leben gerufen.

Worum ging es da?

Wir wollten ein Zeichen setzen und unsere Leute unterstützen. Denn auf einmal waren wir wieder am Rande. Die DDR wurde kolonisiert und aufgekauft, der Prozess ging ziemlich rasch. Aber man hat vergessen, die neuen Mitbürger über den Stand der Dinge in Deutschland aufzuklären und eine Brücke zu schaffen zwischen diesen Realitäten. Plötzlich war das Wort „fremd“ wieder ein Synonym für Angst, Arbeitsplatz wegnehmen und Invasion. Das hatte wirklich krasse Auswirkungen.

Deshalb wurde dann Radio Multikulti gegründet – und Sie waren fast vom Anfang bis zum Ende 2008 dabei.

Radio Multikulti war ein Erfolgsmodell, um das uns die ganze Welt beneidet hat, es hat ein Wir gegen die vielen Parallelgesellschaften gesetzt. Dadurch konnten sich auch viele Deutsche ein Bild machen von der Vielfalt der Stadt. Das hat auch gut funktioniert. An den Anrufern in meiner Sendung konnte ich das gut ablesen. In den Anfangsjahren kamen die Stammkunden aus Kreuzberg, Neukölln und Wedding, aber im Laufe der Jahre kamen immer mehr aus den Ostbezirken und mit rein deutschen Namen dazu. Das zeigt, welchen Integrationsbeitrag und was für eine Aufklärungsarbeit wir geleistet haben. Aber über Nacht wurde der Sender auf einmal zugemacht, und das politische Establishment hat sich kaum dafür eingesetzt.

Vor zehn Jahren haben Sie das Künstlernetzwerk Kanakwood mitbegründet, es existiert bis heute. Was ist das?

Dahinter stand dieser postmigrantische Gedanke. Damals gab es viele Impulse aus Film, Comedy, Literatur und Kunst. Es war die Zeit von Fatih Akins ersten Erfolgen, und viele in Kreuzberg haben damals angefangen, Filme zu machen. Die Schauspielerinnen Nermin Uçar und Jale Arikan hatten mich gefragt, ob ich mit ihnen einen Salon etablieren will, und so kamen wir auf den Namen Kanakwood. Den ersten Salon haben wir damals im Kunstamt Kreuzberg veranstaltet, das war ein super Erlebnis. Später kamen Shermin Langhoff und DJ Ipek dazu. Das hat sich so weit etabliert, dass heute selbst Klaus Wowereit von postmigrantischer Kultur spricht.

Shermin Langhoff ist als Intendantin vom postmigrantisch geprägten Ballhaus Naunynstraße ans Gorki-Theater gewechselt. Erobern die Kanaken jetzt die Mitte Berlins?

Es gibt Keime, die entwickeln sich. Das freut mich natürlich für alle Beteiligten. Kanakwood war auch eine Plattform für diese Bewegung, jetzt ist Theater das Medium. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zum Reservat wird – zu einem Ort, an dem man sich diese Leute angucken kann und darf. Denn so ist das Gesellschaftsspiel: Die Elite braucht es, die Subkultur liefert es.

Sie dagegen bleiben weiterhin dem Jugendzentrum Naunynritze in Kreuzberg treu?

Für mich war die Naunynritze ein Ort, nach dem ich mich als junger Neapolitaner immer gesehnt hatte. Deswegen bin ich seit zwanzig Jahren immer noch da drin. Klar, Probleme gab es immer, allein wegen des Standorts in einem Brennpunktkiez und der Nähe zur Drogenszene am Kotti. Aber die Probleme haben sich verstärkt, weil der Staat sich immer weiter aus seiner sozialen Verantwortung zurückzieht, was Jugendliche und Bildung angeht, und sich die Stadt verändert hat. Viele Leute kommen jetzt nach Kreuzberg, wollen hier konsumieren und ihren Spaß haben. Dazu gehören diese Stoffe, die jemand verwalten und verbreiten muss. Leider tappen immer die Jüngsten in diese Falle. Ich habe da ganz traurige Déjà-vus und fühle mich an meine Vergangenheit in Neapel erinnert.

Die StreetUniverCity haben Sie gegründet, um gegenzusteuern?

Unser Anliegen war es immer, zu zeigen, dass man mit Kunst und Kultur etwas anderes erschaffen, Aggressivität in Positivität umwandeln und daraus auch Berufe machen kann. Dass man nicht auf negative Vorbilder wie Dealer und Räuber angewiesen sein muss. 2007 ging es damit los. Meine ganzen Kontakte sind da mit reingeflossen. Wir hatten Pioniere der Berliner Szene wie die Flying Steps, den Street-Art-Guru Adrian Nabi oder den Beatboxer Bee Low, die weltweit Anerkennung gefunden haben, als Dozenten. Und auch Legenden der HipHop-Bewegung wie Grandmaster Flash, Africa Bambaata und KRS One kommen uns immer wieder besuchen.

Wie soll es mit der StreetUniverCity weitergehen?

Die StreetUniverCity war ein Projekt der Naunynritze. Aber als es dort richtig problematisch wurde vor zwei Jahren, sind wir zusammen mit dem Haus implodiert und abgestürzt.

Die Naunynritze musste vorübergehend schließen …

Ja, die Mitarbeiter und Nutzer wurden bedroht, es wurden Drogen verkauft. Aber wir machen weiter, weil ich nach wie vor an das Projekt glaube. Wir haben private Sponsoren und neue Partner am Start und entwickeln neue, dezentrale Projekte. An diesem Mittwoch haben wir dafür den Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz erhalten. Solche Preise bestätigen uns natürlich in unserer Arbeit.

Welche Ziele haben Sie?

Wir suchen langfristig ein eigenes Objekt. Es gibt Migranten, die erfolgreiche Unternehmer geworden sind und die uns unterstützen wollen. Wir verhandeln jetzt mit der Politik im Bezirk, damit wir in Zukunft auch weiter positive Impulse an das neue Berlin geben und unsere Mission fortführen können.

Welche Rolle nimmt die Kunst noch in Ihrem Leben ein?

Ich definiere mich als Artista totale und habe immer versucht, die verschiedenen Ebenen zu vereinen. Ich bin da von Beuys’ Idee der sozialen Plastik und vom Fluxus beeinflusst. Ich habe jetzt in Neapel an einer großen Ausstellung mitgewirkt mit einer Skulptur von mir, die nun in den Katakomben von San Gennaro steht. Ab nächstem Jahr werde ich auch wieder verstärkt in diese Richtung agieren mit einem Programm, das wird sich „Pittura sociale“ nennen, auf Deutsch: soziale Malerei.

Wie oft legen Sie noch auf?

Ich pflege solche Plattformen wie Kanakwood weiter, damit ich mit mir und meinen Zeit- und Stylegenossen das Gefühl noch erleben kann, was uns mal ausgemacht hat. Aber ich bin nicht mehr so aktiv als DJ, es ist selektiver geworden. Und ich bin und bleibe Old School und schleppe weiterhin meine Platten und CDs mit, weil ich damit groß geworden bin.

Derzeit wird das Berliner Nachtleben ja stark historisiert, es gibt Filme und Bücher über die 80er und 90er Jahre. Finden Sie sich darin wieder?

Nein. Aber es geht ja nicht um mich, ich muss nirgendwo als Pionier genannt werden. Es geht um das, was man selbst erlebt und woran man mitgewirkt hat. Ich war ja nicht allein – ohne diese Leute, die da waren, hätte ich meine Sachen nicht so umsetzen können. Ich habe zum Beispiel Wolfgang Müller [Pionier der 80er-Jahre-Kunstszene; d. Red.] gesagt: Tolle Sache, dein Buch über die Subkultur in Westberlin, aber was ist mit uns? Ja, du hast recht, hat er geantwortet, wir sollten eine zweite Edition machen. Was soll das? Migranten haben diese Ära und den Mythos Berlins mitgeprägt! Aber es ist, als wären wir nie da gewesen.

„Den Status des zentralen Impulsgebers hat Berlin längst verloren, man erlebt viel Neomanierismus“

Wie haben Sie selbst das Berliner Nachtleben vor und nach dem Mauerfall erlebt?

Ich bin froh, diese Zeit erlebt zu haben: Westberlin war ein einmaliges Soziotop, das es so nie wieder geben wird. Und auch die ersten Jahre nach dem Mauerfall waren für einen jungen, aufstrebenden Künstler und Musiker einfach toll. Aber Berlin hat diesen exklusiven Status des zentralen Impulsgebers längst verloren, man erlebt viel Neomanierismus. Das hat seine Gründe: die Gentrifizierung, die Kommerzialisierung, den Tourismus, an dessen Bedürfnissen sich die Leute immer mehr anpassen. Das killt die Identität der Stadt.

Spiegelt diese Entwicklung nicht einfach den Wandel der Stadt wieder?

Ja, ich war neulich mal wieder in Prenzlauer Berg. Da war ich in den neunziger Jahren oft. Jetzt herrscht da so eine idyllische Dorfstimmung, viele Muttis mit Kinderwagen, den Kopf hoch oben und sehr autoritär, nach dem Motto: Dickes Auto, Haus gekauft, meins, meins.

Gibt es das nicht längst auch in Kreuzberg?

Ich hatte immer die Illusion, Kreuzberg sei der Ort, wo der authentische Berliner Geist zu Hause ist. Aber in den letzten Jahre musste ich feststellen, dass ich mich da getäuscht habe – vor allem in manchen ehemaligen Hausbesetzern, die Hausbesitzer geworden sind und jetzt die Leute rausdrängen. Daran liegt es, dass es auch keinen richtigen Widerstand dagegen gibt – außer bei den ganzen Kanaken bei Kotti & Co und den verbliebenen Militanten. Früher wäre es nie möglich gewesen, dass Kreuzberg so kolonisiert und aufgekauft wird. Auch ein latenter Rassismus, der immer vorhanden war, ist offensichtlicher und aggressiver geworden. Sogar im Bergmannkiez, wo ich wohne.

Wie äußert sich das?

Die Blicke, der Umgang miteinander, man spürt das auf der Haut. Die Leute gucken dich an nach dem Motto: Was will der Kanake hier? Dabei wäre Kreuzberg doch ohne uns nicht, was es ist!