Kommentar von PHILIPP GESSLER
Der deutsche Protestantismus, geistige Heimat für etwa 25 Millionen Menschen, steht vor einer neuen Ära. Die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann gibt als neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein neues Gesicht, wahrscheinlich auch zusätzliches Gewicht. Nach dem etwas steifen Reformer und scharfen Intellektuellen Wolfgang Huber zeigen die Kirchen der Reformation mit Käßmann zukünftig eine weichere, offenere und wohl auch medientauglichere Seite - und da die neue Chefin mit 51 Jahren noch relativ jung ist, dürfte Käßmann ungewöhnlich lange Zeit haben, die EKD nach ihren Vorstellungen zu prägen.
Diese Prägekraft hat die charismatische Bischöfin, keine Frage. Auch wenn die Spitze der demokratisch verfassten EKD mit ihren 22 Landeskirchen von oben nicht "durchregieren" kann. Käßmann hat es jedoch am Mittwoch eher im Wolkigen gelassen, welchen Weg sie in Zukunft gerne gehen würde.
Immerhin: Einen grundlegend neuen Kurs wird sie nicht einschlagen, das stellte sie klar, und das war auch nicht zu erwarten. Sie betonte jedoch, dass sie den Reformprozess noch stärker in die einzelnen Gemeinden tragen wolle - dort, an der Basis, fühlten sich viele vom Veränderungsdruck von oben zumindest gestresst.
Aufhorchen ließ auch, dass Käßmann in einer Seitenbemerkung unterstrich, die Muslime selbst wollten ja keine Kirchengebäude, um diese bei Bedarf in Moscheen umwandeln zu können. Möglich, dass im Verhältnis zum Islam der Wind noch etwas rauer wird.
In Sachen Ökumene hörten sich ihre ersten Andeutungen nicht danach an, als wollte sie mit der EKD nun die ganze geistige Welt sogleich umarmen. Und außerdem wird die katholische Hierarchie vor allem außerhalb Deutschlands trotz aller Lippenbekenntnisse eben doch ihre Probleme damit haben, nun dauernd mir ihr zu tun zu haben: mit einer starken, liberalen und geschiedenen Bischöfin.
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