um gottes willen, es ist bob dylan von WIGLAF DROSTE

Als Bob Dylan im Frühling 2001 sechzig Jahre alt wurde, erschien ein ganz besonders lesenswertes Buch über ihn: „Bob Dylan. Ein Leben“. Autor ist Willi Winkler, Dylan-Fan und -Kenner, aber kein Mitglied der Kirche zum Heiligen Bob, jener Gemeinde, die man auch „Dylanology Church“ nennt.

Dylanologen sind Menschen, die Devotionalien und Reliquien eines Gottes sammeln, dessen Vater zwar kein Zimmermann war, aber immerhin Zimmerman hieß und dessen eingeborener Sohn Robert Zimmerman seit etwa 45 Jahren als Jesus und Zankapfel des akademischen Milieus herhalten muss.

Erkennen kann man Dylanologen an rechthaberischer Textexegese und an der verbissenen Lust, einander achtkantig zu exkommunizieren. Wer das jetzt für ein Sozio- und Psychogramm älterer westdeutscher Linker hält, irrt nicht. Es gibt große Überschneidungen zwischen den Mitgliedern der Dylanologensekte und denen anderer, politisch angestrichener Glaubensklübchen. Den Sakralbedürftigen aller Fraktionen hat Willi Winkler in seinem Dylan-Buch nicht zum Munde geschrieben, das nehmen sie ihm übel, und auch das macht das Buch so gut.

Dylans Phase schwerer christlicher Beschacktheit wird nicht verschwiegen. Dylan ließ sich taufen, predigte rauschend wie ein Apokalyptuswald und befahl: Weihwasser marsch! Auf dem 1979er Album „Slow Train Coming“ und speziell im Song „Gotta Serve Somebody“ gab er dem christlichen Fundamentalismus die Sporen. Winkler kommentiert das schön respektlos: „Dreht euch nicht um / Der Missionar geht um!“

Das „Bob Dylan At Budokan“-Live-Album nennt Winkler zurecht „schaurig“, aber er tut das ganz ohne Schadenfreude, denn er weiß: „Es ist kein Spaß, seinen Helden auf dem Weg nach unten zu begleiten.“ Ohne moralisierendes Urteil konstatiert er: „Dylan setzte die Tournee fort, trank, spielte, trank und verbrauchte mehr Frauen als je zuvor.“ Und ohne schwülstige Heiligenverehrung benennt er einen zentralen Aspekt im rätselvollen Leben Dylans: „Bob Dylan, der in seinen Anfängen jedes Außenseiterklischee bedient hatte, konnte damit überraschenderweise genug eigene Substanz entwickeln.“ Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morisson oder Kurt Cobain, die ebenfalls Projektionsflächen für kollektive Sehnsüchte wurden, gelang das nicht.

Soeben findet in Frankfurt der Internationale Bob-Dylan-Kongress statt: „Bringing It All Back Home – Zum kritischen Gehalt von Bob Dylans Werk“. Ein anderer möglicher Titel wäre: Das Bedürfnis nach Bob Dylan / Jetzt auch akademisch stillen! Bob Dylan selbst wird nicht zugegen sein. In seinen „Chronicles“ schrieb er 2004: „Die Reporter feuerten ihre Fragen auf mich ab, und ich erklärte ihnen immer wieder, dass ich kein Wortführer für irgendwas oder irgendwen sei, sondern nur ein Musiker … Später erschien dann ein Artikel mit der Überschrift: ‚Wortführer will kein Wortführer sein.‘ … Egal, worum es bei dieser Gegenkultur ging, ich hatte genug davon. Ich hatte die Schnauze voll davon, dass ich zum Obermufti geweiht worden war.“ Ein ausführlicher Bericht von Wiglaf Droste zum Bob-Dylan-Kongress in Frankfurt am Main folgt am kommenden Montag.