Lernen – wie es euch gefällt

Einer kann mit sieben Jahren multiplizieren. Ein anderer bastelt, bis er neun ist – an einer „demokratischen Schule“ können Kinder selbst bestimmen, was sie wann lernen. In anderen Ländern ist das Konzept auch an weiterführenden Schulen erfolgreich. Die deutschen Behörden sperren sich dagegen

von MAURITIUS MUCH

Nur zwei Streichholzschachteln will Stephan noch auf die rechteckige Pappe kleben, dann sind die Mauern seiner Ritterburg fertig. Anderthalb Stunden werkelt der Siebenjährige schon in dem Raum, der vollgestellt ist mit einer Tafel, Schulbänken, Pinseln und Spielzeug. Ein paar Minuten später setzt er sich zwei Meter weg vom Werktisch an eine Schulbank und lernt Englisch. Heute will er sich Wörter einprägen, die auf -ight enden: Night, flight, bright, might.

Stephan und seine 57 MitschülerInnen an der Freien Schule Berlin können spielen und lernen, wann sie wollen – und was sie wollen. Das ist das Konzept der alternativen Grundschule in Berlin-Tempelhof. Seit fast 27 Jahren hat sich daran nichts geändert. „Lesen, Schreiben und Rechnen können unsere Schüler auch“, sagt Oskar Voigt, der seit der Gründung der Schule 1979 dort unterrichtet. „Der Unterschied zu einer herkömmlichen Grundschule ist, dass unsere Kinder viel motivierter sind, weil sie lernen, was ihnen Spaß macht.“ Druck von den Erwachsenen – wie die Lehrer hier heißen – gibt es nicht. Der eine kann schon mit sieben Jahren multiplizieren, der andere bastelt, bis er neun ist.

Die Freie Schule Berlin ist eine von bundesweit etwa zehn Schulen, die demokratische Elemente aufweisen. Doch eine „demokratische Schule“ im engen Sinn gibt es in Deutschland nicht. Dafür müssten zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Die Schüler lernen erstens, was sie wollen. Zweitens bestimmen sie zusammen mit den Lehrern darüber, welche Regeln gelten sollen, welcher Lehrer eingestellt und wofür ihre Schule Geld ausgeben soll.

Weltweit gibt es über 70 demokratische Schulen, die meisten davon in den USA und in Israel. Die erste Musterschule nach diesem Konzept entstand 1968 im US-amerikanischen Sudbury Valley. Deshalb werden jene Bildungseinrichtungen, die dem Modell folgen, Sudbury-Schulen genannt. In München, Leipzig, Berlin und Frankfurt versuchen verschiedene Initiativen, auch in Deutschland Schulen nach dem Sudbury-Vorbild zu etablieren.

Doch bisher scheiterten sie an den Schulbehörden der jeweiligen Bundesländer. Die müssen die alternativen Schulen genehmigen und zu einem nicht unwesentlichen Teil mitfinanzieren. Denn das Schulgeld von 6.000 Euro pro Jahr und pro Schüler reicht für die Finanzierung einer demokratischen Schule nicht aus.

„Das deutsche Schulsystem ist zu undemokratisch für das Lernen aus eigenem Antrieb“

Martin Wilke von der Kinderrechtsgruppe „Krätzä“ weiß, wie schwierig es ist, eine demokratische Schule in Deutschland durchzusetzen. Seit sechs Jahren versucht er, in Berlin-Prenzlauer Berg eine Sekundarstufe nach dem Sudbury-Prinzip aufzubauen. Die Schulverwaltung hat sein Konzept bisher jedoch immer wieder abgelehnt. Der Grund: Wilke soll sich an die Rahmenlehrpläne halten, damit die Schüler klassische Abschlüsse wie das Abitur ablegen könnten. Genau das möchte der 26-Jährige jedoch nicht. „Wir helfen den Kindern dabei, dass sie selbst das lernen, was für sie wichtig ist“, erklärt Wilke. Es gehe doch nicht darum, die Kinder auf das Abitur vorzubereiten.

Fit für die Universität seien die Sudbury-Absolventen auch ohne Abschlussprüfung an einem Gymnasium. Vier von fünf Schülern studierten erfolgreich, nachdem sie auf einer demokratischen Schule gelernt hätten, so Wilke.

Trotzdem sind die fehlenden Abschlüsse der Hauptgrund, warum die Schulverwaltungen der Bundesländer bislang demokratische Sekundarstufen verhindern. „Es ist viel leichter, eine Grundschule mit starken demokratischen Zügen genehmigt zu bekommen“, sagt Wilke. Denn die Kinder können nach einer demokratischen Grundschule auf eine weiterführende Schule wechseln. Dort können sie dann einen der klassischen Abschlüsse machen.

So machen es auch die Schüler der Freien Schule Berlin. Fast alle gehen mit zehn, elf Jahren auf eine Regelschule. Erst zwei Kinder haben sich bislang auf eine alternative Sekundarschule in Berlin-Pankow getraut. Diese Realschule gibt es erst seit knapp zwei Jahren. Richtig demokratisch ist auch sie jedoch nicht: Mittwochs treffen sich Lehrer und Schüler zu einer Versammlung, um gemeinsam Regeln aufzustellen. Aber die Schule musste den 45-Minuten-Unterricht einführen und sich an den Lehrplänen für normale Realschulen orientieren, um grünes Licht von der Schulverwaltung zu bekommen.

Dass es bisher keine Schule vom Sudbury-Typ in Deutschland gibt, wundert Wolfgang Edelstein nicht. „Wir Deutschen haben ein extrem undemokratisches Schulsystem. Da haben demokratische Schulen es sehr schwer“, sagt der ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Ihm gefällt am Modell der demokratischen Schulen, dass die Kinder dort aus eigenem Antrieb lernen und ein starkes soziales Bewusstsein aufbauen.

Viele Sudbury-Schulen dürfe man auch in Zukunft nicht in Deutschland erwarten, meint Edelstein. Dafür seien viele Eltern einfach zu sehr an die herkömmlichen drei Schultypen gewöhnt. Außerdem fixierten sich die Politiker zu sehr auf das Allheilmittel Gymnasium. Hinzu käme das weit verbreitete System der Halbtagsschule, so der Pädagogikprofessor. Da gebe es doch überhaupt keinen Spielraum für eigene Lernideen der Kinder, weil die Lehrer den Stoff durchpauken müssten.

Zumal die Initiative für die Einführung von demokratischen Elementen auch von den Lehrkräften ausgehen müsse. „Aber die schauen oft nur auf ihre Fächer, in denen sie bestens ausgebildet sind. Aber über die Psychologie des Lernens wissen sie nicht viel“, sagt Edelstein.

Vorstellen kann sich Edelstein einzelne demokratische Schulen als Leuchttürme. „Dadurch könnten andere Schulen demokratische Elemente übernehmen“, glaubt Wolfgang Edelstein. Beispielsweise könnten Schüler über so genannte Klassenräte mitbestimmen, welche Themen Lehrer besonders intensiv behandeln oder weglassen sollen. Dass aber Kinder ihre Lerninhalte komplett selbst bestimmen, das hält der Bildungsexperte für bundesweit nicht durchführbar.

Deswegen werden Schüler wie Stephan von der Freien Schule Berlin wohl noch lange Exoten in der deutschen Schullandschaft bleiben, weil sie basteln und lernen können, wann sie wollen.

Demokratische Schulen im Kino: Am Mittwoch, 17. Mai, um 18 Uhr zeigt das Babylon-Kino in Berlin-Mitte (Rosa-Luxemburg-Straße 30) zwei Kurzfilme zum Thema.