Nach der Wende blühte die Medienlandschaft im Osten auf. Doch die Euphorie der Befreiung hielt nicht lange.von Steffen Grimberg

Nur der, der Sand in die Augen streut, ist aus den Ost-Medien übriggeblieben. Bild: dpa
Wie hätte der Osten den Westen verändern können! Natürlich nicht die real existierende DDR, deren propagandistisches Erbauungsprogramm Radio Berlin International es nur arg verknistert via Mittel- oder Kurzwelle in die "BRD" schaffte. Sondern der Osten der Wendezeit mit seinen sich plötzlich befreit fühlenden Staatsmedien. Dazu kamen noch die vielen bürgerbewegten Neugründungen von Zeitungen und Zeitschriften.
Viele davon sahen zunächst weiter so aus wie vor dem November 1989, schlecht kopiert, mäßig geheftet. Nur der früher allgegenwärtige Schriftzug "Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch", mit dem das schützende Dach der Kirche zumindest etwas über derlei Schriftgut gestülpt werden konnte, fehlte.
Dann kam Die Andere und hieß auch so. Die Andere Zeitung gab es gleich zweimal, in Berlin und in Leipzig, der Heldenstadt. Wie Helden gebärdete sich keines der beiden Wochenblätter, eher klug. Bedacht entlarvten die Titel die kleinbürgerliche Spießigkeit der DDR-Führungen, enttarnten IMs und OiBEs und debattierten den demokratischen Aufbruch im neuen Deutschland. Und eine ost-taz gab es auch, vom 26. Februar bis zum 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion. Die Andere aus Leipzig erlebte immerhin noch die Wiedervereinigung und erschien bis zum Frühjahr 1991.

Dieser Text ist der Die Ost-West-sonntaz vom 7./8. November entnommen. Die sonntaz ist ab Sonnabend zusammen mit der taz am Kiosk erhältlich. Foto: taz
Der Rest vom Fest verschwand fast genauso schnell: Die Wochenpost, in der DDR begehrte Bückware mit - angeblich - vererbbarem Abo, positionierte sich ambitioniert als Blatt, das die Befindlichkeit in Ost wie West verhandeln wollte. Und musste feststellen, dass das zumindest im Westen niemanden interessierte. Zunächst vom Verleger Dietrich von Boetticher eher als Mäzen denn als renditeverliebtem Kapitalisten geführt, besorgte der heutige Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner den Rest. Ende 1996 wurde die Wochenpost eingestellt.
1996 ging auch die Sybille unter, die das Zeug zu einer Art emanzipierten Brigitte auch und gerade für den Westen gehabt hätte. Für die Ypsilon, noch so eine unangepasste Frauenzeitschrift, war schon früher Schluss.
Die etablierten DDR-Tageszeitungen hatten sich da längst die großen Westverlage unter den Nagel gerissen, wobei es manchen eher auf die Immobilie in guter Lage ankam. Dass heute mit wenigen Ausnahmen nur die ehemaligen SED-Bezirksblätter überlebt haben - und damit in fast allen Städten Ostdeutschlands und erst recht auf dem Lande eine Monokultur der Presse herrscht -, ist einer der vielen Skandale bei der Abwicklung des medialen Volksvermögens. Die Verlage von Main und Ruhr, aus Stuttgart und Hannover, denen die Titel seit 1990 gehören, führen anlässlich der heutigen Medienkrise im Osten schon mal exemplarisch vor, wie journalistische Schmalspurversorgung aussieht. Konkurrenz, die zu Qualität zwänge, gibts ja kaum.
Bei Radio und Fernsehen fällt die Bilanz nicht besser aus. Es ist rührend, den aktuellen Anstrengungen des öffentlich-rechtlichen Systems beizuwohnen, junge Menschen zu erreichen. Als dem gewendeten Jugendradio DT 64 ab 1990 der Garaus gemacht wurde, gingen Zehntausende in Berlin, Leipzig und anderswo auf die Straße. DT 64 wurde auf Mittelwelle abgeschoben, im Norden abgeschaltet, im Süden vom MDR höchst gnädig als nur per Kabel oder Satellit empfangbares Programm weitergeführt: Den neuen Namen "Sputnik" soll Sachsens Westimportlandesvater Kurt Biedenkopf (CDU) höchstselbst ausgesucht haben. Auch der restliche Rundfunk wurde gnadenlos gemühlfenzelt. Rudolf Mühlfenzl, treu-bayerischer CSU-Parteisoldat und ehemaliger Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, durfte ab der Wiedervereinigung als "Rundfunkbeauftragter der neuen Bundesländer" den längst gewendeten Deutschen Fernsehfunk und die ostdeutsche Radiolandschaft abwickeln. Heraus kam ein Mecklenburg-Vorpommern, das nun am Rand des großen Hamburger NDR eher ein Schattendasein führt. Ein chronisch klammer Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), der im Sparwahn schon sein ambitioniertes Radio Multikulti abschalten musste. Und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen - von Mühlfenzl, der 2000 starb, übrigens stets als sein größter Erfolg gefeiert. Man sieht es dem Programm bis heute an.
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Leserkommentare
09.11.2009 22:50 | rhodan
@pogi wir ham euer fernsehen aber auch empfangen, dat war schrecklich oder auch mal besser. der schlimmste charakter war im ...
09.11.2009 21:30 | tomas
Also in dem bericht und im ersten kommentar ( von pogi) schwingt mal wieder mit, was man zum 20jährigen mauerfall immer so ...
06.11.2009 17:04 | Pogi
Das mag ja alles stimmen, aber warum schreibt das ein westdeutscher Autor? ...