DOMINIC JOHNSON ÜBER DEN STREIT UM DIE NUTZUNG DES NILS

Afrikas Wasserkrieg

Wasserkonflikte werden schon seit so langer Zeit als die Kriege der Zukunft dargestellt, dass es kaum noch jemanden interessiert, wenn es sie tatsächlich irgendwo gibt. Was sich aber jetzt an Konfrontation über die Verteilung der Wassernutzungsrechte am Nil anbahnt, hat Sprengkraft. Die Länder Ostafrikas akzeptieren die alten Kolonialverträge aus der Zeit der britischen Herrschaft nicht mehr, wonach fast das gesamte Nilwasser Ägypten und in kleinerem Maße dem Sudan zusteht und andere Länder, die selbst unter massiven Wasserproblemen leiden, den längsten Fluss der Welt ungenutzt lassen müssen. Vor allem Äthiopien will das ändern, andere ostafrikanische Staaten haben sich dieser Position angeschlossen. Allein Sudan steht auf der Seite Kairos.

Hinter diesem Konflikt stecken Jahrtausende Geschichte. Die latente Rivalität zwischen Äthiopien und Ägypten um die Vormacht in Nordostafrika ist eine der ältesten Blockkonfrontationen der Erde und hat schon viele historische Varianten durchgemacht: Pharaonen gegen abessinische Kaiser, Muslime gegen Christen, Araber gegen Schwarzafrikaner. Die Kriege des Sudan verlaufen entlang dieser Trennlinie, die Konflikte in Somalia haben ebenfalls eine verkannte Komponente der Rivalität zwischen Hegemonialmächten. Während Kairo sich als Metropole des Mittleren Ostens begreift, sieht es das Nilbecken bis an den Äquator als seine natürliche Einflusssphäre. Dies ist wiederum auch ein Grund, wieso Länder wie Uganda Ägyptens nordafrikanischem Rivalen Libyen zuneigen.

All diese unterschwelligen Rivalitäten könnten sich am Nilstreit bündeln. Die „Nile Basin Initiative“ der beteiligten Staaten ist damit offensichtlich überfordert. Jetzt wäre die Afrikanische Union am Zuge, als einzige Regionalorganisation, in der alle beteiligten Staaten Mitglieder sind.

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