Anna Freud hätt‘s gefreut

VON JAN FEDEERSEN

Das Viertel atmet noch immer den Charme des habsburgischen Aufsteigertums. Großbürgerlich die Architektur innerhalb des Wiener Rings – und gleich dahinter, wie auch die Berggasse im neunten Bezirk der Stadt, ein Couch, ein Kranz von Vierteln, deren Bewohner in der neuen Bürgerlichkeit ankommen wollten.

Heute befindet sich im Haus von Sigmund Freud ein Museum; ein Besuch enttäuscht immer ein wenig, denn erstens ist Freud nicht mehr da, zweitens aber fehlt es an der Couch, auf der die Patienten zu liegen kamen – aber die findet sich in London, dem Exil der Familie Sigmund Freuds: eine Narbe, die fühlbar sein kann – wie alles, was im Holocaust wurzelt.

In der Berggasse 19 praktizierte auch Anna Freud, die Tochter des Begründers der Psychoanalyse – die er, der Vater, zunächst nicht Wissenschaftlerin werden lassen wollte und die es doch, Widerstand ist nur zu gesund, doch wurde. Anna, die Tochter, die geliebte Schülerin, die unheimliche Interpretin des Vaters und zugleich dessen glaubwürdigste Promoterin nach seinem Tod im Jahre 1939. Sie hat sich um die Kinder verdient gemacht, das weiß man, sie hat Methoden zur Analyse von kleinen Menschen entwickelt und sie hatte einen Begriff von der Gewalt gegen Kinder, wie er dissidenter bis zu den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nicht hätte sein können. Jede Gewalt, körperliche vor allem, demütigt, wenn sie von Stärkeren ausgeübt wird, von Eltern zumal. Gewalt steht in den Körpern eingeschrieben, und Anna Freud interessierte sich für diese Fragen wie für keine andere.

Und doch geht die Aufmerksamkeit des Museums an Sigmund Freuds Tochter merkwürdig vorbei. Dies erschließt sich anfangs nicht, denn, nicht wahr, Anna Freud galt ja in der psychoanalytical community zwar als Autorität, aber das gründete mehr im Ruhm ihres Vaters, weniger in den eigenen Arbeiten. Eine Geschichtenerzählerin, keine Akademikerin, weder Medizinerin noch Literaturwissenschaftlerin. Ihr fehlte es, liest man über sie nach in dem wenigen, was über sie biographisch erhellend existiert, quasi an den bürgerlichen Bildungsmeriten. Und doch ... merkwürdig ist das schon. Die Frage der Gewalt gegen Kinder, durch Eltern, durch Krieg, durch Verlassenheit, stand auf keiner Agenda so prominent wie auf der ihrigen.

Szenenwechsel, einige Stunden später, im Gebäude eines ehemaligen Handwerkermarktes, gleichfalls in Wien. Eingerichtet ist dort die Ausstellung „Geheimsachen“ – eine tatsächlich beeindruckende Revue des (Über-)Lebens österreichischer Homosexueller, Männer wie Frauen. Gleich am Anfang, was für eine Überraschung, sieht man ein Bild – von Anna Freud. Aus dem Jahre 1972 stammt es, sie ist damals 76 Jahre alt, aufgenommen in Wien. Sie wollte nie wieder zurück in ihre Heimat, nach der Auswanderung – zumal Österreich bis Ende der Sechzigerjahre in puncto Nazivergangenheit alles auf sich beruhen ließ, man war ja Opfer der Deutschen. Was das Bild aber auch zeigt, ist das Dokument einer Liebe, die zur Engländerin Dorothy Burlingham. Beide hatten Ende der Vierzigerjahre ein heute noch gültiges Buch über „Heimatlose Kinder“ verfasst – Kriegswaisen beispielsweise.

In der Ausstellung zur Geschichte der Homosexuellen Österreichs steht das Bild der Anna Freud und Dorothy Burlingham, der „Liebe ihres Lebens“ (Die Jüdische), auch deshalb auf wunderliche Weise beeindruckend, weil die KuratorInnen offenbar ihre Lieblingsikonen sichtbar machen wollen – als sei man stolz auf diese Frau, die ihr Leben lebte, als sei es vor allem ihres, nicht gewoben aus den Erwartungen anderer. Die Frage warf sich automatisch auf: Weshalb ist Anna Freud eine Heldin der queer community – aber warum nicht, als wäre zu beweisen, auf was die Psychoanalyse überhaupt hinaus will, die Freudverweser in der nur zehn Tramminuten entfernten Berggasse 19?

Die Antwort liegt möglicherweise in den Traditionen der psychoanalytischen Gemeinden begraben. Als Freud 1905 seine „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ vorlegte, war dies ein exzellent formulierter Anlass bürgerlichen Entsetzens. Dort stand nichts weniger notiert, als dass der Mensch kein sexuell natürliches Wesen sei, sondern mit, wie es hieß, mit „polymorph-perversen“ Trieben geboren werde – die biologische Art der Sexualobjekte sei ihm einerlei. Hetero oder homo, männlich oder weiblich: Das Sexuelle am Menschen sei eine kulturelle Einschreibung, nichts, was ihm genetisch wie auf einer fertigen Software, mitgegeben werde.

Pervers verstand Freud nur als Abgrenzung zur gewöhnlichen Scheinhaftigkeit dese Sexuellen, einer Normalität, da machte er sich keine Illussionen, nirgendwo existiert, allenfalls in der Phantasie, die einem befiehlt zu leben, was der bürgerliche Modus ist: Alles der Fortpflanzung. Mit solch einer These konnte er nicht ernsthaft rechnen, ein anerkannter Begründer eines neuen Wissensfeldes zu werden – der der Selbstaufklärung des Subjektiven, des Psychischen. Sexualität, ließe sich heute bündeln, ist selbst beim heterosexuellen Modus immer nur Sexuelles – nie als Konzept des Fortpflanzlichen denkbar. Wer Kinder, will sie nicht aus Lustgründen – aus anderen, gewiss, aber nicht, weil ein Trieb es verlangte.

Ein besseres theoretisches Portfolio konnte es für sexuelle Befreiungsbewegungen nicht geben – und gibt es bis heute nicht. Dass Freud in der zweiten und dritten „Abhandlung zur Sexualtheorie“ doch noch Normatives formuliert – als sei die Psychoanalyse nicht gerade deshalb kostbar, weil mit ihrer Hilfe dessen Dekonstruktion lustvoll gelingen kann: Dass er das Genitale beispielsweise als Norm setzt, die genealogischen Zwecken dienlich sein möge ... Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, immerhin, begreift diese Verbeugung Freuds vor dem Üblichen als „wissenschaftsstrategisch“, erklärbar, weil der Psychoanalytiker keinesfalls die Anschlussfähigkeit an den medizinischen Mainstream verlieren wollte.

Das muss wohl so sein: Freud selbst verwahrte sich gegen die Medizinalisierung dessen, was als Subjektives beim Menschen zu destillieren sei. Das wichtigste Sexualorgan, grob gesprochen, sei die Psyche, nicht ein Ort des Hormonellen, Drüsen, Gehirnregionen – seien Gefühle zu dem, was eingeschrieben wurde und eingeschrieben werden möchte.

Und Freud wusste um die Gesellschaftlichkeit dessen, was Psychisch die Sache ist. Zur psychoanalytischen Perspektive schrieb er im Jahre 1937: „Man wird sich nicht zum Ziel setzen, alle menschlichen Eigenarten zugunsten einer schematischen Normalität abzuschleifen oder gar zu fordern, dass der ‚gründlich Analysierte‘ keine Leidenschaften verspüren und keine inneren Konflikte entwickeln dürfe.“ Ein weises Statement – in einer Zeit, als halb Europa gerade auf völkischem Tripp war und gesellschaftlich menschlicher Eigensinn verpönt war. Und zur Homosexualität selbst schrieb Freud, viele Jahre zuvor: Sie sei „gewiss kein Vorzug, aber es ist nicht etwas, dessen man sich schämen muss, kein Laster, keine Erniedrigung und kann nicht als Krankheit bezeichnet werden.“

Der psychoanalytische Mainstream gerade nach Freuds Tod schien diese grundstürzende Wahrheit vergessen zu wollen. Umzupolen war vielleicht nur selten die Absicht von Psychoanalytikern, die Patienten auf den Weg einer Normalität zu ‚schicken‘, die jene doch oft gerade körperlich krank machte. Legion die Statements von Psychoanalytikern, die Normatives über ‚Perverses‘ zu sagen wussten – schwule Lebensphasen unbewusst als endlich wünschten, in Homosexuellen Ausprägungen zum Depressiven oder Alkoholischen erkannten. Die vulgäre These lautete meist: Schwul werde man, habe man eine zu starke Mutter und einen Vater, dem es an Strenge fehlte – und lesbisch aus resigniertem Penisneid (nur eine der ideologischen Annahmen).

Die eigentlich spannendste Frage haben nur dissidente Sexualforscher zu stellen gewagt – unter anderem die Deutschen Reimut Reiche oder Martin Dannecker, ebenso Sophinette Becker: Woher rührt eigentlich die Angst vor der Nichtnormalität? Was ist Sexuelle, zöge man ihre ‚perversen‘ Reservoirs in ihr ab? Fad und leer? Auch. Vor allem trieblos – und darauf kommt es wohl an. Schließlich bleibt ein weiteres Rätsel: Worauf gründet die Majorität des Heterosexuellen? Vermutlich auf der Macht der Wünsche von dem, was akzeptabel sein könnte und wessen man sich nicht schämen muss.

Reimut Reiche, Psychoanalytiker aus Frankfurt am Main, summierte voriges Jahr beim Kongress zum Gedenken an an seinen Kollegen Fritz Morgenthaler in Zürich, die Psychoanalyse habe alles Besteck in der Schublade, um Lesben und Schwulen ein Leben ohne Misslungenheitsgefühl der Homosexualität wegen zu ermöglichen – doch es wurde nur zu selten genutzt. Anders verstanden: Die Homoliberalisierung musste weitgehend gegen den psychoanalytischen Mainstream erkämpft werden. Bis vor kurzem war es Nichtheterosexuellen nicht einmal erlaubt, von den Berufsständen der Psychoanalytiker als Kollegen akzeptiert zu werden; wer es schaffte, musste sein gleichgeschlechtliches Begehren einkapseln – als sei‘s eine Pflicht dem Vatikan gegenüber.

Die Pathologisierung des Sexuellen hat Freud kühl, vielleicht selbst erstaunt, bestritten. Die Triebkraft, ein Normales zu kreieren und das Abweichende „abzuschleifen“, existiert vielleicht nicht mehr so stark wie vor hundert Jahren – aber in den Mühen der Neurobiologie kehren sie zurück: Gibt es ein Schwulengen? Eine Fragestellung von sublimer ideologischer Wucht: Dies erörtert man nur, um einen Ort für das Unerwünschte zu finden – und hat man es gefunden, was dann? Die Psychoanalyse müsste sich gegen derlei wissenschaftspolitische Aggression verwahren – und freut sich stattdessen über jede Notiz aus der Gehirnforscherszene, dass man nun wieder einen Beleg für die Triftigkeit der psychoanalytischen Beobachtungen gefunden habe: Als ob man nun erst recht selbstbewusst sein dürfte, nicht allein aus der Position der Eingeweihtheit heraus.

In den vergangenen Wochen war unentwegt von Freud die Rede, und sie wird es bleiben. Eine rhetorische Figur war verblüffend fast allen gemein: Mit dem Sexuellen, also da hat Freud echt übertrieben. Ein verräterischer Gedanke: Wenn es so wäre, müsste man es nicht auch noch so glühend wie zugleich abfällig behaupten.

Anna Freud hätte es mindestens im Jahr des 150. Geburtstag ihres Vaters verdient, mitgefeiert zu werden – die geboren wurde, als der 39 Jahre alt war, und die 1982 in London starb. In queeren Zeiten hat man eine Figur in der Geschichte, der es, historisch verständlich, nicht gelang oder gelingen wollte, das Selbstverständliche auch öffentlich nicht zu verschweigen: Dass Dorothy ihre Normalität war, ihre Liebe, ihr Objekt des Sehnens. Das möchte nicht als identitätspolitischer Vorschlag gelesen werden, etwa im Sinne: Na, die Homos wollen die jetzt auch noch eingemeinden, postum quasi. Anna Freud, der ja auch manchenorts unterstellt wurde, immer nur die Tochter ihres Vater geblieben zu sein, sexuell unerfüllt, an gewisser Schönheit auch nicht sehr ausgestattet, lebte aber mit Dorothy Burlingham zusammen – was gibt‘s da zu deuteln, abzustreiten? Und wenn doch: weshalb eigentlich? Was müsste daran peinlich sein?

Sie war, das sieht man auf der Photographie, eine schöne Frau; man glaubt gar, sagen Zeitzeugen, die sie mit Dorothy erlebten, von erfrischender Lebendigkeit – allerdings konnte sie direkte Angriffe auf ihre Person nur schwer ertragen. Beide schafften es wohl, wird überliefert, einander zu ertragen in miesen, inneren wie äußeren, Zeiten – und zu ersehnen fast immer. Ihr biologisch je gleiches Geschlecht hat verhindert, in ihnen ein bemerkenswertes Paar sehen zu wollen.

Und dass sie, eine unbewusste Unterstellung?, keinen Mann fand, weil ihr Vater diesen schon repräsentierte ... Ausflüchte, ängstlich grundiert, das Offensichtliche nicht erkennen zu wollen. Die internationale Community hätte wohl gedacht, wenn sie es reflektieren wollte, mit einer solchen Subjektivierung den Ruf des ganzen Unterfangens zu beschädigungen.

Und, schließlich, zu den rüden Deutungen des Lebensromans der Anna Freud: Als ob nicht jede Tochter ihren Vater immer in sich trägt, ihre Mutter ja auch – und wie es jeder Sohn tut.

Die Psychoanalyse war angetreten, Menschen nicht als Teile einer einzigen objektivierbaren Welt zu sehen – sondern als Wünschende, Phantasierende, Spintisierende, Wähnende. Jeder und jede sieht alles anders. Damit zu leben – anders als die anderen zu sein –, lehrt das, was Freud, aus vollkommen einsamer Position so ergrübelte.

Und zwar gegen den naturwissenschaftlichen Zeitgeist – in dem Freud ja selbst, dort vor allem, ein anerkannter Teil werden wollte. Aber so leicht sollte es nicht werden, für ihn nicht, für seine Erben ebenso wenig: Die menschliche Welt ist subjektiver als jede Biologie oder Medizin je herausfinden könnte.

JAN FEDDERSEN, Jahrgang 1957, lebt in Berlin und ist taz.mag-Redakteur. Psychoanalyse? „Nicht ohne meine Eltern.“