Michael Moores "Kapitalismus"

Für eine Handvoll Pointen

In seinem neuen Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" verarbeitet Michael Moore die Wirtschaftskrise. Er bietet tieftraurige Menschelei, einigermaßen lustige Stunts und einfältige Welterklärung.von SVEN VON REDEN

Als neuen Lenin zeigt ein Werbeplakat für "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" Michael Moore. Wie auf alten Propagandabildern des Sowjetgründers blickt er entschlossen, hinter seinem Kopf mit der charakteristischen Baseballkappe ragen umrahmt von einer Gloriole ein fünfzackiger Stern und ein Lorbeerkranz empor. Der Filmemacher als Führer einer Diktatur des Proletariats? Wohl eher als Narr am Hof des Kapitalismus. Moore kann die Wahrheiten vor großem Publikum aussprechen, solange sie amüsierend oder anrührend verpackt sind.

Für die Lacher sorgen in Moores Abrechnung mit dem Krisenkapitalismus wie immer Ausschnitte aus alten Filmen, Fernsehshows und Werbespots, die er in neue Kontexte setzt und mit eigenen Kommentaren unterlegt. Aus einem Film über den Untergang Roms wird so eine Sequenz über den Niedergang des US-Kapitalismus mit Moores Nemesis Dick Cheney in der Rolle Kaiser Neros. Natürlich hat auch Moore selber seine beliebten Auftritte vor der Kamera als Mischung aus Volkstribun und Inspektor Columbo - "Ich tu mal ganz dumm". Mit einem Geldtransporter fährt er vor die New Yorker Zentrale der Citibank und verlangt die Milliarden zurück, die die öffentliche Hand zur Stützung des Geldinstituts ausgegeben hat; er sperrt die Zentrale des ebenfalls mit Staatsgeldern gefütterten Versicherers AIG als Tatort ab und versucht wie schon in seinem Debüt "Roger & Me" von 1989 Zugang zum Sitz von General Motors in Detroit zu erlangen.

Auf der anderen Seite stehen die tränenrührenden Geschichten von Amerikanern, die Opfer der kapitalistischen Logik der Gier geworden sind: Moore zeigt die privaten Videoaufnahmen einer Familie, die die Erstürmung ihres gepfändeten Hauses durch die Polizei erwartet; er spricht mit einer Witwe, deren toter Mann seinem Arbeitgeber Millionen aus einer Lebensversicherung eingebracht hat, während sie leer ausging; er deckt auf, dass US-Piloten teilweise so schlecht verdienen, dass sie Essensmarken beantragen können - die Fluglinien bitten allerdings darum, dies nicht in Uniform zu tun. Die Beispiele schockieren.

Was aber tun? So wenig ernsthaft das Moore/Lenin-Plakat gemeint ist, es ist in einer Hinsicht ehrlicher als der Film: Hier wird offen die Systemfrage gestellt. Moores achter Kinofilm mag den überdrehten Kapitalismus noch so leidenschaftlich an den Pranger stellen, er ziert sich, die Utopie, die er entwirft, beim Namen zu nennen.

Kapitalismus oder Demokratie - das ist laut Moore die Alternative, ohne dass ganz klar würde, was er damit meint. Demokratie bedeutet nicht, alle vier Jahre wählen zu gehen, sondern echte Mitbestimmung auch am Arbeitsplatz. Offenbar schwebt ihm so etwas vor wie eine genossenschaftlich organisierte Ökonomie mit starkem staatlichem Sektor. In einem Gespräch mit Naomi Klein für die Zeitschrift The Nation fasst er seine Haltung so zusammen: "Wenn uns Anthropologen in 400 Jahren ausbuddeln, werden sie sagen: ,Schaut euch diese Leute an. Sie dachten, sie wären frei. Sie nannten ihr System Demokratie, aber verbrachten zehn Stunden am Tag in einer totalitären Situation […].' Sie werden über uns lachen, so wie wir über Leute lachen, die vor 150 Jahren Blutegel zur Heilung benutzt haben."

Mit dem Begriff "Sozialismus" will Moore sein Publikum natürlich nicht verschrecken. Ebenso wenig mit allzu direkter Kritik an Barack Obama. Zwar kommen finanzpolitische Mitarbeiter des Präsidenten wie Robert Rubin, Lawrence Summers und Timothy Geitner schlecht weg, aber im Film wirkt es fast so, als hätte der "Commander in Chief" nicht gewusst, dass sie maßgebliche Mitschuld an der gegenwärtigen Misere tragen. Im Gespräch mit Naomi Klein begründet Moore seine Zurückhaltung mit der Hoffnung, Obama umgebe sich mit diesen Leuten, so wie Banken ehemalige Bankräuber engagieren, um ihre Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern. Wie ernst er das meint, wird nicht klar.

Das Problem bei Michael Moore ist immer wieder: Für eine gute Pointe würde er jederzeit seine Glaubwürdigkeit verkaufen - oder jegliche dokumentarische Ethik fahren lassen. In seinem letzten in Deutschland gestarteten Film "Sicko" brachte er New Yorker Feuerwehrleute, die seit ihrem Einsatz am Ground Zero unter schweren Atemwegserkrankungen leiden, mit einem Boot nach Guantánamo, um sie dort gratis medizinisch behandeln zu lassen. Natürlich wurde er nicht ins Gefangenenlager gelassen. Aber das war auch gar nicht sein eigentliches Ziel: Er brauchte den Umweg nur, um - welche Überraschung - in Kuba zu landen und das dortige Gesundheitssystem zu preisen. Mit solchen Taschenspielertricks beleidigt er nicht nur die Intelligenz seiner Zuschauer, sondern benutzt auch die kranken Menschen, um die es ihm doch vorgeblich geht, als billige Statisten.

In "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" geht er mit seinen öffentlichkeitswirksamen Stunts einen logischen Schritt weiter: Sie sind nur noch Theater. Das Wachpersonal der Unternehmen, Banken und Versicherungen, die er belagert, reagiert ähnlich gelassen bis leicht genervt wie auf einen Besuch der Zeugen Jehovas an der eigenen Haustür - oder auf einen Komiker, der den selben Witz einmal zu viel erzählt hat.

Vielleicht wäre es einfach Zeit, sich in den eigenen Filmen nicht mehr selber in den Mittelpunkt zu stellen. Aber dann bliebe bei "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" nicht so viel übrig: Der Film wird zusammengehalten von der Larger-than-life-Persona Michael Moore - insofern ist das Filmplakat ein gelungen selbstironischer Kommentar auf den Personenkult um den Regisseur. Eine stringente Argumentation liefert "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" dagegen nicht, geschweige denn eine wirkliche Analyse der gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnisse. Letztlich bleibt er anekdotisch.

Der Vergleich mit Günter Wallraffs "Schwarz auf Weiß" bietet sich an. Auch diesem Film fehlt der erzählerische oder argumentative Bogen, auch hier steht im Mittelpunkt ein selbst ernannter Aufklärer, der die Bühne besser ganz seinen Subjekten, in diesem Fall Afrodeutschen, überlassen hätte. Moore muss man allerdings zu Gute halten, dass er der wesentlich bessere Performer ist als Wallraff, der sich mit seinem Blackface in der Öffentlichkeit sichtlich unwohl fühlt.

Sicher, Moore und Wallraff würden, wenn sie sich selber in ihren Filmen nicht als Identifikationsfiguren anböten, kein so großes Publikum anziehen. Aber ob sie mit ihren Methoden Kinozuschauer erreichen, die nicht von vornherein mit ihnen übereinstimmen, darf bezweifelt werden. Und entscheidender: Der politische Zweck kann nicht alle filmischen Mittel heiligen.

Moore will seine Widersacher in den US-Medien, die rechten Populisten auf Fox-News und Radio-Reaktionäre wie Rush Limbaugh, mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Daher sähe er es als Auszeichnung an, wenn er als Popcorn-Populist bezeichnet würde. Die Figur des politisch engagierten Aufklärers, die Moore in typisch amerikanischer Art (unterhaltsam) verkörpert und Wallraff in typisch deutscher (verkniffen), wirkt letztlich unzeitgemäß in einer Welt, in der alle Informationen im Zweifelsfall einen Mausklick entfernt sind. Könnte man sich nicht einen Performer vorstellen, der mit seinen öffentlichkeitswirksamen Aktionen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und andere politische Missstände ohne den Impetus des Welterklärers offenlegt, der nicht nur die sowieso schon Gebildeten und Engagierten erreicht, sondern einen Querschnitt der Bevölkerung, der seinem Publikum nicht einfach nur das sichere Gefühl gibt, auf der richtigen Seite zu stehen, sondern es in Territorien führt, in der es seine eigenen Haltungen überprüfen muss?

Ach ja, den gibt es schon. Moore und Wallraff würden ihn sicher nicht ernst nehmen. Er heißt Sasha Baron Cohen, besser bekannt als Ali G., Borat oder Brüno.

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