Das Immergleiche, beständig variiert

KUNST Romantische Liebesbeziehungen oder niederdrückender Schmerz – zu allem lässt sich ein Muster finden. In einer Schau in der Neurotitan-Galerie untersuchen drei Künstlerinnen „Muster“ und deren prägende Kraft

VON LEA STREISAND

Die Kreuzung Rosenthaler Straße Ecke Hackescher Markt gehört eindeutig zu den nervigsten Verkehrsknotenpunkten der Stadt. Vor den Toreinfahrten zum Kino Central und zu den Hackeschen Höfen stehen orientierungslose Touristen und kämpfen mit Papierstadtplänen. Scharen von Teenagern drängeln sich an der Straßenbahnhaltestelle auf der Verkehrsinsel. Passanten hasten vorbei. Radfahrer geraten in Schienen. Taxifahrer fluchen. Manchmal blitzt ein Gesicht auf in der Menge, das man zu kennen meint, ohne zu wissen woher.

In der Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenberg, ganz hinten im zweiten Hof, im ersten Obergeschoss, da ist es ähnlich. Gesichter schauen dich an. Von Bildschirmen, Filmstills, Fotomontagen und Zeichnungen. „Muster“ heißt die Ausstellung der Künstlerinnen Sandra Becker, Bilbo Calvez und Pura Kauf. Und Muster sind überall. In Oberflächen und Systemen, in Handlungen und Interaktionen. Muster sind das Immergleiche, das sich ständig verändert.

Die gebürtige Französin Bilbo Calvez will mit ihrer Arbeit „Faces of Love“ die Muster von romantischen Liebesbeziehungen abbilden. Vier Paare hat sie über ihre Liebe befragt und dabei gefilmt. Zusammenschnitte der Interviews werden jeweils auf vier Flachbildschirmen gezeigt, die um ein großes rundes Bett herum aufgebaut sind. Hier kann man sich hinsetzten oder sogar hinlegen, um via Kopfhörer den Stimmen der Protagonisten zu lauschen.

Muster sind das Immergleiche, das sich ständig verändert

Sehen kann man die Leute nämlich nicht, die da reden. Nicht direkt zumindest. Vor jedem Bildschirm hängt eine Fotomontage, die aus den Porträts der Partner, die da miteinander reden, zusammengefügt ist. Vier androgyne Wesen schauen den Betrachter an. Puppenhaft schön fast, weil Symmetrie als schön empfunden wird. „Man sieht die Beziehung“, sagt Bilbo Calvez, „und oft kommt einer stärker durch, das ist dann auch der dominante Part in der Beziehung, interessanterweise.“

Neben den Beziehungsmustern von Bilbo Calvez hängt so was wie eine gezeichnete Ahnengalerie. „Hundert traurige Gestalten“ heißt der Werkkomplex von Pura Kauf, der hier erstmals im Ganzen präsentiert wird. Vier Reihen à 25 Bilder, Kante an Kante. Da sind Kuscheltiere mit halb abgerissenen Ohren, ein Mädchen ohne Mund, daneben Lenin, Michael Jackson, Mona Lisa. Jedes Porträt ist in DIN-A4-Format vor einen gemusterten Hintergrund gezeichnet. Es gibt Tapeten in allen erdenklichen Varianten, mit Blümchen, Streifen, Kreisen oder Karos. Es gibt Kacheln und Jalousien, aber auch Wiesen- und Waldmotive für Pandabären und Rehe.

Von Weitem sieht die ganze Wand aus wie ein einziges farbenfrohes Muster. Kommt man näher und schaut den Figuren in ihre schwarzäugigen Gesichter, sieht man, dass sie nicht froh sind. Einige von ihnen sehen geradezu todtraurig aus. Der kleine Hase ganz unten links zum Beispiel. Fleckig ist er. Braun. Abgeliebt. Er guckt ein bisschen zur Seite. Die hellgrüne Tapete hinter ihm hat bessere Tage gesehen. Er sieht aus wie ein Straßenjunge bei der ärztlichen Reihenuntersuchung im Kinderheim.

Vor sechs Jahren starb sehr plötzlich der Lebenspartner von Pura Kauf. „Mir ging’s so schlecht wie nie zuvor in meinem Leben“, sagt die 52-Jährige heute, „und einen Monat später, ich weiß gar nicht, wie ich drauf gekommen bin, habe ich die erste Figur gezeichnet.“ Den Hasen. Schnell kamen weitere Figuren dazu. Und dann dachte die Künstlerin: „Vielleicht, wenn ich hundert Gestalten gezeichnet habe, dann ist alles wieder gut.“

Die Bilder sind keineswegs deprimierend. Im Gegenteil. Saukomisch sind sie teilweise. Ein rosa Schwein vor gestreifter Tapete sieht aus, als ob es gerade bei etwas sehr Unanständigem erwischt worden wäre.

Ein Muster-Karussell

Die Medienkünstlerin Sandra Becker hat Alltagsmuster hinterfragt. Sie sucht die Muster in Bewegungen, sowohl körperlichen als auch emotionalen. Der Videomitschnitt einer Achterbahnfahrt illustriert ein Gefühls-Auf-und-Ab. „Gleichzeitig ist es ein Karussell“, sagt Becker, „es kommt immer wieder.“ Sie hat winzig kleine Stills von Gesichtern aus ihren Videos herausgeschnitten und in schatullenartige Bilderrahmen montiert. Es sieht aus, als ob man fremde Menschen durch ein umgedrehtes Fernglas anschaut. „Ich finde, die Menschen im öffentlichen Raum haben immer so was ganz Wundersames“, sagt Sandra Becker.

Eine andere Videoinstallation zeigt die eilenden Füße der Menschen draußen auf der Rosenthaler Straße. Diese Hektik! „Wir kämpfen schon lange dafür, dass die Straße zur Fußgängerzone erklärt wird“, sagt sie. In einem Kunstprojekt mit Studenten der Humboldt-Universität, das sie geleitet hat, habe es sogar schon das Thema gegeben: „Wie komme ich über diese Kreuzung?“

■ „Muster“: Neurotitan im Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Straße 39, bis 9. November