Nullrunden und Jubiläen

EHRLICHES NICHTS Das Künstlerkollektiv Bewegung Nurr feiert in der Galerie Weißer Elefant sein 20-jähriges Bestehen und damit Torpedieren jeden Sinns

René Pollesch sieht gut aus. Etwas abgeschlafft, wenn man ehrlich ist, aber immer noch gut. Klar, er muss ja auch ständig den hyperspäten Kapitalismus sezieren, und weil der drinsitzt in jedem von uns, muss man das Skalpell immer am eigenen Ich ansetzen. Angegriffen auszusehen ist also im Grunde genommen die einzig politisch korrekte Möglichkeit, gut auszusehen.

René Pollesch sitzt also da, in einem nüchternen, improvisierten Fernsehstudio, vor sich einen großen Aschenbecher, neben sich den Kunsthistoriker Peter Funken und hinter sich an der Wand eine große Null. „Die Null ist für mich ein sehr neues Thema“, sagt er. Es klingt ehrlich. Und Funken antwortet: „Die Null hat für meine Begriffe viel mit dem Nichts zu tun.“ Viel später dann sind wir bei Sarah Kane und ihrer bis zum Selbstmord reichenden Verachtung für das Leben. Funken fragt nach dem Zusammenhang von Kunstkaufen und Seeleverkaufen. Pollesch fragt zurück: „Warum lutscht man so gerne an der Seele rum?“

Noch ein paar weitere Minuten, dann ist die Vorstellung vorbei. Ein Gespräch über das Nichts, über das große Loch im Selbst vielleicht, das der Kapitalismus frisst; geschlagene 47 Minuten lang, ein absurdes Theater mit einem großen Theatermann.

„Auf dem Weg zur Null“ heißt diese beeindruckende Videoarbeit. Sie stammt aus der Feder des Künstlerkollektivs Bewegung Nurr, deren Jubiläumsausstellung Lith Bahlmann unter dem Namen „20 Jahre Bewegung Nurr – Die Kapitulation“ gerade in die kommunalen Räume der Galerie Weißer Elefant in der Auguststraße hineinkuratiert hat. Gegründet wurde die Bewegung 1989 in Dresden von Alekos Hofstetter, Christian Steuer und Daniel H. Wild. Letzteren löste dann 1996 Lokiev Stoof ab, und seit dieser der Bewegung vor einiger Zeit ebenfalls den Rücken kehrte, ist sie im Grunde genommen nur noch ein Duo. Wie auch immer, Jubiläum hin oder her, Mitgliederzahl und -identität eigentlich auch, signiert wird sowieso immer im Namen der Bewegung – hier hat man dem Sinn den Kampf angesagt und dem Kapitalismus obendrein.

Kunst muss nicht verkaufen müssen, nicht einmal Bedeutung. Diesen Eindruck zumindest bekommt man vermittelt, wenn man durch die weiteren Räume des Weißen Elefanten wandert, so bewusst heterogen, unabgeschlossen und erratisch präsentiert sich hier alles. Da finden sich niedliche Comic-Seehunde auf weißen Styroporschollen, billige, chromblitzende CGI-Untertassen, die über den Pyramiden von Gizeh durch den Himmel zischen, ein steinerner Schlumpf mit Hammer und Meißel in der Hand oder ein handelsüblicher Flucht- und Rettungsplan an der Wand, nur komplett ohne Anweisungen und Informationen. Bewusste Irrwege allerorten.

Die Bewegung weiß: Kunst ist am Ende das, wo Kunst draufsteht, auch wenn Nullkommanull drin ist. Und das ist schon ziemlich toll. Weil man sich damit nämlich der Lebenssinnstiftungsmanie entzieht, die der Kunst immer angehängt werden soll. Besonders in Krisenzeiten.

Dazu passt es ganz gut, dass auf dem Niveau ästhetischer Strategien die fiese Appropriation von Labels und Logos so etwas wie eine Schlüsseltechnik der Bewegung zu sein scheint, genau wie ein gewisses Faible für comichafte Überzeichnung. Auf paradigmatische Weise zusammengebracht ist beides in einem kleinen Raum. Sind da nicht „die kleinen Preise“ drin, jene niedlichen, vermenschlichten Dumpingpreise, mit der einer der größten bundesdeutschen Lebensmittel-Discounter für sich wirbt? Ja, in der Tat, sie sind es. Wahre Heerscharen davon, eine Bewegung eben. Aber eine Bewegung aus Blei. Und wie selbiges werden sie dann auch in den Regalen liegen. Womit wir am Ende wieder bei der Verkaufbarkeit wären und beim Kapitalismus. Der legt ja auch gerade eine Nullrunde ein, wenn auch nicht im Sinne eines runden Jubiläums.