Horst-Günther hat es geschafft

VON JUTTA HEESS

Horst-Günther ist ein Lastkahn. 1920 wurde das klobige Schiff vom Stapel gelassen und 1993, nach sieben Jahrzehnten Geschippere auf den märkischen Wasserstraßen, war es schrottreif. Dass man den Kahn nicht zu Kleinholz verarbeitete, hat er dem Verein LiSA zu verdanken. 2001 segelte „Horst-Günther“ wieder bei einer Regatta auf dem Berliner Müggelsee. Seine Crew an Board waren ebenjene junge Frauen, die ihn wieder aufgebaut hatten.

Als seine Retterinnen sich vor 13 Jahren „Horst-Günthers“ annahmen, sah es um die Jugendlichen nicht viel besser aus als um den abgetakelten Kahn. Ihre Lebensläufe waren geprägt durch soziale Benachteiligung, Gewalt- oder Missbrauchserfahrung, Drogenkonsum, psychische Beeinträchtigungen oder Lernbehinderung. Heute sind sie Bootsbauerinnen.

Der Verein LiSA (Land in Sicht – Ausbildungsprojekte) fördert auch nach der Fertigstellung von „Horst-Günther“ weiter Jugendliche und junge Erwachsene, die ohne solche Initiativen keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. In der Werkstatt klopft gerade die 19-jährige Tina Holzstopfen in ein undichtes Boot. Sie hatte als Schülerin die Schule geschmissen. Jetzt hat sie einen Ausbildungsplatz.

Weitere Holzboote und ein renovierungsbedürftiger Kutter stehen im Raum, es riecht angenehm nach Holz. Im Schulungszimmer gegenüber sitzen unterdessen die 21-jährige Anne und die 22-jährige Birgit über Büchern und Karteikarten gebeugt. „Was ist der wichtigste Werkstoff im Bootsbau?“, fragt Bootsbaumeister Bernd Klenke und wedelt mit einer Ausgabe des „Germanischen Lloyd“, der Vorschriften für den Bau von Schiffskörpern.

Für Frauen ist es eigentlich eher ein ungewöhnlicher Beruf, den man hier in einem Gebäudetrakt der ehemaligen Kabelwerke Oberspree im Berliner Stadtteil Oberschöneweide erlernen kann. Und das im Rahmen eines ungewöhnlichen Projekts: LiSA ermöglicht es seit 1993 jungen Frauen zwischen 18 und 23 Jahren in einer schwierigen Lebenssituation, eine Lehre zu absolvieren.

„Die Probleme der Mädchen können ganz unterschiedlich sein“, erklärt Projektleiterin und Stützpädagogin Conny Klautzsch bei einer kleinen Führung durch die Einrichtung. Klautzsch erinnert sich etwa an Franka, eine junge Drogenabhängige, die während des Methadonprogramms ihre Ausbildung bei LiSA machte und gleichzeitig den Realschulabschluss nachholte. Heute ist sie clean und hat eine Arbeitsstelle. Oder an Claudia, ein Adoptivkind, das schon mit 17 wegen Körperverletzung vorbestraft war. Trotz Konflikten mit der Familie und immer wiederkehrender körperlicher Aggressivität hat sie die Lehre erfolgreich absolviert.

Auf dem Weg zu ihrem Büro bleibt Conny Klautzsch im Flur vor einem Bild stehen, auf dem einige Seemannsknoten abgebildet sind. Palstek, Achtknoten, Wurfleinenknoten. „Ich konnte die auch mal, aber mittlerweile habe ich das Knoten wieder verlernt“, sagt sie. Seit 1995 arbeitet sie bei LiSA, gemeinsam mit vier weiteren Kollegen kümmert sie sich um die Ausbildung der Mädchen – und des einzigen jungen Mannes, der seit 2004 dabei ist. Das ist eine üppige personelle Besetzung bei lediglich neun Azubis, die zurzeit in Oberschöneweide den praktischen Teil der Lehre machen und in Travemünde auf die Berufsschule gehen. „Eigentlich können wir fünfzehn Auszubildende aufnehmen, derzeit sind also sechs Plätze nicht belegt“, sagt Conny Klautzsch.

Das Problem sei der Mangel an Bewerbern, die die strengen Auswahlkriterien erfüllen. Die Lehrstellen bei LiSA werden im Rahmen der Jugendberufshilfe vergeben. Das bedeutet, dass die Ausbildungsplätze durch das Jugendamt, den Senat und die Agentur für Arbeit gefördert werden. Jedoch wird immer mehr Interessenten die Notwendigkeit dieser Unterstützung abgesprochen. Nur die ganz harten Fälle werden noch berücksichtigt. „Die Latte für den Jugendhilfebedarf liegt sehr hoch, die Töpfe sind eben leer“, bedauert Klautzsch. „Dadurch hat unser Projekt auch keine Planungssicherheit mehr.“ Und ihre Kollegin, die Sozialpädagogin Doreen Märten, die inzwischen ins Zimmer gekommen ist, erzählt vom Schicksal einer jungen Mutter, die vom Jobcenter sieben Orientierungsmaßnahmen aufgebrummt bekam – anstelle einer Zusage, bei LiSA eine Teilzeitausbildung zur Tischlerin zu machen, die seit diesem Jahr für junge Eltern zusätzlich angeboten wird. „Die Arbeitsämter sorgen nicht für eine adäquate Ausbildung benachteiligter Jugendlicher“, kritisiert Märten.

Dass aber gerade junge Menschen aus einem problembelasteten Umfeld eine besondere Betreuung brauchen, erfährt Doreen Märten bei ihrer täglichen Arbeit. Man könne sich kaum vorstellen, wie hilflos die Frauen zum Teil seien. Die Sozialpädagogin begleitet sie zum Beispiel bei Ämtergängen und bei der Wohnungssuche, sie spricht über den Umgang mit Geld sowie über Sexualität und steht den Lehrlingen in Krisen bei. In Einzel- und Gruppengesprächen soll die Ausbildungsfähigkeit hergestellt werden, fachliche Nachhilfe – wie das betreute Lernen von Anne und Birgit durch den Bootsbaumeister – steht regelmäßig auf dem Stundenplan.

Und der Erfolg dieser intensiven Betreuung neben der Lehre bleibt nicht aus: Die Frauen von LiSA können sehr gute Prüfungsergebnisse vorweisen, die Abbrecherquote ist niedrig. „Die Perspektiven nach der Ausbildung sind nicht schlecht“, sagt Conny Klautzsch. „Vorausgesetzt, die Frauen sind flexibel, denn in Berlin ist der Bedarf an Bootsbauerinnen nicht so groß.“ Doch in Werften und Häfen oder in Service- und Reparaturbetrieben hätten die Absolventinnen gute Chancen, da es insgesamt in Deutschland nicht viele Bootsbauerinnen und Bootsbauer gebe.

Um das Projekt und die Lehrstellen langfristig zu sichern, hat sich LiSA mit zwei weiteren Ausbildungsträgern zum Verbund LiLA zusammengeschlossen: Das Projekt Life bildet zur Elektronikerin und Fahrradmonteurin aus, bei AKC können die Berufe Goldschmiedin, Näherin und Schneiderin erlernt werden – wiederum Angebote für Mädchen und junge Frauen mit schwierigem familiärem, persönlichem oder schulischem Hintergrund. „Im Projektverbund LiLA wollen wir unsere Ressourcen und Erfahrungen bündeln“, erklärt Conny Klautzsch. Zusätzliche finanzielle Mittel gebe es aus dem Europäischen Sozialfonds.

Dennoch ist die Pädagogin besorgt. Die Tatsache, dass nicht mehr alle Ausbildungsplätze belegt und gefördert werden können, sei eben sehr problematisch. Außerdem muss LiSA in absehbarer Zeit die 700 Quadratmeter großen Räume verlassen, da der Gebäudekomplex der ehemaligen Kabelwerke komplett von der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft belegt werden soll.

Der Lastkahn „Horst-Günther“ ist bereits nicht mehr auf dem Gelände. Seit kurzem ankert er im historischen Hafen am Märkischen Ufer in Berlin. Er ist zu einer Jugendbildungsstätte mir dreißig Schlafplätzen umgebaut. „Horst-Günther“ hat es also geschafft. Vom schrottreifen Kahn zu einem Schiff, das sinnvolle Aufgaben erfüllt.

Die Zukunft von LiSA dagegen ist eher ungewiss. Für die Gerätschaften von LiSA wird der bevorstehende Umzug mühsam und teuer. Klautzsch öffnet die Tür zu einem hochmodernen und explosionssicher ausgestatteten Maschinenraum, in dem Boote lackiert werden. „So eine Farbnebelanlage kann man nicht einfach einpacken und wegtragen.“ Und wohin es gehen soll, stehe auch noch nicht fest.

JUTTA HEESS, 34, lebt als freie Journalistin in Berlin