Das späte Spiel

Heute trägt der Hallesche FC das Uefa-Cup-„Rückspiel“ gegen Eindhoven aus. Er musste 35 Jahre darauf warten

KÖLN/HALLE | taz ■ | Wenn die Spielfläche unter Wasser steht oder zugefroren ist, wenn das Flutlicht ausfällt oder ein Tor einstürzt, immer dann also, wenn ein mit Spannung erwartetes Match ausfällt, sprechen die eingefleischten Anhänger des Fußballs wie selbstverständlich von einem Unglück. Klaus Urbanczyk aber will dieser Begriff im simplen Zusammenhang einer Spielverlegung nicht so leichtfertig über die Zunge rutschen. Der heute 65-Jährige hat als Spieler des damaligen Fußballklubs Chemie Halle ein Unglück erlebt, das nicht Folge, sondern Ursache einer ausgefallenen Begegnung war. Und wenn er dabei eines auf schmerzhafte Weise erfahren hat, dann ist es das Ausmaß eines wirklichen Desasters. „Mit einem Verein können Sie nach einem Abstieg in ein, zwei Jahren eventuell wieder aufsteigen“, sagt Urbanczyk, 37-facher Auswahlspieler der DDR. „Aber es gibt Sachen, die lassen sich nie mehr korrigieren. Deshalb sage ich heute: Es gibt im Leben Schlimmeres als ein verlorenes Fußballspiel.“

„Dieses ‚Help me‘ kam ja aus so vielen Zimmern“

Für seine vielen Fans in Halle (Saale) war Urbanczyk einfach „Banne“, wenn er im roten Trikot des HFC auflief – ein unkaputtbarer rechter Verteidiger. So war er im Herbst 1971 mit 15 Mannschaftskameraden etwas skeptisch ins holländische Eindhoven gereist. Zwei Wochen zuvor hatten die Drittplatzierten der Oberliga-Saison im Heimspiel der ersten Uefa-Cup-Runde gegen den PSV nur ein torloses Remis erreicht. Im Grunde jedoch war in dem am 29. September angesetzten Rückspiel noch alles drin. „Wir wollten da schon noch was probieren“, erinnert Urbanczyk. Dazu aber kam es nicht mehr. In der Nacht vor dem Spiel brach im Eindhovener Hotel „Tsilvere Zeepard“ ein verheerendes Feuer aus, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. Urbanczyk wurde rechtzeitig vom Geräusch platzender Fensterscheiben geweckt, er reagierte schnell und rettete etlichen Bewohnern das Leben. Dennoch kamen „in diesen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen“, 20 Menschen zu Tode – darunter auch der junge Ersatzspieler Wolfgang Hoffmann. Die Mannschaft des HFC sagte das Spiel darauf ab, der PSV erreichte kampflos die nächste Runde, und Urbanczyk blieb mit schweren Verletzungen noch vier Wochen in einem örtlichen Krankenhaus.

Die Hilferufe aus dieser Nacht wird Urbanczyk wahrscheinlich nie vergessen. „Dieses ‚Help me, help me‘, das kam ja aus so vielen Zimmern.“ Dazu macht ihm sein rechtes Bein, das man damals fast amputiert hätte, bis heute Probleme. Dennoch freut auch er sich auf diesen Freitag, wenn die aktuelle Mannschaft des Halleschen FC, wie der Club seit 1991 heißt, heute Abend um 19 Uhr auf die Auswahl des PSV Eindhoven trifft. Denn das „Nachholspiel“ im Uefa-Cup reißt nicht nur alte Erinnerungen auf – es schließt auch einen Kreis. Seit der fatalen Brandnacht bestehen zwischen der Industriestadt in Sachsen-Anhalt und Eindhoven Beziehungen, wie sie zwischen den benachbarten Fußballnationen selten sind.

Seit einem Jahr schon liefen die Gespräche zwischen den Klubs. Nun ist es im 40. Jahr nach Gründung des HFC möglich geworden, weil der PSV die Zeit zwischen Saisonende und dem Pokalfinale gegen Ajax Amsterdam am 7. Mai mit einem Probematch verkürzen wollte. So fuhr eine kleine Abordnung des Viertligisten, der sich ansonsten mit Sachsen Leipzig und Budissa Bautzen misst, vor ein paar Wochen zur Absprache nach Ost-Brabant. Dort wurde sie empfangen, „als wenn wir die Champions-League-Teilnehmer sind“, sagt Pressesprecher Jörg Sitte. Bald darauf war „das größte Spiel in der Geschichte unserer Fans“ (Sitte) beschlossen, ohne dass es die Vereinskasse strapaziert: Statt eines Antrittsgeldes verlangten die Eindhovener nur die Erstattung ihrer Reiseauslagen. Ob die Viertligisten dem 19-fachen niederländischen Meister auf dem holperigen Rasen des Kurt-Wabbel-Stadions etwas entgegenzusetzen haben, ist eher fraglich. Immerhin wird der PSV mit allen Assen von Cocu bis Koné auflaufen. Viel wichtiger aber ist „Banne“ und den anderen, dass sie nun noch einmal aufeinander treffen, am Rande der Partie.

Trainerguru Guus Hiddink, der damals für den PSV spielte, wird ebenso dabei sein wie die Stürmerikone Willy van der Keulen, der inzwischen als Scout für die Eindhovener tätig ist – wie auch Urbanczyk für den HFC. Und: Jeder der zwölf Ehemaligen aus Halle, der beim Hinspiel zum Einsatz kam, wird im Rahmen einer Feier ein PSV-Trikot mit seinem persönlichen Namenszug erhalten. Das ist auch für Klaus Urbanczyk genug, um diesem besonderen Tag entgegenzufiebern. „Im Grunde ist es ja ein trauriger Anlass“, sagt er. „Aber dafür kann man sich umso mehr freuen, dass dieses Rückspiel überhaupt stattfindet – wenn es damals ein bisschen anders gelaufen wäre, ich wäre doch schon seit 35 Jahren tot.“