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Von Kohl bleibt der Müll

„Zeitzustände“ (D 2013, zwölf Filme von Gerd Kroske auf 5 DVDs). Die Box gibt es für rund 70 Euro im Handel

Der Filmemacher Gerd Kroske als aufmerksamer Chronist und Realist und sein Werk sind unverzichtbar

Mit einem Wahlkampfauftritt Helmut Kohls in Leipzig im Jahr 1989 beginnt es. „Deutschland, einig Vaterland“, ruft die Menge. Das wird aber das einzige Mal sein, dass die große Politik in Gerd Kroskes „Kehraus“-Trilogie vorbeischaut. Was von Kohl bleibt, ist der Müll: Handzettel, Plakate, das macht die Stadtreinigung weg. Da schaut der Dokumentarfilmer Kroske hin, um drei, die den Wiedervereinigungswerbemüll wegkehren, geht es. Gabi Koch, Andreas Seide, Henry Radny tun Dienst bei der Leipziger Stadtreinigung, Nachtschicht. Dreißig Minuten lang porträtiert sie Kroske in „Kehraus“, alte Defa-Schule, schwarz-weiß, allzu edle Bilder mit ihren Licht- und Schattenverläufen. Die Protagonisten erzählen von ihren Leben, die hier schon aus der Bahn sind.

Kein falsches Mitleid

Sechs Jahre später kehrt Kroske wieder, „Kehrein, Kehraus“, jetzt Farbe, jetzt BRD, Sozialhilfe, Alkohol, unterster Rand der Gesellschaft alle drei. Sie erzählen, wie es ist, wie es kam, sie glauben nicht, dass noch viel wird. Man erfährt von Konflikten mit dem Gesetz in der DDR, man erlebt sie auf dem Amt, Stefan Seide bei dem Freund, der ihn aufnahm. Marlen schaut vorbei, Ex von Henry wie Stefan, auch Exstadtreinigung, Gerd Kroske fragt aufmerksam nach, ist präsent, leise präsent in den Filmen. Keine Larmoyanz, keine billige Gesellschaftskritik, kein falsches Mitleid, auch keine falsche Abgefucktheit. Es ist ziemlich trostlos, und die Filme machen daraus keinen Hehl.

Ich bin wiedergekommen, weil ich auf ein Happy End gehofft habe, sagt der Filmemacher. Daraus wird nichts, schon gar nicht im abschließenden Film „Kehraus, wieder“ von 2006. Henry ist onlinesüchtig, Ballerspiele, Zocken, Gabi weiter auf Hartz IV, und Marlen und Stefan sind tot. Den Toten folgt der Film nicht weniger als den Lebenden. Wie Stefan Seide fast spurlos verschwand, ewig tot in seiner Wohnung lag, jetzt in einem namenlosen Armengrab verscharrt ist. Marlen Dietzes Weg durch die Anstalten, der Alkohol, der Tod. Um Schuld geht es nicht, sondern um Verstehen, wie ein Leben aus der Spur gerät und bleibt. „Realistfilm“ heißt Kroskes Produktionsfirma. Sie trägt den Namen zu Recht.

„Zeitzustände“ ist der Titel der zwölf Filme umfassenden Box, die das Werk des Regisseurs sammelt. Zeitzustände, ja, aber in Form von Menschenporträts. Das gilt sogar für „Die Stundeneiche“, einen Film über einen Baum, der gefällt wird und als Skulptur weiterlebt – am Ende interessiert Kroske doch vor allem die Bildhauerin.

Norbert, der Boxer

Und für die drei Filme aus dem Hamburger Milieu gilt das erst recht: „Der Boxprinz“ über den Ringer (Prinz von Homburg), Boxer (Linksauslage), Kriminellen (Drogen), Interviewschweigekünstler („Sportspiegel“) Norbert Grupe, dem Kroske nach Los Angeles folgt, wo Grupe sich als Schauspieler versuchte.

In Hitchcocks „Zerrissener Vorhang“ sitzt er kurz mal im Bus. Werner Herzog, der ihn für „Stroszek“ als Zuhälter gecastet hat, erinnert sich mit Emphase. „Wollis Paradies“ porträtiert dann den einstigen Zuhälterkönig (und Indienfahrer, Maler, Schriftsteller) Wolli Köhler, der im Grupe-Film kurz Zeugnis gibt und der schon bei Hubert Fichte und Wolf Wondratschek aufgetaucht ist. Zuletzt: „Heino Jaeger – Look before you kuck“, eine postume Spurensuche über den Großkomiker und Existenzborderliner Jaeger, der immer unterm Radar blieb, zu sehr jedenfalls, großes Vorbild für Olli Dittrich, noch so ein Leben, aus dem weniger wurde, als es versprach. Weil es immer um die Menschen geht, ihre Schicksale und Eigenarten, machen die Filme wenig Aufhebens um sich selbst. Kroske kam spät und quer zur Defa. Ihm fehlt der epische Atem von Volker Koepp, der manchmal etwas maßlose Kunstanspruch von Thomas Heise. Aber er ist unverzichtbar als der aufmerksame Chronist und Realist, der er ist. EKKEHARD KNÖRER