Widerstand wiederaufgeführt

BILDER ERFORSCHEN Goldrausch in Neukölln – dieses Jahr stellt sich das Künstlerinnen-Projekt mit seinen Stipendiatinnen in der Galerie im Körnerpark vor

VON KATRIN BETTINA MÜLLER

Die Zukunft? Die Zukunft scheint ein Projekt der Vergangenheit, folgt man den Bilderzählungen von Christine Niehoff und Konstanze Schmitt in der Goldrausch-Ausstellung in der Galerie im Körnerpark. Niehoff hat „Mars Townhouses“ und andere außerterrestrische Siedlungsformen auf DIN-A4-Papier mit Ölfarbe gemalt, mit breiten, schmutzigbraunen Pinselstrichen. Erschreckend ist die Einsamkeit und Feindlichkeit der Umgebung. Wie ein Gefängnis in der Wüste mutet an, was ein hineingeklebter Katalogtext euphemistisch als „Ökohaus in traditioneller Rundbauweise“ anpreist. Das Papier wellt sich unter der schweren Farbe, und die Low-Tech-Malweise unterläuft die Science-Fiction-Fantasien wie mit höhnischem Gelächter.

Viel mehr Positives bleibt auch nicht beim Thema Reproduktion, Emanzipation und Futurismus übrig, das Konstanze Schmitt mit Hilfe eines neunzig Jahre alten Textes des sowjetischen Futuristen Sergei Tretjakow, mit Performance und Video bearbeitet. Tretjakow warb für die Auflösung der Familie, freigewählte Samenspender, Festhalten an der Arbeit während der Schwangerschaft und so fort – und das performen nun fünf Frauen in auf Zuwachs geschnittenen Blaumännern mit streng stilisierten Gesten auf fünf Monitoren. Ihr merkwürdiges Ballett zur Vorgeschichte von heutigen Gendertheorien wird hinter den Bildschirmen begleitet von den skeptischen Kommentaren der Performerinen, die eigene Erfahrungen dem Entwurf entgegenhalten.

Niehoff und Schmitt sind zwei der fünfzehn „Goldrausch Girls“, wie Henrieke Ribbe ihre Porträtgalerie der Goldrausch-Stipendiatinnen und Kuratorinnen im Eingang der Galerie genannt hat. Eine der Künstlerinnen, die aus dem spanischen Saragossa nach Berlin gezogene Cristina Morena Garcia, hat bei Heike Baranowsky an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg studiert. Baranowsky war selbst vor mehr als fünfzehn Jahren Absolventin des Goldrausch-Kurses, einem Fortbildungsprogramm für Künstlerinnen, das 1989 in Berlin gegründet wurde. Sich selbstbewusster im Kunstkontext zu bewegen, die eigene Arbeit zu positionieren und zu vermitteln, Lebenswege zu vergleichen und unterschiedliche Strategien kennenzulernen, das ist es, was die Teilnehmerinnen auch dieses Jahr wieder gelernt haben.

Die Ausstellung in der Galerie im Körnerpark folgt keinem Thema, und doch lassen sich zwischen den vom Konzept und vom Handwerk her so unterschiedlichen Arbeiten Verbindungen aufspüren. Wie bei Schmitt Rekonstruktion und Wiederaufführung zu einem befremdeten Abtasten historischen Materials führen, so ist das auch bei Yvon Chabrowski. Zuerst hört man bei ihrer Arbeit „Afterimage I/Protest“ nur Schritte, dann sieht man auf der großen Videoleinwand, wie erste Menschen sich hinlegen, nächste darüber beugen, weitere Arme ausstrecken, bis das Bild eines Straßenkampfes nachgestellt ist, ein entdramatisiertes Historienbild. Chabrowski rekuriert dabei auf aktuelle Medienbilder von den Protesten in Istanbul und Kairo – aber die Szenen könnten auch mehrere Jahrhunderte alt sein. Sie legen so etwas wie das Gerüst des Widerstandes bloß – oder auch der Bildformeln, mit denen die Medien davon erzählen. Die Langsamkeit der Reinszenierung, das Einfrieren der Bewegung in Tableau vivants nimmt der Handlung dabei etwas von ihrer Zwangsläufigkeit – und öffnet damit einen Möglichkeitsraum.

Dem Straßenkampf als Thema hat sich auch die Zeichnerin Tine Schumann gewidmet. Wölfe, Maskierte und Uniformierte bilden auf ihren Blättern ein ineinander verhaktes Personal, kampfeshungrig und auch mit einem Schuss Romantisierung in den Posen der Selbstermächtigung.

Welcher Bilder man sich bedient, danach fragt auch Kinay Olcaylu, die in Istanbul, Hamburg und Berlin studierte. Ihre Collagen „Ikonen des Okzidents“, die in der Nutzung von historischem Fotomaterial verblüffend an Hannah Höch erinnern, befragen Klischees der kulturellen Einordnung. Sie beziehen ihren Witz dabei aus der Verschaltung des Nicht-Erwartbaren: wie die Demo, die sich ins Kirchenschiff ergießt.

In der Galerie im Körnerpark Neukölln findet die Ausstellung neben denen, die gezielt wegen Goldrausch und neu zu entdeckenden Künstlerinnen kommen, auch ein neugieriges Laufpublikum unter den Parkbesuchern. Eine Verschränkung der Milieus, wie sie in Mitte kaum noch zu erleben ist – in diesem kommunalen Kunstraum schon. Die vielen narrativen Elemente, mit denen die Goldrausch-Girls dieses Jahr arbeiten, kommen dieser Mischung entgegen.