Ein Schatzhaus der bundesrepublikanischen Geschichte

Die Auswahl des Orts gehorcht dem reinen Zufall. Die Art, wie der Ort gefilmt wird, folgt dagegen streng eingehaltenen Regeln. An 88 Orten in Deutschland, vom Zufall gewählt, stellte Rüdiger Neumann 1979 und 1980 seine Kamera auf und dreht sie, jede Einstellung um 15° im Uhrzeigersinn verschoben, im Kreis. Sie hält fest, was man sieht: sei es Landschaft, sei es städtischer Raum.

Der Regisseur macht sich so zum ausführenden Organ einer selbst gegebenen Vorschrift. Er wählt nur die Wahl, außer der Regel gibt es nichts zu wählen. Er drückt nichts aus als den Wunsch, nichts auszudrücken. Er will, dass, was man sieht, für sich spricht. (Oder schweigt.) Er will die direkte Verbindung zwischen dem Mann hinter der Kamera und dem, was die Kamera zeigt, nach Möglichkeit kappen.

Der Regisseur, der so vorgeht, versteht sich als Gegenteil eines Auteurs. Und doch erwirbt er, ob er will oder nicht, eine Signatur. Vier weitere Filme sind auf den zwei DVDs versammelt. Die durch Schnitte zäsierte Rundumbewegung im Kreis taucht in jedem von ihnen wieder auf. Der zweite Film, „Meridian oder das Theater vor dem Regen“, gibt sich im Grundprinzip noch einmal strukturstreng: Er folgt dem Verlauf des 10. Meridians von Italien nach Jütland. Man sieht aber sehr schön, wie sich die Grammatik und das Vokabular des Filmemachers befreien, erweitern. Es gibt Kamerafahrten im Auto, es gibt Radioklänge, Text und Musik. Und einen Subtext: Reagan hat Europa gerade zum möglichen Schauplatz eines Atomkriegs erklärt. Mitten im Film rezitiert Rüdiger Neumann – es ist in all den Filmen der einzige Einsatz dieser Art – Paul Celans „Todesfuge“.

Ein Schatzhaus der bundesrepublikanischen Geschichte ist das 1985 für das ZDF produzierte „Archiv der Blicke“. Statt Regelstrenge nun offenes Spiel. Ein visuell-akustisches Langgedicht in freien Rhythmen, Bewegung der Kamera durch das zutiefst alltägliche Westdeutschland der Mittachtzigerjahre. Dieses Archiv der Blicke ist ein Archiv der Fußgängerzonen, der Autos, des Asphalts und des Regens darauf, der Mauern, der Wahl- und Werbeplakate und der Graffitisprüche, des Lichts und des Schattens. Dies alles in Sprüngen, die keiner erklärt, an Orten, deren Namen höchstens auf Straßenschildern erkennbar sind. Gerade so aber entsteht ein Bild einer Zeit. Dies alles verdichtet zu lakonischen Mikrogedichten, in Fahrten, ganz gelegentlich Schwenks, oft in Variationen der Signatur-Sprungform Rüdiger Neumanns, etwa ein hinreißendes Jump-Cut-Porträt eines vorüberziehenden Frachtkahns im Fluss.

Der Filmemacher verbietet sich längst kein filmsprachliches Element mehr, einmal sieht man im Schattenriss auch ihn selbst und die Kamera und den Tonmann als Spur auf dem Straßenasphalt. Überhaupt darf man den Tonmann niemals vergessen: Neumanns Filme sind immer auch ein Archiv der Töne und Klänge, man hört Automotoren und Hundebellen und fallenden Regen und über Land fahrende Züge, den Lärm des Lebens in Städten und die Stille in den Wäldern, die man in immer neuen, manchmal fast abstrakten Stamm-neben-vor-hinter-Stamm-Einstellungen oft und oft sieht. Die letzten Filme, „Nordlicht“ (1989) und „Stein/Licht“ (1993), sind menschenleerer, es zieht Neumann in den Norden Europas, neben das Alltägliche treten faszinierende Bilder von den Farben des Herbstes, von atemberaubenden Lichtspielen am Nachthimmel, von Moos und Laub und Stein.

Das Werk von Rüdiger Neumann, der vor drei Jahren starb, ist bis heute eine weithin unbekannte Größe geblieben. Unbezweifelt dagegen sein Einfluss auf eine ganze Generation. Er hat an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste den Studiengang für Experimentalfilm begründet. Zu seinen Schülern gehören Künstlerinnen und Filmemacher wie Jeanne Faust oder Ulrich Köhler. Und so taucht im Abspann von „Meridian“ unter den Assistenten der „Untergang“-Regisseur Oliver Hirschbiegel auf. Von Rüdiger Neumann zu Bernd Eichinger: ein Sprung von etwas mehr als 15° im Uhrzeigersinn.