„Es brennt hier nicht“

Medienberichte über angebliche Gewalt bedrohen den Ruf der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Vor 13 Jahren war Steilshoop im Zentrum der Aufmerksamkeit, heute ist dort die Gesamtschule tot

Als ein Bild-Reporter kürzlich ein Pendant zur Berliner Rütli-Schule in Hamburg suchte, bekam er den Tipp, die Gesamtschule Mümmelmannsberg anzuschauen. Deren Schulleiter Klaus Reinsch allerdings lehnte ein Gespräch ab. Drei Tage später titelte die Zeitung: „Mümmelmannsberg, auch hier Terror gegen Lehrer?“ – gestützt auf einen anonymen Brief aus dem Lehrerkollegium.

Der Lehrer hat sich bis heute nicht geoutet. Auch gestern Mittag rätselten die Zehntklässler Sevgi und Can beim Gespräch in der Schulmensa, wer das gewesen sein kann. „Es ist gelogen, dass Lehrer hier bedroht werden und Angst haben, in die Schule zu gehen“, berichtet der 16-Jährige. „Sicher regt man sich mal über eine schlechte Zensur auf“, ergänzt Sevgi, „aber man beschimpft die Lehrer dann nicht gleich.“ Beide sorgen sich um den Ruf ihrer Schule. „Einer Freundin von mir, die eine Lehre sucht, haben sie am Telefon gesagt: ‚Was, du kommst aus Mümmel?‘, und sofort aufgelegt“.

Die Schule habe noch Glück gehabt, berichtet Schulleiter Reinsch. Denn weil zeitgleich bekannt wurde, dass eine vom ZDF beauftragte Produktionsfirma Jugendlichen für eine umstrittene Reportage Geld bezahlt hatte, und der TV-Sender Selbstkritik übte, schwappte eine Welle der Solidarität in die Schule.

Doch es ist denkbar, dass die orange gestrichene Ganztags-Gesamtschule, die in den 70ern eigens für die 19.000 Wohnungen umfassende Großsiedlung am Ostrand der Stadt gebaut wurde, im Fokus der Öffentlichkeit bleibt. Sie löst in dieser Rolle offenbar die Gesamtschule Steilshoop ab, die ebenfalls vor 30 Jahren als Herzstück der gleichnamigen Großsiedlung errichtet wurde. Die Anmeldezahlen gingen dort so stark zurück, dass die Bildungsbehörde vor einem Jahr das Aus beschloss. In zwei, spätestens vier Jahren wird der letzte Schüler weg sein.

„Wenn der Ruf der Schule nicht vorzeitig ruiniert worden wäre, hätten wir jedes Jahr drei bis vier Klassen einrichten können“, sagt der Elternratsvorsitzende Martin Kersting. So aber seien leider zahlreiche Eltern trotz der verbrieften guten Bildungschancen der Überzeugung, dass ihrem Kind schwere Nachteile für den weiteren Lebensweg entstünden, wenn der Name „Steilshoop“ im Abschlusszeugnis steht. „Wir hatten noch 2004/2005 versucht, der Schule einen neuen Namen zu geben“, sagt Kersting. Doch leider habe der als Namensgeber ausgewählte Schriftsteller abgelehnt. Dabei hatte Steilshoop die wilden Zeiten lange hinter sich, heute liegt die Jugendkriminalitätsrate unter dem Hamburger Durchschnitt.

Das war einmal anders, Anfang der 90er Jahre flogen sogar ein paar selbst gebastelte Sprengsätze in die Luft. „Man kommt auf so blöde Ideen, wenn man Langeweile hat“, sagte 1993 ein beteiligter Jugendlicher der taz. Die Jugendlichen hätten bei der ersten Bombe „alles weiträumig abgesperrt und darauf geachtet, dass keiner zu Schaden kommt“. Die Sache zog natürlich die Medien an. Vom „Kinder-Krieg in Steilshoop“ war bald die Rede in Reportagen, die das trostlose Leben in betonierten Hinterhöfen beschrieben. Für Kersting, der diese Berichte archivierte, waren all diese Artikel unseriös und diskriminierend, weil sie anonyme Zeugen anführten und Stereotype bedienten. Schon allein der Begriff „sozialer Brennpunkt“ sei kritisch, weil er die Konzentration von in der Regel armen Menschen als „gesellschaftlichen Brandherd“ bezeichne, vor dem man sich hüten müsse, um nicht selbst in Flammen aufzugehen. „Es brennt hier nicht“, sagt auch Reinsch über Mümmelmannsberg.

„Ich hatte hier in Steilshoop mal einen Leistungskurs aus Eimsbüttel zu Besuch“, erinnert sich Altphilologe Kersting. „Die sprachen von Betonburgen mit wenig Grün. Dabei sind hier zwei Drittel der Häuser aus Ziegeln und wir standen praktisch im Wald.“ Obwohl die Bewohner des Stadtteils in einer Untersuchung von 1988 die Lebensqualität als relativ hoch einstuften, ist Steilshoop sogar in einem Schulbuch als Negativbeispiel für Großsiedlungen genannt.

Ein neues Licht auf die Rolle der Medien warf schließlich im Herbst 1994 die Zündung einer Bombe vor dem Schuleingang, die von den Tätern minutiös gefilmt wurde. Weil Foto- und Videofilm am nächsten Morgen vor der Tür einer Fotoagentur abgelegt wurden, kam der Verdacht auf, dass Journalisten die Tat inszenierten. „Ich habe Augenzeugen gesprochen, die sagen, dass es ein gestelltes Attentat war“, sagt der Schulleiter Dieter Maibaum. Die Kripo konnte besagter Agentur nichts nachweisen. Doch Maibaum erinnert sich, dass unter den Schülern „Preislisten“ kursierten, „was Reporter für gestellte Aufnahmen und einschlägige Interviews zu zahlen bereit sind.“ Insbesondere die Privatsender hätten damals „provozierend in das Stadtteilgeschehen eingegriffen“. Als er von der ZDF-Sache hörte habe er gedacht: „Komisch, dass sich das so wiederholt.“

Allerdings ist die Lage von Steilshoop und Mümmelmannsberg nicht vergleichbar. Der Stadtteil nahe des Stadtparks hat heute schlicht weniger Kinder, auch gibt es seit 1999 eine neue Kooperative Schule als Konkurrenz in unmittelbarer Nähe.

Doch auch Schulleiter Klaus Reinsch hatte 2004 mit einem Einbruch bei den Anmeldezahlen zu kämpfen, statt der gewohnten 150 kamen nur 100. Damals habe sich eine Jugendbande aus ehemaligen Schülern vor der Bücherhalle am Schuleingang aufgehalten, was Eltern abgeschreckt habe. Die Antwort, so Reinsch, sei ein neues pädagogisches Konzept gewesen. So müssen nun alle Eltern und Schüler einen Vertrag unterschreiben, in dem sie sich zu den Grundsätzen der Schule wie Hilfsbereitschaft, Höflichkeit und Gewaltfreiheit bekennen. Reinsch: „Gewalt tolerieren wir hier nicht.“ Ferner habe ein Team aus 20 Lehrern nach intensiver Fortbildung ein neues Konzept entwickelt, mit dem es keinen Unterrichtsausfall und eine noch bessere Förderung geben soll. „Wir sind total weg von Frontalunterricht“, sagt Reinsch.

Die Kinder bekommen ein Logbuch mit individuellen Aufgaben, werden dafür aber wesentlich später als bisher in das umstrittene Kurssystem der Gesamtschulen aufgeteilt. Reinsch: „Die Lehrer sagen, es ist eine Schweinearbeit, aber die Zufriedenheit ist größer.“ Auch bei den Eltern stoße das Konzept auf „positive Resonanz“. Zur Anmelderunde 2005 und 2006 kamen wieder rund 150 Schüler. „Noch haben die Berichte keinen Schaden angerichtet“, sagt Reinsch. „Wie sich das im nächsten Jahr auswirkt, weiß ich nicht“.