Das Beste in Endlosschleife

Das Senderlein Kabel 1 will seine Quote auf den historischen Höchststand von 6 Prozent treiben und dreht dafür so richtig auf: mit Werbeshows, Serien und Freddie Mercury als digitalem Untoten

Von CHRISTIAN BARTELS

Kabel 1 glaubt, „auf einem kleinen Juwel zu sitzen“. Diesem Gefühl verlieh zumindest Geschäftsführer Guido Bolten Ausdruck, als er seine neue Vorabend-Quizshow vorstellte. Im „Quiz Taxi“, das heute um 19.15 Uhr startet, werden die Kandidaten nicht bei Castings angeworben, sondern als arglose Taxigäste vom Moderator (Thomas Hackenberg) am Lenkrad überrascht. Daher freuen sie sich schon über verhältnismäßig kleine Gewinnsummen: Das „Spielfieber“ steigt, meint Kabel 1 und erfreut sich gewiss auch an den Auswirkungen auf die Herstellungskosten.

Insofern könnte das aus England importierte Format, von dem schon 40 Folgen produziert sind, für Kabel 1 ideal sein. Schließlich befindet sich der kleine Sender aus der ProSiebenSat1 AG im Spagat: Was der 1991 gegründete „Kabelkanal“ früher zeigte, ältere Spielfilme bzw die „besten aller Zeiten“, erledigen inzwischen auch Senderlein wie Das Vierte und Tele 5.

Das Horst-Köhler-hafte Sendermotto: „Good times meets Innovationen“

Der große Muttersender ProSieben wiederum hatte solche Quotenprobleme, dass Kabel-1-Chef Andreas Bartl zum Geschäftsführer berufen wurde und erstmal tat, was er zuvor schon tat: wiederholt erfolgreiche Filme wiederholen („Werner – Gekotzt wird später!“). Und Kabel 1 erreicht mit neueren US-Serien wie „Medium“ Marktanteile bei den so genannten Werbe-Relevanten, über die sich ProSieben bei neueren US-Serien („Grey’s Anatomy“) gefreut hätte.

Mehr und mehr verschwinden die Unterschiede zwischen den Free-TV-Programmen. In dieser Situation hat Kabel 1 mit Bolten, dessen Posten laut Medienberichten über ein „Assessment Center“ besetzt wurde, sicher einen guten Mann. Er beherrscht sämtliche Marktanteile seit 1997 tadellos und möchte den 2005 erreichten besten Marktanteil aller Zeiten (5,5 Prozent) nun über „die Sechs-Prozent-Hürde“ treiben. Dafür wird einerseits investiert: „Medium“ stammt von NBC, das in Deutschland auch Das Vierte unterhält; neue Staffeln der Sitcom „King of Queens“ kommen von Tele München, das Tele 5 besitzt und an RTL 2 beteiligt ist. Lukrativer scheint es allen Seiten, diese Serien auf Kabel 1 zu zeigen.

Der Anteil der Eigenproduktionen ist nach Senderauskunft auf rund ein Drittel des Programms gestiegen. Donnerstags abends wird das Genre Deko-Soap auf den Umbau einer Windmühle variiert; ab Mai wird am Vorabend der Pro-Sieben-Erfolg „We are family“ (Untertitel: „So lebt Deutschland“) als „Abenteuer Alltag“ (Senderauskunft: „Einblicke in typisch deutsche Lebenswelten“) variiert. Natürlich gibt es wie überall im Privatfernsehen Dokumentationen über Tornados, und Samstagnacht-Softpornos, während deren Laufbänder zum Bestellen erotischer MMS aufmuntern. Und im Juni findet auch „Bizz“ Asyl: das Wirtschaftsmagazin, das einst als Gruner+Jahr-Zeitschrift entstand, dann auch bei ProSieben auf Sendung ging und blieb, als der Verlag das Heft nicht mehr herausbringen mochte. Erst sollte im Juni dann auch Sendeschluss sein, nun wird es bruchlos bei Kabel 1 weitergehen.

Andererseits gilt es, der perfekte Sendergruppen-Sender zu bleiben. Beim Verwerten von Programmvermögen hat Kabel 1 über die Jahre tolle Qualitäten entwickelt. Sendungen, die „Reklame!“ und „Werbung!“ heißen, recyceln altes Werbefernsehen als neuen Retro-Spaß. „Das Beste aus aller Welt“ lauten die Untertitel. Im Sommer folgen die „besten Comedians!“. Mit Harald Schmidt aus Sat.1-Zeiten, Anke Engelke, Stefan Raab und „Bully“ Herbig sind vor allem Stars des Sendergruppen-Repertoires dabei. „Das Lustigste aus aller Welt“ indes sind „die weltweit besten und lustigsten Videos, die Amateurfilmer je gedreht haben“ und die nicht ins „America’s funniest Homevideos“-Archiv wanderten. Das nämlich wertet hierzulande die RTL-Gruppe mehrkanalig aus.

Meilensteine der Verwertungsexzellenz sind die gut 30 Edgar-Wallace-Filme aus den 60er-Jahren. Jahrelang präsentierte Kabel 1 sie wöchentlich in leicht veränderten Folgen in Endlosschleifen; als Wunschfilm-„Event“ brachten sie zuletzt immer noch 8,2 Prozent Marktanteil. Das Nachleben der Musikvideo-Show „Formel Eins“, die die ARD-Tochter Bavaria in den 80ern für die ARD herstellte, spülte Thomas Anders neulich gar wieder in die ARD zurück. Auch hier baut Kabel 1 aus, das „Best of“ zum Quiz. Für solche Variation des Wieder- und Weiterverwertens ersann der Sender das Horst-Köhler-hafte Motto „Good times meets Innovationen“. 2006 zeigt er auch einige Spielfilme, die noch nicht auf Kabel 1 gelaufen sind. Vor allem aber Spielfilme, die auch schon auf Kabel 1 gelaufen sind.

Ob das „Quiz Taxi“ nun auch Freunde des Fernsehgequizzes begeistert oder nicht: Für Controller, die Programmvermögen verwalten und mehren müssen, muss ein Kanal wie Kabel 1 ein Juwel sein. Schon wird laut über eine Variante der Taxi-Show mit „Promis“ nachgedacht. Drinsitzen könnten dann zum Beispiel all die „Formel Eins“-Moderatoren um Peter Illmann, die bei den Öffentlich-Rechtlichen einst mitsamt dem Jugendfernsehen abserviert wurden und bei Kabel 1 sympathischerweise Unterschlupf fanden. Als Stargast könnten sie Freddie Mercury begrüßen. Der soll demnächst dank „3-D-Technik aus Frankreich“ vorübergehend wieder auferstehen – auch so ein kommender Kabel-1-Höhepunkt.