Wie Polens Königsweg nun zum Irrweg wird

MESSIANISMUS Leid und Sinnstiftung in einer modernen Demokratie: Seit dem Flugzeugunglück bei Smolensk spielen nicht nur die Kirche und der Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten auf der Klaviatur polnischer Nationalmythen

VON OLGA LEWICKA

Als der verunglückte polnische Präsident am vergangenen Sonntag im nationalmythischen Heiligtum Wawel unter Anteilnahme der gesamten Weltöffentlichkeit beerdigt wurde, hatte das für mein Land eine fatale Symbolkraft. Es wird die meisten Polen noch einmal darin bestärkt haben, jenen Weg weiterzugehen, den das Land nach dem Flugzeugunglück vom 10. April eingeschlagen hat. Die trotzige Verknüpfung alles Weltgeschehens mit den Deutungsmustern, die die polnische Nationalmythologie vorzeichnet, erscheint seither erst recht als der Königsweg für Polen.

So befremdlich und anachronistisch sich die symbolische Überfrachtung eines Flugzeugabsturzes und die Inszenierung auf dem Wawel im Rest der Welt also auch immer ausgenommen haben mögen: Genau hier droht Polen jetzt diejenigen Formen zu erkennen, durch die sich das Land endlich uneingeschränkt und dauerhaft als in der modernen Staatenwelt angekommen und angenommen empfinden kann. Das wiedergeborene Polen, heißt das aber, betritt die Weltbühne nun tragischerweise nicht als aufgeklärte, streitbare, selbstbewusste Demokratie (wofür seine Geschichte auch gute Voraussetzungen böte), sondern als trauriges Beispiel dafür, wie zuverlässig nationalmythische und -religiöse Konstruktionen auch noch das Geschehen in modernen Demokratien zu steuern vermögen.

Der im Grunde ganz der Selbstverteidigung dienende polnische Nationalismus sowie die ihn stützenden Mythen erzeugen zudem auch einen erheblichen Druck nach innen – sich stets einig zu zeigen vor allem. Dies erschwert die nun dringend nötige Auseinandersetzung über die nationalen Mythen.

Das Flugzeugunglück bei Smolensk hat sich dabei inzwischen als gleich doppelt tragisch erwiesen. Eigentlich nämlich bietet seine erschreckende Sinnlosigkeit die für lange Zeit wahrscheinlich beste Chance, den opfermythologischen Sinnzwang der polnischen Kultur endlich einmal gründlich infrage zu stellen. Stattdessen aber wurde es nun zum zentralen Anlass und Ausgangspunkt von dessen umfassender Wiederauferstehung.

Dass im Laufe der vergangenen Woche zunächst einmal irgendwie Smolensk zu Katyn und Katyn zu Smolensk wurde, haben polnische Diplomaten und Korrespondenten den verwunderten Zuschauern in aller Welt in zahllosen Interviews vor allem mit Hinweis auf das polnische „Märtyrertum“ verständlich zu machen versucht. Es geschah nämlich in ein und demselben Wald sowie völlig unsichtbar, damals wie heute. Weshalb es dann berechtigt erschien, über das Flugzeugunglücks mit Worten zu sprechen, die man der Beschreibung des Massakers von Katyn entnommen hatte, also von Elite, von politischen Opfern und von Heldentaten. Vor allem aber hätten die meisten Polen sich nun einmal danach gesehnt, dass die Sinnlosigkeit des Ereignisses und des Todes seiner Opfer überwunden wird – ist man doch in der nationalen romantischen Tradition groß geworden, offenbar sinnloses Leid stets in sinnhaftes, nützliches Leid umzudeuten. Im Grunde ist dies aber erst die halbe Wahrheit.

Im 18. Jahrhundert wurde Polen geteilt, getilgt und ausgelöscht durch die angrenzenden Mächte; der letzte König von Polen, Stanislaw August Poniatowski, starb in russischer Gefangenschaft. Bis zum Ersten Weltkrieg gab es den polnischen Staat nicht mehr. So weit ist die Geschichte auch über Polen hinaus recht gut bekannt. Entscheidend für das Verständnis der aktuellen Vorgänge ist allerdings, wie dieses nationale Leid und Unglück in der Folge verarbeitet und wie es für die Polen sinnhaft wurde.

Entscheidend sind hier die Mythen der polnischen Romantik, allen voran der des polnischen Messianismus. Diesen gab es in zweierlei Ausführungen, von zwei miteinander konkurrierenden Nationaldichtern, für die es im Polnischen im Übrigen einen eigenen, bis heute allgemein gebräuchlichen Begriff gibt, der sich in etwa mit „Nationalpropheten“ übersetzen ließe: Adam Mickiewicz (1798–1855) und Juliusz Słowacki (1809–1849) – beide ebenfalls auf dem Wawel begraben. Der Erste schuf die Idee von Polen als einem „Christus der Völker“, nach der das polnische Volk zum Messias und Erlöser aller Nationen wird. Der Zweite sprach von „Polen als Winkelried der Völker“, setzte Polen also mit der mythisch-schweizerischen Figur Arnold Winkelrieds gleich, der 1386 in der wichtigsten Schlacht zwischen Habsburgern und Eidgenossen die Lanzen der Gegner an sich gerissen und – sich selbst aufspießend – den Eidgenossen eine Bresche geschlagen haben soll. Der Legende nach soll er zuvor außerdem noch die Worte „Der Freiheit eine Gasse!“ gerufen haben. Kurz gesagt, funktioniert der polnische Messianismus also so: Polen nahm durch seinen Untergang im 18. Jahrhundert das Leid aller Nationen auf sich, so wie der Messias es für alle Menschen getan hat, um sie zu erlösen.

Polentum, die Liebe zu Polen, ist also eigentlich eine Religion. So krass, wie dies klingt, so krass ist es dann auch. Denn es sorgt dafür, dass man als Pole für alles säkulare Geschehen, zumindest insgeheim, immer auch eine zweite, religiöse Deutung mitdenkt. Dabei spielt die Pilgerfahrt eine zentrale Rolle. Entsprechend geschah am vergangenen Sonntag in Wahrheit dies: Die Oberhäupter der modernen Staatenwelt pilgerten (soweit der isländische Vulkan dies zuließ) zur Grabstätte des neuen Messias und bezeugten so zugleich auch endlich den Messianismus Polens überhaupt.

Man ahnt nun auch schon, wie die stets gleiche poleneigene Transformation von Sinnlosigkeit in Sinn auch im vorliegenden Fall wieder griff: Lech Kaczyńskis Unfalltod wurde nicht nur zu einem Märtyreropfer, er öffnete zudem, ganz messianisch, „der Freiheit eine Gasse“. Die Russen trauern endlich, Katyn und das Leid Polens überhaupt wird in die Erinnerung der ganzen Welt zurückgerufen – es war eine Heldentat. Wie sich Absichten, Zufälle, Ursachen und Wirkungen in dieser Geschichte tatsächlich zueinander verhalten, wird dabei irrelevant.

Dieses Denken ist ganz und gar mythisch und religiös. Darum fragt auch kaum noch jemand, warum die besondere Ehrerbietung eigentlich nur Kaczyński zukommen soll und wie sich dies angesichts der vielen anderen Toten ausnimmt, die doch eigentlich auch „der Freiheit eine Bresche geschlagen“ haben – insbesondere all die mitreisenden Nachfahren der tatsächlichen Opfer von Katyn. Sie werden ja nicht auf dem Wawel begraben.

Logisch durchgehalten wurde in diesem ganzen Symboltheater nur die große Linie. So erinnerte in der Messe einer der kirchlichen Würdenträger mit einem Paulus-Zitat daran, dass der „auferstandene Christus nicht mehr sterben wird“. In dieser Allegorie kommt Polen ganz zu sich, dieses Bild macht den Polen aller politischen Richtungen Hoffnung. Dass das gespenstische Mythentheater auf dem Wawel solche Momente der Einigkeit ermöglichte, macht es in Polen nun aber vor allem auch schon fast unmöglich, noch zu kritisieren, wie diese Momente hergestellt wurden. Als Nächstes wird nun wohl Jarosław Kaczyński zur lebenden Inkarnation seines verunglückten Zwillingsbruders, des letzten Königs von Polen, dem es diesmal nicht verwehrt wurde, wie König Poniatowski, in der Wawel-Burg zu ruhen.

So, zurückversetzt ins 19. oder gar 18. Jahrhundert, als die Nationalmythen angesichts der Lage der Polen allerdings auch noch einen gewissen Sinn ergaben, geht mein Land nun in einen Wahlkampf, der es noch weiter in den Nebel nationalmythischer Ideologien führen dürfte – wenn jetzt nicht noch etwas dazwischenkommt. Wie ein verstetigtes internationales Medieninteresse etwa, in dessen Spiegel sich dann vielleicht auch Polen selbst allmählich einmal etwas befremdlich vorkommt.

Olga Lewicka, 34, ist Künstlerin und Autorin. In Installationen für die Nationalgalerie Warschau setzte sie sich mit Polens Nationalmythen auseinander