DER KRIEG IM TSCHAD ZEIGT: EUROPAS AFRIKAPOLITIK IST UNTERENTWICKELT

Verloren in der strategischen Wüste

Was geht es Europa an, wenn tief in der Savanne des Tschad Soldaten und Rebellen aufeinander schlagen? Das Land im Herzen Afrikas hat vor allem auf französische Herzen immer eine besondere Faszination ausgeübt. Hier endete im späten 19. Jahrhundert der französische Kolonialfeldzug quer durch die Sahelzone, der vom Atlantik bis zum Nil führen sollte und im sudanesischen Fashoda von den Briten gestoppt wurde. Hier führten im späten 20. Jahrhundert französische Eingreiftruppen den ersten afrikanischen „Krieg gegen den Terror“, um Libyens Gaddafi den Zugriff auf Uranvorkommen zu verwehren. Und jetzt stehen erneut französische Soldaten bereit. Berlin mag sich darüber den Kopf zerbrechen, was denn die Bundeswehr gemeinsam mit ihren französischen Freunden demnächst im Kongo anstellen soll – im Tschad sind die Franzosen längst militärischer Akteur, ganz ohne EU-Mäntelchen.

Wenn der Tschad an die Rebellen fällt, so das Kalkül in Paris, ist als Nächstes die nicht weniger fragile Zentralafrikanische Republik an der Reihe. So droht die Entstehung einer Kette neuer Kriege bis hinein nach Sudan und Kongo. Die Sorge ist durchaus gerechtfertigt, denn in diesem gesamten Staatengürtel gibt es nirgends funktionierende Staatswesen. Es gibt konkurrierende Machtzirkel. Und neuerdings geht es dabei um erhebliche materielle Interessen: die Tropenwälder des Kongo, die Diamantenvorkommen der Zentralafrikanischen Republik, die Ölquellen Tschads und Sudans. Wenn es im europäischen Interesse liegt, den Kongo zu stabilisieren, gilt das umso mehr für die gesamte Region zwischen Kongo-Becken und Sahara-Wüste.

Die Eskalation im Tschad hätte im Ansatz verhindert werden können, wenn die internationale Gemeinschaft in den vergangenen zwei Jahren nicht so komplett bei der Eindämmung des mörderischen Krieges im benachbarten Darfur im Westen Sudans versagt hätte. Dieser Vernichtungskrieg hat den im Tschad mit genährt. Und eine vernünftige europäische Strategie für den Umgang mit der Region kann nicht dem französischen Militär überlassen bleiben. DOMINIC JOHNSON