Sie nervt mit jeder Floskel

LINKES ALTERN Vorbereitung auf den demografischen Wandel: In seinem neuen Stück „Die letzte Kommune“ beschäftigt sich das Grips Theater nicht zum ersten Mal mit dem Altern seiner Gründergeneration

Singen gegen die Depression, tanzen gegen die Demenz – so altert man im Grips Theater. Warum soll, was Kindern in diesem Mutmachtheater gegen Angst und Unsicherheit verschrieben wird, nicht auch der Generation 70 + helfen, gegen Gefühle des Verlustes anzugehen? Zumal wenn sie Grips-sozialisiert sind.

Mit dem Stück „Die letzte Kommune“ beschäftigt sich das Grips Theater, übrigens nicht zum ersten Mal, mit dem Altern seiner Gründergeneration. Zuletzt hatte Volker Ludwig mit „Linie 2 – der Alptraum“ einen bissigen und selbstironischen Rückblick vorgelegt. „Die letzte Kommune“ ist eine Arbeit von Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Komposition), vor allem an der Neuköllner Oper seit Langem ein erfolgreiches Gespann. Die Generation, der die beiden angehören, widmen sie in ihrem Stück die Liedzeilen: „Wir sind die Sandwichgeneration / zwischen Rentnerberg und renitentem Sohn / zwischen erster Frau und obstinatem Kind / stolpern wir durchs Leben wie ein Labyrinth.“

Das singen Michael und Heidi, aufgewachsen in der 9-Leute-7-Zimmer-Kommune ihrer Väter Friedrich und Hannes. 9-Leute plus zwei vergessene Kinder korrigiert Heidi die Erinnerung der Väter. Sie und Michael fragen sich voller Sorge, ob Friedrich, dem öfters mal der Herd in Flammen aufgeht, und Hannes, der vom Stuhl fällt, wenn er wieder seine Tabletten vergessen hat, ihren Alltag noch allein bewältigen können. Vielleicht ein Platz im Heim? Heidi wagt diesen Vorschlag. Und löst damit aus, dass Hannes und Friedrich noch einmal versuchen, Mitbewohner für ihre Kommune zu finden.

Zu schablonenhaft: So beschränkt auf eine altersbedingte Perspektive sind weder 17- noch 75-Jährige

„Die letzte Kommune“ ist keine Abrechnung mit den 68ern; eher handelt das Stück von der Fremdheit zwischen Eltern und Kindern und der Verblüffung, wenn man doch mal zufällig mehr über sich erfährt. Denn als Mitbewohnerin bewirbt sich ziemlich bald Lotte, Enkelin von Hannes, die eine Seminararbeit über die Kommune 1 geschrieben hat. Mit Fahrradhelm, Rucksack und einer erschreckenden Energie fällt sie in die WG ein und mit dem Ehrgeiz, in diesem „sozialen Experiment“ historische Fehler zu vermeiden mithilfe von Putzplan, Gemeinschaftsordnung und biologischem Essen. Sie nervt mit jeder ihrer politischen Floskeln und ist damit Stichwortgeber für Philipps schönste Lieder. Das ist der Enkel von Friedrich, der öffentlich nur sein Coolsein ausstellt, sich aber doch sichtbar ein bisschen in Lotte verknallt hat.

Die Großväter, die dazu neigen, die Entpolitisierung und den Egoismus ihrer Nachkommen zu beklagen, erhalten mit Lotte gewissermaßen eine gerechte Strafe, haut sie ihnen doch die einstmals eigenen Forderungen um die Ohren. Worauf ein Großteil des Vergnügens an dem Stück beruht.

Die Regisseurin Franziska Steiof hat für ihre Inszenierungen am Grips („Rosa“, „Norway Today“ und „Baden gehen“) schon mehrfach Auszeichnungen erhalten. Auch die „Letzte Kommune“ entspricht ganz der Handschrift des Hauses, ist unterhaltsam, witzig, berührend besonders in den Momenten, wenn die neue Mitbewohnerin Josie, die aus einem Seniorenheim weggelaufen ist, mit dem Verlust ihres Gedächtnisses kämpft, gut getimt im Wechsel von Dialog, Tanz und Song.

Aber weder diese Routine noch die liebevolle Interpretation der Figuren können darüber hinwegtäuschen, dass Geschichte und Charaktere schablonenhaft gezeichnet sind. So beschränkt auf eine altersbedingte Perspektive sind weder 17- noch 75-Jährige. Vor allem Dietrich Lehmann, nicht nur seit 44 Jahren am Grips, sondern dort oft schon in der Rolle des Älteren besetzt, wirkt als Friedrich unterfordert. So wird ästhetisch gerade das, wovon das Stück erzählen will, der Zusammenprall von unterschiedlichen Lebensentwürfen, nicht fruchtbar. Es bleibt, auch musikalisch, zu sehr eine Soße.

Und es fehlt dem Stück die Schärfe, im Blick auf Alte wie Junge. Vergleicht man es mit der Genauigkeit, mit der die vier alten Frauen in Silvia Bovenschens Roman „Nur Mut“ protokollieren, wie sich ihre Emotionen, ihr Interesse an der Welt und ihre Empathie unter den Vorzeichen von Alter und Krankheit verändern, dann ist Lunds Text doch ziemlich zahnlos. „Die letzte Kommune“ will niemandem wehtun. Am Ende alle zu umarmen, das gehört schon lange zu den Tugenden des Grips.