Brauchen wir noch Buchläden?

HANDEL Amazon wächst. Die kleine Buchhandlung um die Ecke wirkt bedroht. Mit ihrem Geruch, der Ruhe und den guten Empfehlungen. Auf der Suche nach der Zukunft einer Institution, die aus der Welt fällt

AUS MARBURG UND BERLIN SUSANNE MESSMER

Vielleicht hängt Jutta Kraußmanns Zukunft davon ab, ob sie den Algorithmus schlagen kann. Immer wieder einmal. Kraußmanns Zukunft, die ihres Ladens und womöglich sogar die aller Buchhandlungen.

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch …

Algorithmen sind dazu da, Probleme durch eine Abfolge von klaren Regeln, von Berechnungen zu lösen. Jutta Kraußmann nähert sich der Sache anders, nicht über mathematische Formeln. Man sieht es in ihrem 55 Jahre alten Gesicht mit den Lachfalten, den beweglichen Augenbrauen: Da sind so viele Überlegungen, Unwägbarkeiten.

Amazon rechnet. Jutta Kraußmann liest.

Wie lange noch?

Einerseits geht es dem Roten Stern, Kraußmanns Laden im hessischen Marburg, ganz gut in diesem Jahr, besser als im vergangenen. Die Kunden, sie boykottieren die große Buchkette der Firma Lehmanns. Vor Kurzem hat Lehmanns die alte Universitätsbuchhandlung übernommen, wenige Häuser weiter. Die Kunden sprechen außerdem immer noch viel über die ARD-Reportage „Ausgeliefert“, die im März im Fernsehen lief und von Amazon berichtete, den Leiharbeitern aus Spanien, Polen und Ungarn, von Unterbringung in Sammelunterkünften, von Überwachung. Plötzlich holten viele in Marburg ihre Bücher wieder im Roten Stern.

Und andererseits?

Andererseits hält Amazon, das große Internetkaufhaus, hierzulande geschätzte 20 Prozent des Buchmarktes – 2003 waren es erst 4,5 Prozent.

Überhaupt, das Digitale, nicht nur die Onlinebuchhandlungen, auch die E-Books, deren Anteil am Buchmarkt in drei Jahren von 0,5 Prozent auf immerhin 2,4 Prozent gestiegen ist.

Die Zahlen der kleinen Buchhändler dagegen sind rückläufig: 57,8 Prozent am Gesamtumsatz erwirtschafteten sie 2001. 48,3 Prozent waren es 2012. Fast 10 Prozent weniger.

Junge Menschen sind im Roten Stern fremde Wesen

Noch dürfte es um die 5.000 unabhängige Buchläden in Deutschland geben. Hunderte haben in den vergangenen Jahren aufgegeben, besonders Universitätsbuchhandlungen und Fachbuchhandlungen. Es gibt einen Seufzer, der sich aus all diesen Zahlen und Kurven ableitet: Was wird bloß aus dem kleinen Buchladen um die Ecke?

Manche Verleger fordern schon staatliche Subventionen für die Buchläden – ähnlich, wie sie Programmkinos bekommen.

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kaufen bestimmt nicht mehr in …

Die kleine Buchhandlung um die Ecke. Der Rote Stern. In Marburg, in dieser schönen, heilen Welt mit den engen Gässchen, dem Schloss und der lieblichen Lahn – mit der linken Uni und dem Versprechen, man könne hier Dinge fürs Leben lernen, die nicht nur dafür gut sind, schnell zum gut bezahlten Job mit Sozialversicherung zu gelangen.

Die alten Deutschlehrer und die linken, emeritierten Professoren, die Jutta Kraußmann seit Jahrzehnten kennen, sie kaufen immer noch in dem Laden mit seinem Holzfußboden, den freigelegten Balken und den 5.000 Bänden auf engen 120 Quadratmetern. Sie erinnern sich noch, dass dieser Ort als Utopie entstand und als Buchladen, wo die Genossen beim SDS billige Raubdrucke linker Schriften kaufen konnten.

Sind Utopien wie diese gerade dabei, zur Erinnerung zu werden?

Und, mal ganz brutal gefragt: Gibt es den kleinen Buchladen um die Ecke bald vielleicht einfach deshalb nicht mehr, weil ihn keiner mehr braucht?

■ Die Prominenten: Einige Literaten, Politiker und Künstler begannen ihre Karrieren als Sortimenter, wie die Ausbildung zum Buchhändler offiziell genannt wird. Schriftsteller wie Hermann Hesse, Heinrich Böll oder Heinrich Mann holten sich ihr literarisches Rüstzeug im Zuge einer solchen Buchhändlerlehre. Der Journalist Günter Wallraff oder der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau, mittlerweile verstorben, schlossen diese Ausbildung auch ab.

■ Der Laden: Politiker mit Buchhändlervergangenheit sind etwa der Grüne Joschka Fischer und der SPD-Europaabgeordnete Martin Schulz. Fischer arbeitete in der Frankfurter Karl-Marx-Buchhandlung, wo sich damals viele ihre Mao-Bibeln holten. Heute zählt der Laden zu den verbliebenen Universitätsbuchhandlungen in Frankfurt am Main.

Bevor Jutta Kraußmann hinterm Tresen hervorkommen und antworten kann, muss sie in aller Ruhe ein Geschenk für eine alte Dame einpacken – die Schleife bindet sie gehorsam in das Eck, das die Dame wünscht. Sie muss ein Telefonat eines Kunden annehmen, der nach der vierten Staffel einer Fernsehserie sucht – und erzählt, während sie im Computer sucht, ein bisschen von ihrer derzeitigen Lieblingsserie: „Mord mit Aussicht“, ein Krimi, der in einem kleinen Ort in der Eifel spielt. Und dann muss sie eine Teenagerin im Tanktop zum Philosophieregal führen. Sie zeigt ihr ein Sach-Comic – damit versuchen viele Verlage, das junge Publikum zu erschließen. Das Mädchen wollte wissen: „Haben Sie Freud?“

Junge Leser sind im Roten Stern eher fremde Wesen. Was soll eine hier, die sich ihre Bücher binnen Sekunden auf das iPad oder den Kindle zieht? Einer, der gern vorm Computer sitzt und liest, der keine persönliche Beratung und kein Papier will?

Was können Sie besser als Amazon und seine Algorithmen, Frau Kraußmann?

Die Buchhändlerin zuckt mit den Schultern. Und weist auf neue Bücher wie Andrea Hiratas „Regenbogentruppe“ oder Eva Menasses „Quasikristalle“ – Romane vom Frühjahr, die sie wärmstens empfehlen könne, weil sie die historische Nacherzählung auf den Kopf stellen.

Sie zeigt auch auf Harald Welzers „Selbst denken“, auf Hans-Ulrich Wehlers „Die neue Umverteilung“. Fragen wie die nach sozialer Gerechtigkeit und wie wir uns ein besseres Leben erstreiten können: Die interessieren in Marburg immer noch viele – und immerhin ist der Rote Stern noch immer ein politischer Buchladen, wenn auch nicht mehr ausschließlich politisch, wie er es in den Siebzigern war.

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kaufen eigentlich nicht so gerne …

Aber hätten nicht auch die komplizierten Algorithmen von Amazon diese Bücher vorgeschlagen, wenn man sich für Kapitalismuskritik oder Gerechtigkeit interessiert? Über die Stöber-Funktion, die Kundenrezensionen, die Dokumentation aller angeschauten Artikel?

„Die Empfehlungen, die Amazon geben kann, sind gar nicht so dumm“, sagt Jutta Kraußmann.

Das heißt aber nicht, dass sie nicht klüger sein könnte. Sie hat einen feineren Ansatz.

Beim Roten Stern geht es gerade nicht so sehr darum, wie oft ein Titel geklickt oder gekauft wird – das ist ja eines der wichtigsten Kriterien von Amazon. Im Roten Stern wurde kein einziges Exemplar des Erotik-Bestsellers „Shades of Grey“ angeboten: Jedes Frühjahr und jeden Herbst, wenn sich im kleinen Laden die bunten Prospekte der Verlage türmen, geht es erst einmal ans Wegschmeißen. Viele der Vorschauen wandern in die Tonne, weil sie vor allem Bücher übers Kochen oder andere Hobbys bewerben. Andere Verlagsprogramme bleiben außen vor, weil sie immer lauter mit Sex und Crime werben.

Manchmal bestellt sie auch einfach die abwegigen Titel

Die Umsätze des Roten Stern waren schlecht im vergangenen Jahr, schlechter denn je. Hier, im Kollektiv von zehn Leuten, gibt es keinen Chef. Man arbeitet vier Tage die Woche und bekommt ungefähr 1.100 Euro raus im Monat, sagt Jutta Kraußmann. Dazu dann die Umsatzbeteiligung, Weihnachts- und Urlaubsgeld. 2012 kam nichts dazu.

Jutta Kraußmann ist eine große lässige Frau, die ihre Konsonanten weichspült. Sanft, melodiös. Hessisch.

„Selbst mit unseren Pfründen kann man nicht ewig wuchern“, sagt sie.

Kraußmann ist keine, die sich etwas vormacht. Sie kennt die Angst. Seit 25 Jahren im Roten Stern. Zehn Jahre wären es jetzt noch zur Rente. Eine Zukunft, die sich noch viel, viel länger anfühlen könnte als die Vergangenheit in Anbetracht all der Umbrüche. „Wir sind mit unseren Kunden älter geworden“, stellt Kraußmann trocken fest.

Jutta Kraußmann und ihre Kollegen kennen etliche Vertreter und viele Verleger persönlich, oft seit Jahren. Und bei manchen kleinen, linken, unabhängigen Verlagen – da bestellen sie oft aus Prinzip oder aus Solidarität das ganze Programm. „Auch wenn mancher Titel noch so abwegig erscheint“, sagt Kraußmann.

Beim Schmetterling Verlag etwa gibt es eine Reihe, sie heißt Theorie.org. Die poppigen Cover sind einheitlich gestaltet, der Preis: zehn Euro. Hier gibt es alles, was man zentrale Themen linker Debatte nennen könnte: von „Anarchismus“ bis zu „Theorien des alternativen Wirtschaftens“. Andere Buchhandlungen führen diese Reihe gar nicht. Bei Amazon befinden sich manche auf Rang 113.794 oder 152.894 der verkauften Bücher. Beim Roten Stern wurde sie zum Bestseller.

Es geht also nicht nur darum, dass Kraußmann viele Bücher, die sie empfiehlt, auch gelesen hat. Dass sie in ihrem kleinen Laden auch mit verbundenen Augen herumlaufen könnte, zu den wohl sortierten Regalen.

Dass sie Bücher herausnehmen kann, nachdrücklich auf den Einband klopfen und erklären, wie sehr sie dieses Buch mag, zum Beispiel vorm Amerikaregal, ihrem Lieblingseck, wo sie auch mal einen Wälzer empfiehlt, der im deutschen Feuilleton durch die Raster gefallen ist, weil er zu unterhaltsam ist, und bei Amazon, weil er zu alt ist.

Es geht vor allem darum im Roten Stern: „Man muss sich bei uns doch auch von Büchern überzeugen lassen, die gar nicht zu den bisherigen Lesegewohnheiten passen“, sagt Jutta Kraußmann, inzwischen am Tisch des Cafés, das heute einfach Café Am Grün heißt, früher zum Roten Stern gehörte und dem Laden bis heute als Ort für Lesungen dient.

In diesem Café gibt es einen romantischen Blick auf die Lahn, rustikale Holzmöbel, Filterkaffee und Vollkornkuchen. Hier sitzen sie also, die Fans des Roten Stern und der alternativen Tapete für den älter werdenden Bildungsbürger, blättern in ihren soeben erworbenen Schätzen und fühlen sich dabei sehr flauschig.

Sie stoßen auf Ideen oder Bücher, die man nur einem anderen zuliebe wahrnimmt – einer Person, die man glaubwürdig findet. Auf Ideen, über die man durch Zufall stolpern kann. Ideen, die auf den ersten Blick gar nicht passen mögen und trotzdem das Potenzial haben, Lieblingsideen zu werden. Ideen, die sich so wenig berechnen lassen wie Jutta Kraußmanns Lachfalten. Oder ihre Zukunftssorgen.

520 Kilometer nordöstlich vom Roten Stern, in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte, sitzt Frithjof Klepp an einem derben Tisch seiner Buchhandlung „Ocelot, not just another bookstore“ – und trinkt einen Cappuccino, wie man ihn besser nicht einmal beim Italiener bekommt.

Frithjof Klepp ist 38 Jahre alt. Ein Mann mit kahlem Kopf, wasserhellen Augen und einer Brille, die ihm kein Gegenwind der Welt von der Nase wehen könnte. Es fällt ihm schwer, ruhig zu sitzen, zwischendurch muss er den Anruf eines Verlagsvertreters annehmen, abkassieren, einen Mann abwimmeln, der edle Geschenkpapiere verkaufen will.

Zwölf Monate, sagt Klepp, hat er am Businessplan geschraubt, Zielgruppen analysiert und Investoren überzeugt. 250.000 Euro hat er investiert, eine Innenarchitektin für die Gestaltung engagiert und einen Markenkern entworfen, der nun, in schönster Schrift, auf jedem Kuli und auf jeder Tüte glänzt. Klepp, der Mann mit den Gesichtszügen, die eher zu berechnen sind als die einer Jutta Kraußmann, hat alle Algorithmen in Gang gesetzt, die ihm zur Verfügung standen.

Ist Frithjof Klepp der Mann der Zukunft im deutschen Buchhandel?

Die Buchhandlung Ocelot mit Blick auf den Volkspark am Weinberg inklusive Heine-Denkmal wirkt wie ein kleines Wunder in einer Stadt, in der nach wie vor kompakte, vollgestellte Kiezbuchhandlungen dominieren. Hier geht es mit 5.800 Titeln auf 265 Quadratmeter luftig, großzügig und urban zu, fast ein wenig unterkühlt.

Die Theke mit Kuchen drin und Kaffeemaschine dahinter. Schwere Tische zum Verweilen, rohe Decken, steingraues Linoleum. Die Büchertische in der Mitte: weiß, puristisch. Aerodynamische Barhocker, große Sitzecken mit asphaltgrauen Polstern. Es ist, als wäre man in einer Buchhandlung in Lower Manhattan gelandet – und tatsächlich kommen viele Kunden in den Laden, die zu jener neuen, internationalen Klientel in diesem Stadtteil gehören, Akademiker aus aller Welt, die die Rezensionen in den Zeitungen ihrer Heimatländer lesen, die genug verdienen und die ihre Kinder auf internationale Schulen schicken. Mit ihnen spricht Klepp oft englisch.

Der Rote Stern ist provinziell, gemütlich. Ocelot ist urban, cool.

Durch die Enge im Roten Stern kommt man um die Buchhändler kaum herum.

Durch den vielen Platz im Ocelot können Kunden eher für sich bleiben.

Vielleicht wollen sie genau das. Seine Kunden sind im Schnitt 15 bis 20 Jahre jünger als die von Jutta Kraußmann. Viele lassen sich im Ocelot treiben, stundenlang. Einige wie die ältere Dame mit dem Bubikopf oder der schmächtige Mann mit der Hornbrille setzen sich auf die Polster, blättern in schweren Design-Bildbänden oder in Büchern aus der Abteilung „Literally, in English“. Einige wie das Paar, das Französisch redet, bestellen sich einen Kaffee und lesen in den internationalen Magazinen.

Was für Jutta Kraußmann die amerikanische Literatur ist, ist für Frithjof Klepp die Politik.

Der dazugehörige Tisch wirkt wie ein originell konstruierter Zusammenhang. Vieles liegt da, was auch beim Roten Stern liegt: der Wehler, der Welzer. Daneben aber ein Buch zweier französischer Sozialwissenschaftler, das bereits 2003 auf Deutsch erschien und die ideologische Rechtfertigung des Kapitalismus untersucht.

Jedes Buch in seinem Laden soll einen Grund haben

Daneben ein Buch über die Kinder der Wende, die sogenannten Eisenkinder oder Modernisierungsverlierer. Erschienen ist es in diesem Jahr. Daneben „Deutschboden“ von Moritz von Uslar, erschienen 2010.

Klepps Vorschlag: Könnte man soziale Ungerechtigkeit nicht auch mal von anderen Seiten lesen? Was, wenn sich die Abgehängten dieses Landes nicht mehr auf die Nase binden lassen, sie seien selber schuld? Was, wenn sie anfingen, sich zu radikalisieren?

Später wird Klepp einfach nur sagen: „Jedes Buch, das hier steht, soll einen Grund haben.“ Und: „Bücher, wo auf dem Cover Flugzeuge Liebeserklärungen in die Luft schreiben: Die haben hier nichts verloren.“

Es sind knarrende Worte wie „Komplexitätsreduktion“, „Konzentration auf die Kernkompetenz“ und „Abhebung von der Konkurrenz“, die er in diesem Zusammenhang gern wie Leuchttürme in das unwegsame Gelände stellt, auf das er sich begeben hat.

Seine Buchhandlung ist eine Denkfabrik. Es ist ein Ort, nach dessen Besuch man sich jedes Mal ein bisschen schlauer fühlt.

Klepp checkt, vernetzt sich, greift Wissen aus den unterschiedlichsten Welten ab. Wie die Buchhändlerinnen im Roten Stern schmeißt auch Frithjof Klepp Vorschauen weg oder wimmelt Vertreter ab, wo es nicht passt. Hinzu kommt „die kontinuierliche Lektüre der großen und kleinen Feuilletons und auch abseitigeren Zeitschriften wie konkret“, das Unterwegssein in den „ganzen sozialen Kanälen“, das „stete literarische Gespräch mit den Kollegen und den Kunden“ und die „permanente Weiterbildung auf allen Ebenen“. Er wertet und wägt, wie es ein Algorithmus kaum könnte.

Nun gibt es die Buchhandlung Ocelot schon seit zwölf Monaten, und es sieht gut aus für sie, erzählt Klepp. Am Anfang machte er nur 200 Euro Umsatz pro Tag, jetzt sind es schon 600.

Menschenwürdige Gehälter zahlt er schon immer, und zwar ausdrücklich, sagt er. Bis zu vier Veranstaltungen macht er im Monat, Veranstaltungen, die nicht so viel kosten dürfen wie die von Bestsellerautoren, die aber trotzdem gut besucht sind: mal konventionelle Buchpremieren, mal eine Stadtführung mit verbundenen Augen, die ein Lyriker begleitet – mal auch anlässlich einer Neuübersetzung ein Abend über Religiosität in Herman Melvilles „Moby Dick“.

Gute Aussichten also? Für einen, der eine Biografie hat, die etwas zerfleddert wirkt, so wie bei vielen seiner Generation: Erst Abitur und Lehre, dann die Arbeit bei Karstadt, in der traditionellen Kiezbuchhandlung, dann noch einmal Studium, vier Jahre Internetbuchhandlung Kohlibri, zwei Jahre Leiter einer neuen Filiale der Buchhandlung Zweitausendeins.

Die kleine Buchhandlung um die Ecke. Ist das ihre Zukunft? Eine Zukunft?

Es ist ungefähr 20 Jahre her, da geisterte die Frage nach der Zukunft des Buchhandels schon einmal durch die deutschen Medien. Die Kleinen hätten keine Chance mehr, hieß es.

Damals eröffneten große Handelsketten wie Thalia und Hugendubel überall in Deutschland neue Filialen. Von der Verödung der Innenstädte war die Rede, man hörte von alteingesessenen Buchhandlungen, die bedrohliche Anrufe bekamen. Man sei gefragt worden, ob man freiwillig verkaufen wolle. Oder ob man ihnen die Konkurrenz gleich vor die Nase setzen solle. Heute stehen Thalia, Hugendubel und Lehmanns mit dem Rücken zur Wand. 2012 verschwanden mehr als 30.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, mehr als 45 Filialen wurden geschlossen.

Die Entwicklung läuft hier ähnlich wie in den USA, nur nicht ganz so rasant. Denn auch in den USA haben die Ketten, allen voran der größte Player, Barnes & Noble, größte Probleme. Erst kürzlich brach deren Aktie wieder um 15 Prozent ein.

Der Unterschied: In Deutschland hatten die Ketten nie so große Marktanteile wie in den USA, denn sie werden hier von der Buchpreisbindung ausgebremst und dürfen Bücher nicht billiger anbieten – anders als in der Musikindustrie, wo es keine Preisbindung gibt, weshalb die Plattenläden einen viel schwereren Stand haben.

Das Resultat: Die vier größten Handelsketten in Deutschland vereinten 2001 8 Prozent des Branchenumsatzes, in den USA waren es im selben Jahr 48 Prozent. Und: Während der Anteil des E-Books in Deutschland heute bei 2,4 Prozent liegt, ist es in den USA knapp ein Viertel.

Es geht ihnen schlecht, den Ketten, sie haben zu wenige Ideen – derart wenige, dass man Interviewfragen lieber schriftlich als vor Ort beantwortet, so jedenfalls die Antwort aus einer zuständigen Marketingabteilung. Wegen Sommerloch lieber gar nicht, ist die einer anderen. Wer einmal eine der größeren der 220 Filialen von Thalia betritt, zum Beispiel die über drei Etagen in einer tageslichtfreien Shopping Mall am Berliner Alexanderplatz, der weiß, warum. Es ist weniger eine Buchhandlung, eher ein Gemischtwarenladen für Geschenkartikel: Es ist der sogenannte Nonbook-Bereich, auf den Thalia neuerdings setzt. Auf jedem zweiten Tisch findet man Grußkarten, Frühstücksbrettchen und stark parfümierte Seifen. Einer bietet Sparschweine mit lustigen Sprüchen, ein anderer Tees und Kekse mit originellen Namen wie „Turteltee“ und „Prüfungspuffer“.

Thalia bilde schon gar keine Buchhändler mehr aus, sondern nur noch Einzelhändler „mit Zusatzqualifikation Buch“, beklagt der Börsenverein des deutschen Buchhandels erst diese Woche.

Milliarden Euro setzten die deutschen Buchhändler 2012 um. Das sind 0,8 Prozent weniger als im Vorjahr

Quelle: Börsenverein des deutschen Buchhandels

Drei Stände gibt es, die die Firma Moleskine bei Thalia gemietet hat, einen von der Firma „Tussi on Tour“ mit pinken Navigationshilfen, pinken Werkzeugkoffern und pinken Parkscheiben.

Eine Buchhändlerin zuckt mit den Schultern. „Wir haben hier fast nichts Neues mehr, nur noch Taschenbücher“, sagt sie und geht vorüber an den Regalen „Thriller“, „Crime“, „Fantasy“, „Science Fiction“, „Horror“ und „Liebe und Leidenschaft“.

Auf die Frage nach ein paar neuen gesellschaftspolitischen Titeln führt sie zum Regal „Zeitgeschehen“. Dann verabschiedet sie sich schnell.

Hier türmen sich Bücher von Helmut Schmidt und der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka. Und zum Wahlkampf: Bücher über Merkel, Steinbrück, Gysi.

Der Kaffeeautomat im Sitzbereich ist defekt.

Er sucht jetzt eine Antwort auf die E-Book-Misere

Eine wenig zitierte Zukunftsstudie des Börsenvereins des deutschen Buchhandels aus dem Jahr 2010 hat ergeben, dass 74 Prozent aller befragten Buchkäufer sich als Stammkunden einer bestimmten Buchhandlung betrachten. Den wichtigsten Kaufimpuls geben für 45 Prozent von ihnen persönliche Buchempfehlungen. Da klingt die Welt noch in Ordnung.

Vor wenigen Tagen, der schöne Frühsommer hat sich in einen schönen Frühherbst verwandelt, kam eine ältere Dame in den Roten Stern und suchte etwas „Leichtes“. Jutta Kraußmann brauchte eine Weile, um zu ergründen, was diese Kundin wollte. Keine leichte Literatur, sondern ein Buch, das sie im Bett gut über dem Kopf halten kann. Die Buchhändlerin fand das richtige. Hinterher musste sie lachen. Das Sommerloch haben sie kaum gespürt diesmal.

Kürzlich kam ein junges Paar in die Buchhandlung Ocelot. Der Mann hatte einen alten Spiegel vom Flohmarkt unterm Arm und die Frau suchte ein englischsprachiges Buch übers jüdische Leben in Berlin. Frithjof Klepp hatte sofort eins zur Hand und berichtete von der Perspektive, der Sprache, dem Fokus des Autors. Er zeigte sich wohl vorbereitet aufs jüdische Neujahrsfest, das dann in diesen Tagen gefeiert wurde.

Das Sommerloch hat auch er kaum gespürt, sagt er. Und er hat etwas gefunden, was eine Antwort auf das Problem mit den E-Books werden könnte. Die Reader, iPads und Tablets zum Anfassen, die er anfangs im Laden ausstellte, sind in den Hintergrund getreten.

„Ich glaube nicht mehr an ein technisches Gerät als den Heilsbringer für die Buchbranche“, sagt er. Die Handelsspannen bei den E-Books seien außerdem sehr gering.

Dafür wird Ende September Klepps neue Webseite freigeschaltet. Man wird dort direkt Bücher bestellen können. Und herunterladen. Das Ganze wird betreut von ein paar jungen Bloggern. Sie werden exklusiv für Ocelot Bücher besprechen.

Das kann kein Algorithmus.

Susanne Messmer, 41, ist Reporterin der taz.berlin, hat zwei Bücher über China geschrieben und besucht regelmäßig Buchläden