ORTSTERMIN: WERNER ENKE ZU GAST IM HAMBURGER METROPOLIS-KINO

Der Mann aus dem Pool

Der Mann, der dem deutschen Kino das Nuscheln und das Fummeln beigebracht hat, der in den späten 1960er Jahren Wendungen wie „Es wird böse enden“ und „Der alte Schwung ist hin“ berühmt und die Faulheit zu einer Tugend machte, da saß er nun und erläuterte die schöne Kunst des Kette-Nichtrauchens. Man nimmt ein, zwei Züge, drückt die selbst Gedrehte in den Zigarettentöter, schneidet den Filter und die schwarze Fliege ab und zündet sich wenig später den Stummel ein weiteres Mal an. Es gibt wohl nicht viele Gäste, denen diese Art des Zündelns im Kinosaal erlaubt worden wäre. Aber der da vorn saß, war Werner Enke. Da macht man schon mal eine Ausnahme.

Das Hamburger Kino Metropolis war an diesem Abend nur halb voll und irgendwie hatte man doch mehr Fans erwartet, die Enkes poetisch-verpennte Monologe aus „Nicht fummeln, Liebling“ (1969) mitsprechen können. Fans, die sich freuen über seine treffsichere Unterwanderung deutscher Autoritäten und über seine bis heute gültigen Worte, als er in einer Filmszene beim Verlassen der Bavaria-Studios zum Pförtner sagt: „Da hinten ist irgendwo der deutsche Film begraben.“

Tatsächlich ist Enkes zweiter Film nach „Zur Sache, Schätzchen“ heute noch so frisch und witzig wie damals, ein Feuerwerk unvorhersehbarer surrealer Sprüche, bei dem jede Szene um Enkes Figur des Gammlers und Flaneurs Charlie herumgebaut ist, der eine Polizeischule aufmischt, in einer geklauten Uniform durch München streift und schließlich mit Gila von Weitershausen im Pool der Campingabteilung von Hertie landet.

Mit einem sensationellen Bauchklatscher selbstverständlich. Denn Enke ist nicht nur in der Nähe eines Freibads in Göttingen aufgewachsen, er beherrscht auch eine Körperkomik, die sich an seinem großen Vorbild Jacques Tati orientiert. In den 1970er-Jahren, so erzählte Enke gesten- und anekdotenreich, arbeitete er zunehmend an einem Kino der optischen Komik, das nicht nur auf den deutschen Sprachraum beschränkt sein, sondern so wie Monsieur Hulot überall verstanden werden sollte. „Hau drauf, Kleiner“ (1974) und „Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt“ (1979) lassen sich als Arbeiten in diese Richtung verstehen. Ein fünfter Film wurde nie fertiggestellt, weil beim Drehen einer ausgeklügelten Tandem-Verfolgungsjagd Enkes Fuß abglitt und ins Ritzel rutschte.

Und heute? Die Frage schwang bei allen anderen mit, die Enke ausführlich beantwortete. Man merkte, es war ihm wichtig, seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit vor 25 Jahren zu erklären, Rede und Antwort zu stehen für die eigene Biografie, in deren Zentrum eine hart erarbeitete Figur des Müßiggangs steht. „Ich habe mich verfilzt“, und „Ich tue nie ganz nichts“, erklärte Enke, um hinterherzuschieben: „Immerhin muss ich heute keine Ärzte, Förster und drangvolle Gutsherren spielen. Das ist doch ein Erfolg.“ Dann trug er noch diese Zeilen seines Lieblingsdichters Wilhelm Busch vor:

Eh’ man auf diese Welt gekommenund noch so still vorlieb genommen,da hat man noch bei nichts was bei;man schwebt herum, ist schuldenfrei,hat keine Uhr und keine Eileund äußerst selten Langeweile.Allein man nimmt sich nicht in acht,und schlupp! ist man zur Welt gebracht.

Gern hätte man Werner Enke noch weiter zugehört an diesem Abend, doch nach einer Stunde waren alle Stummel aufgebraucht. Und er kommt ja noch mal wieder. VOLKER HUMMEL