Theremin-Spielerin in Castingshow

Die Urgroßmutter aller Synthesizer

Sie ist eine Virtuosin auf ihrem Instrument und seit Jahren ein Profi. Dennoch nimmt die Theremin-Spielerin Barbara Buchholz in der Castingshow "Das Supertalent" teil.

Reglos, fast etwas verloren, steht Barbara Buchholz auf der großen TV-Bühne. Vor ihr ein unscheinbarer weißer Kasten, aus dessen Seiten zwei glänzende Antennen ragen. Den rechten Arm hält sie angewinkelt in Schulterhöhe, als führe sie einen unsichtbaren Tanzpartner, ihre Finger bilden eine lockere Faust. Die andere Hand ist flach ausgestreckt und schwebt ruhig über einer der Antennen. Als sie die Hand langsam hebt, schwillt ein gespenstischer Ton an, gleitet im Glissando eine Oktave nach oben. Er scheint den feingliedrigen Bewegungen ihrer rechten Hand zu folgen. Ihre Finger krümmen und strecken sich, als würde sie den eigentümlich singenden Klang in ihrer Hand wie einen Lehmklumpen formen. Als sie schließlich endet, brandet Applaus im Publikum auf. Buchholz lächelt und verbeugt sich routiniert. Es war nicht der erste Auftritt der Musikerin. Jedoch ihr erster in einer Castingshow. Buchholz schafft es ins Halbfinale.

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An diesem Samstag findet die dritte Halbfinalshow von "Das Supertalent" statt - danach werden die letzen der zehn Finalisten feststehen, die in der darauffolgenden Woche um Titel und Preisgeld in Höhe von 100.000 Euro kämpfen. Das Castingshow-Franchise, das in seiner englischen Ausgabe "Britain's Got Talent" bereits Bilderbuchaußenseiter wie Paul Potts in die Öffentlichkeit stieß, zieht seinen Unterhaltungswert dabei vor allem aus dem Niedlichen und dem Grotesken. Das ist allgemein bekannt und sorgt normalerweise trennscharf dafür, dass die Zuschauer eines nicht zu sehen bekommen: nämlich echte Talente.

So scheint es denn fast wie ein Irrtum oder ein Versehen, dass diesmal auch Barbara Buchholz dabei ist, in einer Show, die sich sonst verlässlich diesseits der Demarkationslinie hin zum Anspruchsvollen hält.

Das Interesse der Showproduzenten an Buchholz ist klar: Sie ist eine der wenigen Personen, die Theremin spielen können - ein fraglos faszinierendes und exotisches Instrument. Dass die etablierte Musikerin an einer solchen Show tatsächlich teilnimmt, irritiert zunächst, hat aber einen einfachen Grund, erläutert Buchholz: "Als man mich fragte, ob ich mitmachen würde, dachte ich, ich probiere das mal, es kann nur ein Gewinn für das Theremin sein."

In der Tat hatte das Theremin sicher nie einen größeren Soloauftritt als nun auf RTL. Mehr als sieben Millionen Zuschauer schalteten vor drei Wochen die "Supertalent"-Folge mit Buchholz ein, und nahezu alle sahen das Instrument vermutlich zum ersten Mal.

Dabei ist das Theremin alles andere als neu, gehört es doch zu den ältesten elektronischen Musikinstrumenten. Es erzeugt einen endlosen Ton, dessen Höhe und Lautstärke nur durch Bewegungen und Gesten des Spielers gesteuert werden. Die beiden Antennen - eine ist für die Höhe und eine für die Lautstärke des Tons zuständig - registrieren über elektrische Felder jede Körperbewegung in ihrer Nähe. Schon ein leises Zittern wird so als Vibrato hörbar. Das macht seinen Klang so eigentümlich, fast menschlich. Doch obwohl die Erfindung des russischen Wissenschaftlers Lev Theremin in ihrem Grundprinzip seit fast einem Jahrhundert existiert, ist es bis heute ein Exot geblieben, das sein musikalisches Dasein vornehmlich als Schauereffekt in alten Hollywoodproduktionen und als instrumentaler Sidekick der Popgeschichte fristete. Fast scheint es, als habe das Instrument seine Aura des Futuristischen nie ablegen können und sei darüber in Vergessenheit geraten, ohne je in der Gegenwart Halt zu machen. Buchholz will das nun ändern.

Auch sie sah das Theremin vor Jahren nur zufällig bei einem Tom-Waits-Konzert, war aber sofort davon hingerissen. "Das ist einfach etwas Besonderes: Man greift in die Luft und spielt einen Ton." Buchholz ist keine Schwärmerin sondern Vollblutmusikerin, studierte Gitarre, Querflöte, Gesang und Bass bevor sie 1999 das Theremin für sich entdeckte. Sie kennt Tonleitern, Kadenzen und Harmonien so gut wie das Alphabet. Doch wenn sie über das Theremin spricht, scheint Musiktheorie keine Rolle mehr zu spielen: "Man muss das Spiel eigentlich innerlich hören und dann folgt die Hand dem, was man da hört", sagt Buchholz. Ihre Worte ziehen sich beim Sprechen zusammen, wie im stufenlosen Glissando des Theremins, wo die Töne fließend ineinander übergehen. "Das sind die schönsten Momente, in denen das Spiel einfach passiert."

Was bei Buchholz so spielerisch klingt, ist das Ergebnis harter Arbeit. Denn das Theremin ist auch ein besonders schwer zu beherrschendes Instrument. Da es keine Fingersätze oder Griffe gibt, an denen sich der Spieler orientieren kann, ist es nahezu unmöglich, Töne exakt zu treffen. Buchholz gelingt diese Unmöglichkeit nicht nur, sie ist zu einer anerkannten Virtuosin auf ihrem Instrument geworden. Weltweit gibt es gerade einmal zehn Spieler von ihrem Format. Heute ist die 1959 in Düsseldorf geborene Musikerin maßgeblich daran beteiligt, das Theremin in der Neuen Musik, der Improvisationsmusik und dem modernen Jazz zu etablieren. Und das nicht nur in Berlin und Deutschland, sondern europaweit.

Der Weg in den inneren Zirkel der Theremin-Szene verlief alles andere als geradlinig. Noch vor Ende ihres Musikstudiums in Bielefeld wird sie die Bassistin von Reichlich Weiblich, der ersten deutschen Frauen-Jazz-Bigband. Im Jahr 1989 beginnt Buchholz dann eine Reihe eigener Projekte und Ensembles, verlegt sich dabei außerdem zunehmend aufs Komponieren. Auch Performanceelemente spielen im Verlauf der 90er eine wachsende Rolle in ihren Produktionen. Neben ihrem Bassspiel und Gesang experimentiert sie mit Samplern und Miditechnik.

Im Jahr 1999 nimmt sie an einem Kurs bei der Thereminvirtuosin Lydia Kavina, Großnichte des Thereminerfinders, teil und kauft sich sofort ein eigenes Instrument. Fortan verabreden sie sich zum Unterricht, wenn Kavina in Deutschland ist. "Das war mir dann zu wenig, und so habe ich entschieden, nach Moskau zu gehen und bei Lydia Unterricht zu nehmen."

Nach der Zeit als Meisterschülerin widmet sich Buchholz fast ausschließlich ihrem neuen Instrument und beginnt sich einen Namen als Thereminspielerin zu machen. Neben medialen Projekten und Mitarbeiten an Theaterproduktionen folgt die erste Solo-CD. Im Jahr 2005 gründet Buchholz gemeinsam mit ihrer ehemaligen Lehrerin Kavina das Projekt "Touch! Don't Touch!" als Plattform für das Theremin in der neuen Musik.

Dass auf dem Weg zur heutigen Thereminvirtuosin auch Hindernisse lagen, lässt sich nur vermuten. Die Finanzierung ihrer Reisen nach Moskau etwa gelang ihr durch ein Stipendium des nordrhein-westfälischen Kulturministeriums. Aber dergleichen erzählt Buchholz nur auf Nachfrage. Die Fortschritte ihrer musikalischen Karriere schildert sie im unbeschwerten Gestus. Mit Widrigkeiten hält sie sich nicht auf. Nicht aus falscher Eitelkeit. Eher erscheinen sie ihr im Nachhinein unerheblich: "Ja, sicher gab es auch Probleme. Aber wenn ich so zurückdenke, scheint mir alles von Anfang an klar gewesen zu sein. Das war nur eine Frage der Zeit." Mittlerweile sei es aber leichter für sie geworden. Regelmäßig geht sie nun auf Konzertreisen und immer mehr neue Kooperationen, neue Projekte und vor allem neue Thereminschüler kommen auf sie zu. Das Halbfinale von "Das Supertalent" sei eben ein weiterer Schritt. Der Entscheidung sieht sie pragmatisch entgegen. "Natürlich wäre es schön, wenn ich ins Finale käme - aber auszuscheiden wäre auch nicht schlimm." Ihr Talent als Musikerin, das weiß sie, steht dabei nicht wirklich zur Disposition, ihr gehe es ohnehin mehr um ihr Instrument. "Ich sehe mich bei ,Das Supertalent' als Botschafterin des Theremins und als solche finde ich die Gelegenheit, die ich dort habe, großartig."

 

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