Hartz IV ist inzwischen auch für psychisch Erkrankte zum Auffangbecken geworden

Plan B für die Seele

Kommentar von Barbara Dribbusch

Nicht erst, seit sich der Nationaltorwart Robert Enke in einer depressiven Phase selbst getötet hat, wird in der Öffentlichkeit viel über Gemütserkrankungen geredet. Auf der Bestsellerliste des Spiegels steht mit "Irre! Wir behandeln die Falschen" von Manfred Lütz derzeit ein heiter geschriebenes Buch über seelische Erkrankungen auf Platz eins. Die neuesten Zahlen dazu kommen von der Betriebskrankenkasse BKK in Nordrhein-Westfalen: Dort erfolgt inzwischen jede vierte Krankschreibung aufgrund einer psychischen Störung.

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Barbara Dribbusch

Barbara Dribbusch ist Inlandsredakteurin der taz.

Foto: taz

Das Reden über seelische Dysfunktionen scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein: Es gehört, wie das Sprechen über Arbeitslosigkeit, fast schon zum Alltag. In der erfolgreichen TV-Komödie "Stromberg" etwa spielt "Ernie" als zeitweise offen Depressiver eine tragende Rolle. Der Autor der Serie hat ein gutes Gefühl dafür, wie sehr psychische Eigenheiten und Schwächen in jedem Team ein Thema sind. Wird damit nun alles leichter für psychisch Labile?

Die Entwicklung ist ambivalent. In vielen Betrieben beobachtet der Bremer Gesundheitsforscher Wolfgang Hien "gegenläufige Strömungen". Einerseits gehe man offener mit Depressionen, Burn-out-Syndrom und seelischer Erschöpfung um. Andererseits werden die Leute beim Gespräch über ihre eigenen Probleme "vorsichtiger, denn sie wissen, dass man das auch gegen sie verwenden kann", so Hien.

Die offene Rede kann Freiheit, aber auch Stigmatisierung nach sich ziehen. Manch ein Prominenter kann sich eine seelische Schwäche vielleicht eher leisten: Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek etwa büßte nicht an Reputation ein, als sie zur Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm nicht erschien, weil sie keine Menschenansammlungen aushält, erst recht nicht in geschlossenen Räumen. Weniger prominent war der Journalist Michael Stiller, ehemals bei der Süddeutschen Zeitung tätig. Er outete sich selbst vor Jahren als Depressiver, weil er lange im Job ausfiel und kaum umhinkonnte, eine ehrliche Erklärung zu liefern. In einem Interview sagte Stiller später, er sei sich nicht sicher, ob er es noch einmal so machen würde. Bei den Depressiven heiße es doch schnell: "Der hat halt einen Schatten." Und die Geschwindigkeit, mit der einen Leute fallen ließen, das tue schon weh.

Die Folgen psychischer Krisen, der persönliche Plan B für die Seele, ist Privatsache. Manche gehen in "Entlastungsteilzeit" - zum Beispiel viele ausgebrannte Lehrer oder Pflegekräfte, die ihre Stundenzahl vermindern und entsprechend weniger Entgelt in Kauf nehmen. Andere schlagen sich im IT-Bereich als schlecht bezahlte Freiberufler durch, wenn sie den Druck im Unternehmen nicht mehr aushalten, schildert Hien.

Psychisch angeknackste Beschäftigte in großen Unternehmen, etwa bei der Audi AG, werden in Tätigkeiten ohne Taktbindung versetzt und haben damit Glück, weil sie ihre Arbeit nicht verlieren. Andere gehen in die Frühverrentung, wo inzwischen jede dritte Diagnose eine psychiatrische ist. Und sehr viele landen auf Hartz IV, das inzwischen auch für psychisch Kranke zu einem Auffangbecken geworden ist, wie Sachbearbeiter in den Jobcentern berichten.

Hartz IV als Auffangbecken

Die Wirklichkeit in der Erwerbswelt sieht anders aus, als es die tränenreiche öffentliche Debatte nach dem Tod Enkes suggerierte. Was wir brauchen, ist aber weder Tabuisierung noch Sentimentalität, sondern Normalität im Umgang mit der Vielfalt seelischer Zustände. Dazu gehört eine Sprache, die Distanz erlaubt und trotzdem etwas mitteilt.

Laut der Techniker Krankenkasse fallen Depressive im Schnitt 50 Tage pro Jahr aus. Der Arbeitgeber erfährt auf den gelben Bescheinigungen über die Arbeitsunfähigkeit zwar nicht die Diagnose, aber der Stempel des Facharztes für Psychiatrie sagt oft genug. Wer lange fehlt, muss dies vor dem Vorgesetzten und den KollegInnen begründen, um Gerüchten vorzubeugen.

Jede körperliche Diagnose gilt dabei als weniger peinlich als psychiatrische Befunde, weil das Seelische eben noch intimer ist als die Wirbelsäule oder der Magen. Ein Rückenleiden, ja sogar ein Alkoholproblem wirkt "äußerlicher" und damit kontrollierbarer als eine Panikstörung oder die Stimmungsschwankungen eines bipolar veranlagten Menschen.

Schutz durch Sprachregelung

Wenn man darüber spricht, werden "psychische Erkrankungen immer noch gern in das Psychosomatische verschoben", erzählt ein Berliner Nervenarzt. "Da heißt es dann eben ,Erschöpfungssyndrom', auch wenn es sich sogar um eine psychotische Episode handelt." In der Hierarchie der Begriffe klingt "Coach" besser als "Therapeut", "Burn-out" besser als "Depression" und "psychosomatisch" besser als "psychiatrisch". Ein Burn-out kündet immerhin von einem starken beruflichen Engagement, also prinzipiell hoher Leistungsfähigkeit.

Diese sprachlichen Verpackungen schützen. Denn nicht alle Betriebe sind sozial so kompetent wie jenes mittelständische Unternehmen mit dem Computerexperten, der glaubte, die Weltformel gefunden zu haben und deswegen von den Geheimdiensten gejagt zu werden. Nach Klinikaufenthalt und Behandlung seiner psychotischen Episode mit Medikamenten arbeitet der Mann wieder in seiner Firma, mit reduzierter Arbeitszeit.

Die Wirtschaft sollte sich ein bisschen mehr den Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Auch aus ökonomischen Gründen: Die BKK schätzt die durch seelische Störungen verursachten Produktionsausfallkosten auf jährlich 3,8 Milliarden Euro. Was aber tun? Belastungen selbst regulieren können, selbstbestimmt handeln können und klare Signale vom Umfeld empfangen - all das stärkt die Psyche und sollte deshalb als Grundregel für ein gutes Betriebsklima gelten, ebenso Antimobbing-Initiativen. Eine stützende Politik müsste sich mehr um Arbeitsmarktmaßnahmen kümmern, die seelische Handicaps berücksichtigen. Das Risiko psychischen Dekompensation könnte so kollektiv ein bisschen aufgefangen werden, es gäbe weniger Frühverrentungen und Hartz IV. Es wäre schön, wenn sich eine gesellschaftliche Lobby des Themas annehmen würde. Der Bedarf ist da.

BARBARA DRIBBUSCH

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