Das Papier, das richtig rockt

ERFINDUNG Für den Druck von Zeitungen müssen Bäume gefällt werden. Nun gibt es einen Ersatz: Wasserlos hergestelltes Papier aus Kalkstein und Abfall. Sogar Milch wird darin abgefüllt

Das Rad der Geschichte dreht sich scheinbar wieder zurück. Die Beamten im alten Mesopotamien ritzten ihre Steuerabrechnungen in Ton und Steine, heute kann man einen Brief ans Finanzamt auf Steinpapier schreiben. Man könnte sogar die taz darauf drucken – es ist nur eine Kostenfrage.

Klingt erstaunlich, ist aber Realität. Zwei Hersteller aus Taiwan und Schweden bieten auf dem internationalen Markt Produkte mit dem englischen Namen „Rockpaper“ an. Es besteht aus Kalkstein, dem weltweit am meisten verbreiteten Rohstoff, sowie den Bindemitteln Polyethylen und Polypropylen. In Steinbrüchen und der Bauindustrie fallen jede Menge Kalkabfälle an, die so recycelt werden.

Der Stein – chemisch Kalziumcarbonat – wird mit bindendem Kunststoff gemischt und zu Granulat geformt, dann weiterarbeitet. Die Kunststoffe können aus wiederverwendeten Plastikflaschen stammen oder auch aus Biomüll hergestellt werden, etwa aus Zuckerrohrabfällen.

Das Endprodukt fühlt sich gut an, ein wenig wie Samt. Es ist weiß wie sein Ausgangsstoff Kalk, biegsam wie normales Papier, aber reißfester. Man kann prima darauf schreiben, ohne größere Folgen Kaffee, Cola und Rotwein drüberkippen und seine Notizen hinterher ins Schwimmbad werfen, ohne dass sie aufweichen. Verbrennen sie, entstehen keine giftigen Gase, nur ein Häuflein Steinpulver bleibt zurück. Lässt man sie im Freien verrotten, zerfallen sie wie Eierschalen.

Unser hoher Verbrauch an Normalpapier hat fraglos umweltfeindliche Auswirkungen. Jeder Bundesbürger verbraucht im Schnitt etwa 235 Kilo Papier im Jahr. Zur Herstellung von einer Tonne Papier müssen gut zwanzig Bäume gefällt, mehr als 5.000 Kilowattstunden Energie und rund 72.000 Liter Wasser aufgewendet werden. Aber ist der Einsatz von Steinpapier eine ökologische Alternative?

Wissenschaftliche Studien dazu gibt es bisher nicht, weder beim Umweltbundesamt noch an deutschen Hochschulen. Eine erste ausführliche, vorsichtig positive Einschätzung vom Juli 2013 zu Steinpapier stammt vom VDI Technologiezentrum, einer Einrichtung des Vereins Deutscher Ingenieure. Tenor: Die Einsparungen beim Holzschlag, Wasserverbrauch, wassergelösten Abfällen und Energie seien erheblich, aber bisher noch nicht wissenschaftlich abgesichert.

Das Unternehmen Lung Meng Technologies produziert in Taiwan und China aus rund 80 Prozent Stein- und etwa 20 Prozent Plastikabfall eine ganze Palette von Gegenständen: Notizbücher, Visitenkarten, Postkarten, Kalender, Briefumschläge, Laternen, Tapeten, Kataloge und sogar Bücher und Zeitschriften. In Deutschland werden sie von der Firma Gaiakraft vertrieben.

In professionellen Druckverfahren verbraucht Steinpapier weniger Farbe. Für Tintenstrahldrucker von Ottilie Normalverbraucher ist es allerdings nicht geeignet, weil es zu wenig Farbe aufnimmt. Und in Laserdruckern rollt es sich bei mehr als 65 Grad auf.

Die schwedische Firma Ecolean produziert ihre „Calymer“-Produkte mit rund 200 Beschäftigen in Helsingborg und im chinesischen Tianjin. Aus etwa 40 Prozent Kalkstein und 60 Prozent Kunststoff stellt sie Milchtüten her sowie Verpackungen für Sahne, Säfte und Joghurt. Laut der Ökobilanz des US-Beratungsbüros Franklin Associates verbraucht die Produktion von Calymer-Kartons im Vergleich zu herkömmlichen Verpackungen ungefähr drei- bis viermal weniger Energie und Treibhausgase. Wasser, Bäume und Bleichmittel werden ganz eingespart.

Inhaber von Ecolean ist ausgerechnet Hans Rausing, der frühere langjährige Chef des Verpackungsgiganten Tetra Pak. Ob Ecolean als Konkurrenz zu Tetra Pak aufgebaut werden soll oder als grün umhauchte Ergänzung, ist nicht ganz klar.

Ecolean beliefert unter anderem das Ökodorf Brodowin, das seine Biomilch in Kalk-Milchschläuche abfüllt. Der leichtgewichtige Kreideschlauch wurde vom Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau getestet. In dessen Zusammenfassung heißt es: „Die innovative Verpackung aus Kreide zeigt ökologische (Rohstoff-)Alternativen auf und schneidet aus Umweltsicht daher auch sehr gut ab. Allerdings kann sie nur verbrannt werden und bedarf einer speziellen Abfülltechnologie.“ Dafür gab es Minuspunkte.

Die Wiederverwertung scheint ein Schwachpunkt zu sein. Altpapier wird in Deutschland größtenteils recycelt, Steinpapier hingegen ist nur zusammen mit Kunststoff wiederverwertbar. Allerdings landen auch deutsche Milchtüten in der Gelben Tonne und nicht in der Altpapiertonne, die Milchindustrie ist sogar der größte Lizenznehmer im Deutschen Dualen System. Steinpapier ist bisher eher eine Ergänzung als ein Ersatz für Normalpapier, wie die Hersteller selbst betonen. Allerdings könnte sich das bei zunehmendem Wasser- und Holzmangel auf der Welt ändern.