portrait

Autokrat mit moderner Fassade

Marokkos König Mohammed VI. mag es sauber, wenn er zu seinen Untertanen reist. Das ist bekannt. Doch diesmal, bei seinem einwöchigen Besuch in El Aaiun, waren die Vorboten des hohen Besuchs noch gründlicher als sonst. Nicht nur Häuser und Bordsteinkanten der Hauptstadt der seit 30 Jahren von Marokko besetzten spanischen Exkolonie Westsahara wurden frisch geweißelt, auch die Bevölkerung wurde gesäubert. Wer im Verdacht stand, mit der Sache der Unabhängigkeitsbewegung Polisario zu sympathisieren, wurde aus der Stadt verfrachtet. Die verbliebene Bevölkerung begrüßte den jungen König stürmisch.

„M 6“ tauften die Untertanen den 42-jährigen, als er 1999 nach dem Tod seines Vaters Hasan II. den Thron bestieg. „M 6“ galt ihnen wie der gleichnamige französische TV-Sender als dynamisch und modern. Der Wandel schien sich abzuzeichnen: Exilanten kehrten zurück, politische Gefangene kamen frei, die bleiernen Jahre der Repression wurden aufgearbeitet. Doch die meisten Hoffnungen waren vergebens. So auch für die Sahrauis. Bei seinem dritten Besuch in El Aaiun ließ „M 6“ keinen Zweifel an der „Marokkanität“. Der Sohn macht dort weiter, wo der Vater aufgehört hat. Jeder Versuch der UN, die Zukunft der Westsahara mit einer Volksabstimmung zu klären, wird vereitelt. Die neueste Idee aus dem Königshaus: Das Gebiet soll Autonomie erhalten und damit endgültig vom Alawitenreich einverleibt werden. Mohammed VI. hofft auf die Unterstützung Frankreichs und der USA. Wer die Besatzung gutheißt, darf an der Küste nach Öl bohren.

Überall in Marokko ist die Enttäuschung über „M 6“ zu spüren. Die soziale Lage hat sich kaum verändert. Während der Monarch mit dem Wassermotorrad über die Weltmeere rast, in Sankt Moritz die Pisten runterwedelt oder in eine französische Luxusdisko jettet, ist das Volk zu Hause so arm, dass die meisten nur wünschen, nach Europa auszuwandern. Auch unter Intellektuellen macht sich Frust breit. Längst ist der Frühling der Freiheiten vorbei. Zeitungen werden verboten, Autoren verhaftet und abgeurteilt. Mohammed VI. behandelt sein Volk inzwischen genauso von oben herab wie sein Vater. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er seinen Sportwagen gern selbst lenkt und auch schon mal an einer roten Ampel hält und Fußgängern den Vortritt gewährt.

Auch in El Aaiun zeigte Mohammed VI. erneut, dass alle Macht vom König ausgeht. Mit einer großzügigen Geste ließ er 37 Sahrauis frei, die erst kürzlich auf Geheiß des Palasts als Terroristen eingesperrt wurden. Ihr Vergehen: Sie hatten friedlich gegen die Besatzung demonstriert. REINER WANDLER