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Verkehrte Welt oder Wahlkampf im Berlusconi-Land

Zwei Worte brachten letzte Woche Silvio Berlusconi aus der Fassung. „Viva Mangano!“ – hoch lebe Mangano! –, rief einer in der protestierenden Menge, die den italienischen Premierminister auf dem Weg zu einer Wahlkampfkundgebung in Genua empfing. Berlusconi stürzte wutentbrannt auf den jungen Mann los, schrie, er selbst sei „eine rechtschaffene Person“, der Rufer dagegen bloß ein „Coglione“, frei übersetzt eine „dumme Sau“.

An Vittorio Mangano will der Regierungschef nicht erinnert werden. Jener Sizilianer hatte in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre als „Stallknecht“ auf dem Anwesen Berlusconis gearbeitet – war aber zugleich einer der führenden Mafiabosse Palermos. Überzeugende Erklärungen zu seiner merkwürdigen Einstellungspolitik hat Berlusconi nie geliefert. Stattdessen tobt er lieber rum, wenn der Name seines Ex-Angestellten fällt.

Und dann machte es der Fraktionsvorsitzende der Linksdemokraten, Luciano Violante, noch schlimmer. Es habe „einen Mafiakreis um Berlusconi“ gegeben, stellte der Oppositionspolitiker fest. Die Antwort folgte auf dem Fuß, vom Parteisprecher der Forza Italia. Violante sei „politisch und moralisch einfach unwürdig“, giftete der, und die Linksdemokraten sollten sich gefälligst beim Premier entschuldigen.

So ist Berlusconi-Land: verkehrte Welt. Nicht der Mann mit den Mafia-Kontakten muss sich rechtfertigen, sondern der, der über die Geschichten redet. Im laufenden Wahlkampf hat Berlusconi die Methode perfektioniert. Man könnte sie kurz so beschreiben: Er schaut morgens in den Spiegel, und was ihm zu sich selbst einfällt, hängt er dann schnell dem Gegner an. „Demokratischer Notstand“ herrsche in Italien, warnt er – nicht etwa wegen seiner erdrückenden Medien-Übermacht. Nein, bloß weil er in Genua von einigen hundert Demonstranten ausgepfiffen wurde. Die seien „von der Opposition organisiert“, behauptete er – der Polizei war bloß bekannt, dass sich ein paar Gymnasiasten und No-Globals zusammengefunden hatten. Und schließlich nannte der Premier die Demonstranten dann noch „squadristi“, faschistische Schläger. Der Vorwurf ist lustig aus dem Munde eines Mannes, der in seine Koalition gleich vier kleine Fascho-Parteien aufgenommen hat.

Genauso funktionierte auch sein Ausfall gegen den Unternehmer Diego Della Valle, der es wagt, Prodi zu unterstützen. Das tue der Schuhproduzent doch bloß, weil er entweder seinen Verstand verloren oder „eine Leiche im Keller“ habe, giftete Berlusconi. Della Valle hat nie vor Gericht gestanden, er kann nicht wie Berlusconi auf eine stolze Liste von zwölf Prozessen blicken, von denen sechs bloß wegen Verjährung mit Einstellung endeten. So spottete denn auch ein Oppositionspolitiker, statt über eine Leiche im Keller verfüge Berlusconi über ein ganzes Gebeinhaus.

Selbst beim Thema Medien gelingt es Berlusconi, ernst dreinzuschauen, wenn er die Zahl „85 Prozent“ nennt – und damit nicht seine fast totale Kontrolle der nationalen TV-Sender meint, sondern die vorgebliche Allmacht der „kommunistischen Journalisten“. Abends geht die weinerliche Klage dann über alle Berlusconi-Kanäle. Selbst eine Meinungsumfrage nach eigenem Gusto erfand sich Berlusconi. Klar: Beim von ihm beauftragten Institut liegt er vorn, im Gegensatz zu allen anderen Erhebungen. Wenn er wirklich am 9./10. April abgewählt werden sollte, lässt sich sein Kommentar schon ahnen: Die Umfrage war richtig – bloß an der Urne haben sich die Wähler geirrt. MICHAEL BRAUN