Nachts, im Hafen

NEUE ROMANTIK Entfremdung in der Disco: Der Band Festland gelingt eine schöne und tanzbare Balance zwischen Distanz und Empathie

Diese Band ist merkwürdig. Ihre Texte stammen nicht etwa von einem der drei Essener Bandmitglieder, sondern von einem Berliner Maler. Fabian Weineckes Lyrics für Festland, die jetzt ihr zweites Album vorlegen, sind ein bisschen wie seine symbolisch aufgeladenen Ölgemälde in der Tradition des Surrealismus: bunt, skurril, melancholisch und von vertrackter Schein-Simplizität.

Das lyrische Ich, das da spricht und dem Thomas Geier und Yoshino mit zarten Stimmen zwischen Pet Shop Boys und Münchener Freiheit zum Ausdruck verhelfen, ist also nicht mit dem der beiden Sänger selbst zu verwechseln. Biografismus ade, Gebrochenheit die fünfte: So weit, so Tocotronic. Dass es nichts Echtes mehr gebe, sondern nur noch zitiert, collagiert und rekombiniert werden könne, weiß heute außer dem Anhänger von gefühlsechtem Wald-und-Wiesen-Folk und dem von Feeling-Stirnfalten zerfurchten Bluesgitarristen jedes Kind.

Auch mit solch deprimierenden Zeilen gerät Festland nicht in die Nähe notorischer deutscher Weltschmerzkapellen

Andererseits sind von der Sprachskepsis der französischen Dekonstruktion inspirierte oder mit Montagetechniken operierende Texte oft ein wenig anstrengend und wie der bildungsbürgerliche Diskurspop Hamburger Provenienz von einer sehr deutschen Variante der Nichtlässigkeit geprägt. Festland dagegen meiden Verkopftheit ebenso wie falsche Naivität.

Weil die Distanz zwischen lyrischem und singendem Ich von vornherein durch das Dazwischenschalten einer bandexternen Instanz gewährleistet ist, können die Texte gut ohne den schlaumeiernden Sound von Cultural-Studies-Referaten auskommen. Zudem lässt der verfremdende Charakter von Musik und Gesang Texte funktionieren, welche gelesen schon mal nach deutschem Schlager klingen können. „Wir sind Matrosen, Matrosen der Liebe / Wir sind Matrosen in der Nacht“, lautet etwa der mit Inbrunst intonierte Refrain von „Nachts bei den Schiffen“ vom stiefmütterlich rezipierten Debüt „An euren Fenstern wachsen Blumen“ (2006).

Der Gesang hält dabei eine perfekte Balance zwischen Distanz und Empathie. Wenig später kippt der Text dann in den Existenzialismus des typischen Festland-Songs: „Wir sitzen des Nachts bei dem Hafen / Und denken daran, dass alles vergeht / Alles ist endlich – auch unsre Liebe / Verlassen zu sein ist unsere Pflicht.“ Um Tod, Verlassenheit und Einsamkeit geht es bei diesen Romantikern oft. Doch gerade aus dem Wissen um die Vergänglichkeit speist sich Lebensbejahung. „Warum müssen alle Blumen sterben? / Warum müssen wir Menschen sterben? / Ich hab noch nicht genug gesehen!“, heißt es im neuen Stück „Warum?“, das die Entfremdung mit morbid fiepsenden Synthies in die Disco bringt.

Dass Festland mit solch deprimierenden Zeilen nicht in die Nähe notorischer deutscher Weltschmerzkapellen mit kajalierten Leichenbittermienen geraten, liegt nicht nur am musikalischen Euphoriegehalt, sondern auch am sanften Textvortrag. Hier wird nicht verzweiflungsvoll geknödelt, sondern mit traurigem, aber unbestechlichem Blick eine Verlustkartografie der modernen Welt erstellt.

Dass Festland dabei nie agitieren, fordern oder anderweitig penetrant Aufmerksamkeit zu erzwingen suchen, sondern auf geradezu kraftwerkeske Weise das Kühle mit dem Charmanten verbinden, ist ebenso ein Alleinstellungsmerkmal wie ihre mit Samples aus Klassik und Minimal Music versetzte und mit organischen Instrumenten erzeugte Tanzmusik.