Falling Man auf Scharhörn

INSELN Zwei Paare und das Begehren: Uwe Timms Roman „Vogelweide“ tappt in die Fallen der bürgerlichen Klischees

So langsam, wie die Insel Scharhörn sich selbst bewegt, drei bis vier Meter im Jahr in Richtung Osten, so langsam bewegt sich auch ihr einziger Bewohner über das sandige Land, in vorsichtigen Schritten, mit wachem Blick für die Natur und für sich selbst. Vogelwart, so heißt sein Beruf; er wohnt in einer kleinen, gegen die Sturmflut gesicherten Hütte; Besuch darf er hier, im Naturschutzgebiet, nur nach ausdrücklicher Genehmigung empfangen; „so viel Bürokratie garantiert die Einsamkeit“. Der Mann, das merkt man sofort, hat etwas hinter sich, etwas hinter sich gebracht, und der Besuch, der sich nun angekündigt hat, eine Frau, steht damit im Zusammenhang. Christian Eschenbach erwartet Anna, die er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hat. Er hält Rückschau. Er liest Don DeLillos „Falling Man“, ausgerechnet. Und er beobachtet.

Uwe Timms neuer Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, bewegt sich auf zwei Handlungsebenen. Die eine, das ist das Hier und Jetzt auf der Insel, sind die Vögel, denen sich der studierte Theologe Eschenbach mit Interesse und präzisem Instrumentarium widmet; das Leben in einem Rückzugsgebiet, das allerdings auch keinerlei Ausflüchte duldet. Das sind die äußerst gelungenen Passagen des Romans. Der zweite, von der Seitenzahl her weitaus umfangreichere Strang erzählt die Vorgeschichte, erzählt davon, wie zwei Paare aus ihrem geordneten Leben herausgerissen werden, weil ihnen das Begehren dazwischenkommt.

Da ist also Christian, Anfang fünfzig, mit seiner jüngeren Freundin Selma. Christian leitet eine Softwarefirma (die, auch das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten, insolvent geworden ist), Selma schmiedet Silberschmuck. Die beiden lernen das Ehepaar Anna und Ewald kennen; auch hier die Berufe in spiegelgleicher Konstellation, er Architekt, sie Kunstlehrerin. Die schematische, brav nach Geschlechtern geordnete Einteilung in weibliche Kreative und männliche Macher ist der erste, aber bedauerlicherweise nicht der einzige Missgriff Uwe Timms. Es wird ziemlich schnell deutlich, dass es darum geht, eine bürgerlich-saturierte Welt mit all ihren Annehmlichkeiten erst in all ihrer Pracht herzustellen, um sie anschließend umso effektiver scheitern zu lassen. Doch ob sich tatsächlich gleich vier derart mit Stereotypen vollgepackte Existenzen finden ließen wie die, die in „Vogelweide“ vorgeführt werden?

Immer steht irgendwo ein Rotwein herum, der geatmet hat oder noch atmen muss

Gepflegter Saab-Oldtimer

Das fängt an mit den Behausungen, Christians umgebautem Loft über den Dächern von Berlin in Hörnähe des Zoos, Ewalds und Annas Haus am Waldrand, und geht weiter mit dem liebevoll gepflegten Saab-Oldtimer und den Bildern der Expressionisten an der Wand. Überflüssigerweise steht bei jeder Einladung auch immer irgendwo ein Rotwein herum, der geatmet hat oder noch atmen muss. Christian und Anna verfallen einander, ohne dass es dafür eine Erklärung gäbe, wann gibt es die auch schon? „Man ist glücklich und will noch mehr“, heißt es an einer Stelle, und Anna stellt, beinahe schon in einem Anfall von Wut, fest, dass ihr nichts fehle in ihrem Leben. „Doch, sagte er, ich. Und sie sagte, ja, du.“ Das sind kleine Glanzlichter.

Es wäre unsinnig, zu bestreiten, dass Timm ein Menschenkenner ist. Doch in „Vogelweide“ stimmt einfach zu vieles nicht, nicht die behäbige, betuliche Sprache, in die sich die Sattheit ihrer Figuren geradezu hineingefressen zu haben scheint, und auch nicht der hochgerüstete Reflexionsapparat, den Timm seiner Geschichte aufgesetzt hat: Viel Theologie ist da im Spiel, die Geschichte von Jonas im Bauch des Wals, die „Wahlverwandtschaften“ selbstverständlich, aber auch Shakespeare und Luhmann und etliche theoretische Erörterungen über das Wesen des Begehrens, die Christian im Auftrag einer sinistren Meinungsforscherin anstellt, die unschwer als die 2010 verstorbene Elisabeth Noelle-Neumann zu identifizieren ist.

All das steht ein wenig unverbunden und unmotiviert in dem Roman herum; sämtliche Charaktere, außer dem Insel-Christian, bleiben schemenhaft fern, und ganz und gar unverzeihlich ist schließlich die aus reinen Klischees zusammengebastelte Tochter Christians aus erster Ehe; eine Bankerin, die über die Last klagt, die die Alten ihrer Generation und der ihrer Kinder (die sie nicht hat) mit ihren Rentenansprüchen aufbürden. Als Kontrast werden ihr Christians linksalternative Hippie-Eltern entgegengesetzt. Wenn das als Satire angelegt sein sollte, so ist es als solche jedenfalls nicht zu erkennen.

Zum Schluss, man darf es verraten, kommt Anna, die alles beendet und hat auffliegen lassen, tatsächlich nach Scharhörn. Da bläst kein Sturm mehr. „Vogelweide“ ist buchstäblich versandet.