So klappt’s auch …

. . .  MIT DEN ESSENSVORRäTEN

VON JANA TASHINA WÖRRLE
(TEXT) UND ELÉONORE ROEDEL (ILLUSTRATION)

Pasta muss al dente sein, zur Not besser zu klebrig als matschig. Dazu Pesto – möglichst das rote. Lecker. Und dann doch immer wieder dasselbe: „Kühl lagern und innerhalb von 14 Tagen aufbrauchen“, mahnt das Etikett.

Erstes übernimmt der Kühlschrank, Zweites die Mülltonne, weil ich es immer wieder vergesse. Die Folge: Wochen später entdecke ich schöne Schimmelblüten im leckeren Pesto rosso und werfe es weg. Ähnliches geschieht immer wieder, nach der Heißhungerattacke auf frisches Obst, wenn mich Erdbeeren, Kirschen und Aprikosen gleichzeitig auf dem Wochenmarkt anlachen. Wenn ich dann zu Hause alles auspacke und feststelle, dass das ganze leckere Obst bereits verzehrpflichtig ist, schwindet die Lust. In den kommenden Tagen schluckt die Restmülltonne das Übriggebliebene, matschig Unlustvolle. So reihe auch ich mich ein in die Riege der Lebensmittelwegwerfer – über 80 Kilogramm Essbares wirft jeder Deutsche pro Jahr in den Müll.

In den kommenden Tagen schluckt die Restmülltonne das Übriggebliebene, matschig Unlustvolle

Fressen und Moral

Die BürgerInnen kaufen zu viel, lassen sich von Lockangeboten ködern, ohne Gedanken an den eigentlichen Wert des Produkts und die Folgen für die Umwelt. Bei Sebastian Ludwig ist es die Cola, die er so gern trinkt und für die er auch finanzielle Opfer bringt. „Ich kaufe mir manchmal eine Halbliterflasche und zahle dafür mehr als für die 1,5 Liter“, sagt Ludwig und will damit erklären, dass die Verhältnisse nicht mehr stimmen. Großpackungen – erst kommt das Fressen und dann die Moral. Dabei landet am Ende doch wieder vieles davon im Müll. Und das sei mehr, als viele denken, sagt Ludwig, der viel Wert darauf legt, sich eben doch Gedanken zu machen. Er arbeitet bei der kommunalen Abfallverwertung in Ludwigsburg und hat mitgeholfen das Respect Food Portal ins Leben zu rufen – eine von zwölf Initiativen des EU-Projekts GreenCook. Hier bekommt man Tipps, den eigenen Lebensmittel-Müllberg zu schmälern: planvoll einkaufen, nicht alles sofort wegwerfen, das über dem Mindesthaltbarkeitsdatum ist, und Reste einfrieren, statt im Kühlschrank ein Eigenleben entwickeln zu lassen. „Die klassischen Ratschläge sind für die meisten nichts Neues, aber kaum jemand macht sie sich bewusst“, sagt der Profiverwerter.

Der einfachste Weg, genau das zu ändern: Tagebuch schreiben – alle Einkäufe samt Kosten und Gewicht der Lebensmittel und alles, was im Mülleimer landet, notieren. Euphorisch erstelle ich einen Account fürs Onlinetagebuch beim Respect Food Portal, mit vorgefertigen Tabellen und Auswertung per Tastendruck. „Für die meisten ist die Erkenntnis erschreckend, wenn man die Mengen sieht – in Kilogramm und Euro“, sagt Ludwig. Allein dieses Bewusstmachen könne 60 Prozent der Lebensmittelabfälle im eigenen Haushalt vermeiden.

Auch meinen Heißhunger auf leider schnell verderbliches Obst kann ich in den Griff bekommen und nicht nur, indem ich mich mit Einkaufzettel oder täglichem Einkaufen zügle. Wenn man doch mal nicht alles gleich frisch aufessen kann und die Lebensmittel schon fast wieder zu leben beginnen, sollte man sich auf die Suche nach alten Rezepten begeben. Saft pressen und Mus kochen, Suppe aus hartem Brot oder ein Auflauf aus allem, was wegmuss – Käse drüber, fertig.

War das Verwerten und Aufessen früher selbstverständlich, scheinen wir es heute wieder lernen zu müssen. Sind unsere Lebensmittel einfach zu günstig? Sebastian Ludwig will sich da nicht festlegen, schließlich gebe es in Deutschland auch viele Menschen, die auf die günstigen Angebote angewiesen seien. Doch auch er gesteht, dass die teure Wildschweinsalami aus dem Bioladen bei vielen nicht so schnell in der Restmülltonne landet wie die Wiener vom Discounter. Bei Fleisch sei das besonders schlimm, weil für dessen Herstellung auch extrem viel Energie und andere Ressourcen verbraucht wurden. Es geht wieder ums Bewusstmachen.

In mir reift die Erkenntnis, dass ich Nudeln mit Pesto nur noch dann koche, wenn andere mitessen. Was aufgegessen ist, muss ich nicht einfrieren, weiter verwerten oder gar am Ende wegwerfen. Auch dafür gibt es übrigens ein passendes Onlineportal. Auf foodsharing.de kann jeder Lebensmittel oder fertige Gerichte anbieten, die übrig sind, und sie so vor der Mülltonne bewahren. Spätestens vor dem nächsten Urlaub, wenn der Kühlschrank mal schnell geleert werden muss, werde ich es ausprobieren.

Bis dahin schreibe ich also weiter fleißig an meinem Kühlschranktagebuch.