Leben auf den Trümmern der Hoffnung

AUSSTELLUNG Im Mai 1945 wurden in Berlin etwa 8.000 jüdische Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung befreit. Einige von ihnen blieben in der Stadt, womit kaum jemand gerechnet hatte. Von den „Juden im befreiten Berlin“ erzählt nun eine Ausstellung im Centrum Judaicum

VON SEYDA KURT

Der Orthopäde Erich Cohn blieb. Nachdem er sein Medizinstudium in Italien abgeschlossen hatte, war er gefangen genommen und mit anderen italienischen Juden 1944 nach Auschwitz deportiert worden. Er überlebte. Kurz nach der Befreiung lernte er Nelly Lescheczer kennen, die ebenfalls das Konzentrationslager überstanden hatte. Das Paar suchte nach Überlebenden, zuerst in Nellys Heimatort Oradea, im heutigen Rumänien, jedoch erfolglos. Sie beschlossen, in Erichs Heimatstadt Berlin zu gehen, in der Hoffnung, dort Erichs Eltern zu finden.

Tatsächlich waren seine Eltern aus dem Konzentrationslager Theresienstadt zurückgekehrt. Das junge Paar blieb, Erich eröffnete später eine Praxis als Facharzt für Orthopädie in Friedrichshain. In der Stadt mangelte es an medizinischen Fachkräften, daher hatte er großen Erfolg.

Die Geschichte von Erich Cohn wird in der Ausstellung „Bleiben?! Juden im befreiten Berlin“ erzählt, zu sehen ist sie im Rahmen der Jüdischen Kulturtage im Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße. Es ist eine kleine, überschaubare Ausstellung, die der Komplexität des Themas, der Situation von Juden in der Stadt nach 1945, trotzdem gerecht zu werden versucht. In 15 Stationen werden den Besuchern acht exemplarische Lebensgeschichten von Menschen gezeigt, die sich entscheiden mussten: Sollen sie in Berlin bleiben oder emigrieren? Die biografischen Stationen sind auf Holzkisten angebracht, die nicht nur praktisch sind, da es sich um eine Wanderausstellung handelt, und so der Transport einfacher zu bewerkstelligen ist. Die Holzkisten sind auch ein Motiv der Reise: Die jüdischen Flüchtlinge mussten aus der Kiste leben, während und auch nach dem Krieg, sie dienen als Zeichen für ihre provisorische Lage und die Unsicherheit über das, was kam.

Auch Siegmund Weltlinger etablierte sich erfolgreich wieder in Berlin. Anfang 1943 ging der Berliner Geschäftsmann in den Untergrund und lebte bis zur Befreiung im Versteck. Nach dem Krieg setzte die Sowjetische Militäradministration den Magistrat ein, zu dem ein Beirat für kirchliche Angelegenheiten gehörte. Weltlinger wurde Referent für jüdische Angelegenheiten, außerdem Vorsitzender der Deutschen Liga für Menschenrechte und später Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses für die CDU.

Aber viele andere wollten nicht weiter in Berlin leben. Bis 1949 verließen Hunderte Gemeindemitglieder Berlin und emigrierten in die USA oder nach Palästina/Israel. Einer, der ging, war Hans-Erich Fabian. Der Rechtsanwalt und Journalist war zwar der Auffassung, dass sich die jüdische Gemeinde trotz der geringen Zahl ihrer Mitglieder in Berlin weiter um diejenigen kümmern sollte, die nicht gehen wollten oder konnten. Er selbst emigrierte 1949 in die USA und schrieb: „Wer will es diesen Menschen verdenken, wenn sie jetzt nicht über sich bringen können, auf den Trümmern ihrer Hoffnungen ein neues Leben zu beginnen, sich in den Ruinen ihres Glückes wiederanzusiedeln?“

Eine weitere Lebensgeschichte, die zeigt, wie schwer das Leben für die Berliner Juden auch nach der Befreiung war, ist die Geschichte der Tänzerin Ellen Rathé. Nachdem sie 1940 zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde, erkrankte sie an schwerer Lungentuberkulose. Eine Amtsärztin erklärte sie daraufhin für transportunfähig, was sie vor der Deportation rettete. Ihre langjährige nichtjüdische Lebensgefährtin Deta Gahrmann gab Ellen Rathé später als ihre Cousine aus und besorgte ihr Ausweispapiere. Nach der Befreiung ging es den zwei Frauen wirtschaftlich sehr schlecht. Überleben konnten sie nur mittels der Opferrente, die Ellen bezog. Sie blieb wohl auch aus Liebe zu Deta in Berlin.

Doch nicht nur die wirtschaftlichen Probleme machten den beiden Frauen zu schaffen. Sie hatten gemeinsam viel Leid ertragen und sich gegenseitig das Leben gerettet. Doch sich zu ihrer Liebe bekennen konnten sie auch nach der Befreiung nicht. Ihre homosexuelle Beziehung hätte man nicht akzeptiert. Es sind wenige kleine, aber wichtige Dokumente und Objekte, die den Besuchern einen Einblick in das Leben der Überlebenden geben sollen: etwa ein Schmähbrief, den Siegmund Weltlinger erhielt, einer von vielen; die kleine goldene Medaille, von der DDR für treue Dienste im Gesundheits- und Sozialwesen, verliehen an Erich Cohn. Wie schwer muss es Erich Cohn gefallen sein, Patienten der älteren Generation unvoreingenommen zu begegnen. Denn die meisten Täter waren noch auf freiem Fuß. Es verging wohl kein Tag, an dem man ihnen nicht auf der Straße begegnete. In einem Artikel aus der Zeitschrift Der Weg können die Besucher der Ausstellung etwa lesen, wie ehemalige Häftlinge aus Auschwitz bei einer Vorstellung im Metropol-Theater in der Schönhauser Allee die ehemalige Arbeitsdienstführerin Herta Dommann erkannten: „Sie wurde sofort an die Kriminalpolizei übergeben. Die Dommann zeichnete sich in Auschwitz durch besondere Grausamkeiten aus.“

Das von den Nationalsozialisten ausgegebene Ausweisdokument für Juden wurde auch nach der Befreiung verlängert. Sie mussten also das Papier ihrer Diskriminierung weiter mit sich führen. Auf der anderen Seite beinhaltet die Ausstellung ein kleines Werbeschild: „Davidsterne (Anstecknadeln) sind hier zu haben. Der Überschuss fließt der Wohlfahrtkasse der Jüdischen Gemeinde zu.“ Das Zeichen, das während der NS-Zeit zu ihrer Erniedrigung diente, wurde nach dem Krieg als Zeichen des Stolzes und der Identität von der jüdischen Gemeinde getragen.

Die Lebensgeschichten der in der Ausstellung Porträtierten zeigen, dass ihre Entscheidung weniger eine für oder gegen Berlin war. Es war eine Entscheidung, die sich auf vielschichtigere Überlegungen gründete. Die Wiedergutmachung in Form einer Entschädigungszahlung für körperliche Schäden, Benachteiligung im Beruf und Verlust von Eigentum war für manche Juden praktischer Grund zu bleiben. Doch viel wichtiger als die materielle Entschädigung war die Hoffnung auf Anerkennung ihrer Verfolgung und darauf, dass sich die Täter bekennen würden. Siegmund Weltlinger war derjenige, der sich am schnellsten und ganz bewusst dafür entschied zu bleiben. Er hatte, genau wie Erich Cohn, beruflich Erfolg. Seinen hohen sozialen Status wollte er nicht verlieren. Weltlinger hatte im Untergrund aber auch Unterstützung von Nichtjuden erfahren. Er glaubte noch an Berlin.

■ Bis 27. Oktober