Die Punks der Weimarer Republik

DELINQUENZ Ernst Haffners wiederveröffentlichter Roman „Blutsbrüder“ ist für die radau-kommunistische Berliner Jugendkultur von 1932, was „Christiane F.“ für die Subkultur von Westberlin war: ein drastischer Blick auf das Leben der Ausgegrenzten

„Rosenthaler Platz, Mulackstraße, dann in die Rückerstraße. Hinein in die Stammkneipe aller Cliquen rund um den Alexanderplatz, in die Rückerklause. Trotz der frühen Stunde ist die Klause voller Gäste. Sie ist mehr als eine bloße Kneipe. Sie ist eine Art Zu Hause für den, der es nicht hat. Lärmende Lautsprechermusik, lärmende Gäste“, schreibt Ernst Haffner in „Jugend auf der Landstraße Berlin“. Der 1932 publizierte Roman war jahrzehntelang vergessen, jetzt ist er unter dem Titel „Blutsbrüder“ vom Berliner Verlag Metrolit wiederveröffentlicht worden.

„Blutsbrüder“ ist ein faszinierendes Buch. Sein Verleger Peter Graf meint zu Recht, es sei ein Text, „der so in der deutschen Literatur nur sehr selten zu finden ist“. Als der Roman erschien, schrieb Siegfried Kracauer begeistert, Haffners Schilderungen beruhten spürbar auf eigener Anschauung und brächten „das hier und dort Erlebte auf den Nenner einer Fabel, die uns zwanglos durch das unterirdische Großstadtlabyrinth führt“.

„Blutsbrüder“ ist der Name einer Clique Berliner Jugendlicher, die vom „Cliquenbullen“ Jonny angeführt wird. Er ist 21 und sorgt, so gut es geht, für seine acht Jungs, 16 bis 19 Jahre sind sie alt. „Einige sind aus der Fürsorgeanstalt geflüchtet. Ihre Geburt, ihre früheste Jugend fiel in die Zeit des Ersten Weltkrieges und seiner Nachkriegszeit. Schon als sie ihre ersten o-beinigen Gehversuche machten, waren sie sich selbst überlassen. Vater war im Krieg oder stand bereits auf der Verlustliste. Und Mutter drehte Granaten oder hustete ihre Lunge in den Pulver- und Sprengstoffabriken zentigrammweise aus.“

In den Jahren nach der Weltwirtschaftskrise zählen die Blutsbrüder zum „Hungerheer der sechs Millionen“, gemeint sind die Arbeitslosen. In Berlin leben Tausende Jugendliche auf der Straße. Die „schlesische Olga“ lässt manchen Jungen auch übernachten, wenn er die vier Groschen für den Strohsack in ihrem schimmligen Hinterzimmer nicht bezahlen kann. Dafür muss er im Bett der alten Frau schlafen. Wenn es kein Geld für eine Übernachtungsgelegenheit gibt, wandern die Blutsbrüder durch die Straßen und schlafen morgens auf den Bänken der Wartehalle der Erwerbslosenhilfe, im Jargon „Ewige Hilfe“ genannt.

Sie dösen in überfüllten und rauchgeschwängerten Etablissements in der Spandauer Vorstadt vor sich hin. Dort wärmen sich Kleinkriminelle und Obdachlose mittels Koks (Rum mit einem Stückchen Zucker) und Korn mit’n Punkt (Kümmel mit einem Tropfen Himbeer) auf. „Hinten in einer der Nischen der Rückerklause sitzt ein blutjunger Cliquenbursche auf dem Schoß eines benebelten Freiers. Zwei Kameraden des Burschen spazieren vor der Nische auf und ab und rufen ihrem Kumpan ein aufmunterndes Zieh, Schimmel, zieh!’ zu. Zieh deinem Freier die Brieftasche und steck sie uns zu.“ Haffner scheint die Szenerie, die er beschreibt, genau studiert zu haben.

Die Jugendlichen prostituieren sich, dabei träumen sie von romantischem Sex, für den es keinen Platz gibt in den überfüllten Wohnungen der Armen und den Fürsorgeanstalten, in die man sie steckt. „In der Anstalt aber, die der drohenden Verwahrlosung ein Ende bereiten soll, hören und lernen die Zöglinge von den Kameraden, wie man am gefahrlosesten zu Geld kommt. Wie man mit den einfachsten Mitteln Nachschlüssel anfertigt, wie und wo man in Berlin auf den Strich geht.“ Wer aus der Fürsorge flieht, hat keine Papiere und kaum eine Möglichkeit, legal zu Geld zu kommen. Mündig werden die Jugendlichen erst mit 21.

Systematisch gebrochen

„Blutsbrüder“ erzählt spannend von linker Jugendkultur kurz vor der Machtergreifung der Nazis 1933

Haffners Roman entpuppt sich schnell als Anklageschrift gegen das Diszplinarregime der Fürsorge. In den Anstalten werde „systematisch jede Regung einer Individualität grausam zerstört“, schreibt er. Wie aktuell diese Anklage auch 80 Jahre später ist, wird in den jüngsten Berichten über ostdeutsche Fürsorgeanstalten deutlich, die sich wie Beschreibungen aus Folterkammern lesen, in denen schwer erziehbare Jugendliche mit brutalen Disziplinierungsmaßnahmen und Psychopharmaka systematisch gebrochen werden. Ganz so, als hätte es die Debatten um menschenwürdige Behandlung gerade von sogenannten Schutzbefohlenen seit den Sechzigern nicht gegeben.

Haffner beschreibt das Leben der aus den Fürsorgeanstalten Entkommenen meist nüchtern und mit Empathie für die jungen Leute. Immer wieder aber verfällt er einer Drastik, die dem Leser als „authentisch“ durchgehen mag, die aber, je genauer man hinsieht, problematisch erscheint. Der Initiationsritus der Blutsbrüder etwa besteht darin, vor versammelter Mannschaft innerhalb einer Stunde viermal den Geschlechtsverkehr bis zum Orgasmus durchzuführen. Wilde Orgien werden gefeiert. Wegen ihrer elenden Situation verwandeln sich die Blutsbrüder langsam, aber sicher in eine kriminelle Gang, die berufsmäßig Taschendiebstahl betreibt und Autos knackt.

Dass Kracauer „Blutsbrüder“ als „Fabel“ bezeichnet hat, erscheint so in einem anderen Licht. Und wenn der Rezensent des Simplicissimus freimütig gestand, man lese den Roman „mit Gier und Spannung, wie man ehedem Räuber- und Indianergeschichten gelesen hat“, dann wird deutlich, dass Haffner seiner bürgerlichen Leserschaft nicht nur nüchtern Aufklärung über die Verhältnisse, sondern mit expliziten Darstellungen von Sex and Crime einen wohligen Schauer verschafft hat.

Auch Hellmut Lessing und Manfred Liebel haben das bemerkt. 1980 erschien ihre Studie über die „Wilden Cliquen“ der dreißiger Jahre. Mit ihr versuchten die beiden Soziologen, erstmals Einblicke in eine „verschüttete, andere Arbeiterjugendbewegung“ zu geben. Bei aller Sympathie für Haffners Blick auf die Ausgegrenzten attestierten Lessing und Liebel seinem Text „journalistische Pseudoauthentizität“ und zogen den treffenden Vergleich mit „Christiane F.“. Haffner interessiere nicht „die Alltäglichkeit dieses Jugendlebens, sondern die Ausgrenzung der Ausgegrenzten“, lautete ihre Analyse. Denn die Wilden Cliquen, die es um 1930 herum in großer Zahl gab, waren in erster Linie eine jugendliche Subkultur. Bis zu 600 sollen es in Berlin gewesen sein. Die meisten von ihnen waren proletarisch und links orientiert, „radaukommunistisch“, wie sie ein Beobachter nannte. Die wenigsten waren kriminell.

Wald- und Wiesenpenner

Die Wilden Cliquen gaben sich Namen wie „Schwarzflaggen“, „Modderkrebs“ oder „Wald- und Wiesenpenner“. Wenn sie im Berliner Umland wanderten oder auf den Straßen und Plätzen der Arbeiterviertel herumhingen, hatten sie grünweiße Fahnen mit ihren Emblemen dabei. Sie machten mit Pauken, Gitarren und Mandolinen exzessive Marschmusik. Dazu sangen sie wüst zusammengesampelte Texte. Die Wilden Cliquen waren die Punks der späten Weimarer Republik.

Trotz seiner fabulösen Überspitzung sexueller Delinquenz ist „Blutsbrüder“ ein so erhellender wie spannender Roman über die Zeit kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die der linken Jugendkultur mit der Hitlerjugend Konkurrenz machen wollten. Von heute aus gelesen erscheint die Clique, die Haffner beschreibt, als Metapher für eine Gesellschaft, die hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch nach Individualität und Unabhängigkeit und dem Bedürfnis nach einem Führer, der sie aus der wirtschaftlichen Unsicherheit führt.

Jonny, den Cliquenbullen der Blutsbrüder, beschreibt Haffner so: „Das starke Kinn, die hervorstehenden Backenknochen wirken etwas brutal, zeugen wenigstens von Willenskraft. Seine Rede ist klug und wohlgesetzt, fast dialektfrei, und beweist, dass er jeden in der Clique geistig überragt.“ Damit steht er im Gegensatz zu Ulli, der bald ohne Clique dasteht. „Ulli ist kein Führer, wie der Cliquenbursche ihn braucht und haben will. Geistige Überlegenheit besitzt er nicht. Das empfindet jeder Junge in seiner Primitivität instinktiv und fühlt sich zu solcher Führung nicht hingezogen.“

Haffners Roman ist im selben Jahr erschienen wie Karl Aloys Schenzingers „Der Hitlerjunge Quex“. Dessen Protagonist findet die Wilden Cliquen abstoßend. Er sehnt sich nach Ordnung. Während Schenzinger nach dem Krieg als Arzt praktizierte, populärwissenschaftliche Bücher schrieb und mit 76 starb, ist über das Leben Ernst Haffners fast nichts bekannt. Er hat bis 1933 in Berlin gelebt und als Journalist gearbeitet. Die Nazis verbrannten seinen Roman zusammen mit Tausenden von anderen „schädlichen und unerwünschten Büchern“. Ende der Dreißiger wurden Haffner und sein Lektor von der Reichsschrifttumskammer einbestellt. In den Kriegsjahren verliert sich seine Spur.