PETER UNFRIED über CHARTS

Der letzte Rock ’n’ Roller

Wie wir wurden, was wir sind: Eine sehr kurze Geschichte eines deutschen Lebens im Widerstand

Durch Deutschland fuhr ein Zug, und zwar auf denselben Schienen, die einst Adolf Hitler benutzt hatte. In dem Zug saßen Kinder. Die Schuluniformen wiesen sie als Gymnasiasten aus. Obwohl es erst dreißig Jahre her war seit Kriegsende, war es laut und lustig in dem deutschen Abteil. Aber da quietschte die Tür, und herein trat ein kleiner Mann. Er trug eine blaue Uniform, eine Himmler-Brille und eine Zwicke. Er brüllte: „Ruhe!“ Er wolle jetzt nichts mehr hören in diesem Abteil, nicht einmal mehr „an Don“ (einen Ton). Sonst würde es furchtbar enden. Das Abteil stand stramm. Obwohl er fränkisch redete. Alle hatten Angst. Existenzielle Angst. Am meisten ich. Noch tagelang zitterte mein Schulranzen auf dem Rücken.

Man muss das im geschichtlichen Zusammenhang verstehen: Meine Eltern wurden in einen Krieg hineingeboren (in Schwäbisch Gmünd), der furchtbar endete. Meine Großeltern waren in einen Krieg hineingeboren worden (bei Schwäbisch Gmünd), der furchtbar endete. Ich selbst wurde in einem Spätflüchtlingslager geboren und getauft, nahe der Oder-Neiße-Grenze (in Schwäbisch Gmünd). Das Untertanentum des Kaiserreichs wirkte über das Dritte Reich in das baden-württembergische Filbinger-Reich hinein. Es waren quälende Prozesse, bis das Poster des US-amerikanischen Rock ’n’ Rollers Leif Garrett („I was made for dancing“) endlich in meiner Zelle aufgehängt werden durfte (statt Uwe Seeler, wie Eltern und Partei das wollten).

Heute mag das seltsam scheinen, aber man muss auch bedenken, dass unsere traumatisierte Vorgeneration gerade noch selbst für Widerstand aufgehängt worden war. Außerdem hat man in Schwäbisch Gmünd bis heute nichts von Willy Brandt mitgekriegt, sondern geht davon aus, dass Kiesinger die Wahl damals nicht nur gewonnen hat, sondern danach auch eine CDU/FDP-Regierung bildete, wie sich das ja gehörte, bevor Oettinger kam. Wenn man schon seltsamerweise keine absolute Mehrheit hat. Für mich war Schwäbisch Gmünd schnell erledigt. Außerdem zogen meine Eltern weg. Was hätte ich allein da tun sollen? Es folgten die großen antibürgerlichen Rebellionen der 80er (Kunstlederjacke, Status-Quo-Aufnäher, Reserveoffizier). Ich will hier nicht übertreiben, aber meine Verweigerung einer unangesagten und völlig irregulären Wörterarbeit in Französisch trug sicher wesentlich dazu bei, die totalitären, antidemokratischen Führerinnenfantasien der Lehrerin zu entlarven – und damit die enorme Verkrustung meines Gymnasiums aufzubrechen. Spätetens als meine Nachbarin öffentlich machte, dass ich im Vollsuff rituell und konsequent in ihren Garten kotzte, war wohl dem Letzten klar, was ich von dieser Gesellschaft hielt.

Tja, und kaum dreißig Jahre nach dem eingangs geschilderten Zugerlebnis sitze ich in meiner Dachgeschoss-Maisonette vor dem eingebauten Kamin, blättere abwechselnd in Sternes „Tristram Shandy“ und Ulrich Greiners „Leseverführer“, rülpse, streiche mir über meine seltsam rötliche Nase und lächle über die Sorge mancher alter Mitkämpfer, ihre mögliche Bürgerlichkeit oder Angepasstheit betreffend. Die Wahrheit ist: Ich sehe vielleicht fett und bräsig und müde aus. Aber ich bin noch genauso unangepasst und unbequem und mündig wie damals als Vizeschulsprecher.

Wehe, irgendeiner tut was oder führt neoliberale Floskeln wie „Verantwortung“ oder „Leistung“ im Mund. Da gehe ich dazwischen. Da rebelliere ich. Da zähle ich mit, wie oft er diese Worte sagt. Das ist Entlarvung und Widerstand heute. Und Rock ’n’ Roll.

Würde unser Pfarrer heute den Ministranten neben mir zusammenschlagen, könnte ich mir vorstellen, ihm zu sagen, dass das so aber nicht geht. Vor allem aber müssen die Schaffner heute vor MIR Angst haben! Große, große Angst.

Und wem verdanke ich diese Entwicklung? Genau: Fischer und Schröder. Dutschke und Cohn-Bendit. Und mir. Alles wieder nur Männer. Typisch.

Die Charts im März

Pop: „Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh“ – Thommie Bayer

Buch: „So macht Kommunismus Spass!“ – Bettina Röhl

Fußball: Jens Lehmann. Kandidat für Englands „Fußballer des Jahres“

Fragen zum Widerstand? kolumne@taz.de MORGEN: Adrienne Woltersdorf OVERSEAS