Punk-Mädchen treffen Italo-Machos: Die Comic-Autorin Ulli Lust hat ein starkes Werk von Aus- und Einbruch zweier Mädchen gezeichnet: "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens".von ANDREAS FANIZADEH

Ulli und Edi in Italien. Szene aus "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens". Bild: ulli lust
Es ist so: Gesellschaften, die zu viel verbieten, erzeugen oft eine eruptiv aufblitzende, blindwütige Gewalt. Noch in den 80er-Jahren war Europas Süden von einer katholischen Sexualmoral geprägt, die bis in die heutige USA hinein den Stoff für Mafia-Geschlechtsparodien wie "Die Sopranos" liefert. 1984 reiste die Österreicherin Ulli Lust als junges Punkmädchen von Wien nach Italien. Ohne Geld, mit einer Freundin bis nach Sizilien. Was sie auf ihrer zweimonatigen Reise erlebte, schildert sie in der Comicreportage "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens."
Der Titel gibt die existenzialistische Grundstimmung wieder, von der Ulli und ihre Freundin Edi 1984 erfasst sind: Mach ausschließlich das, was du willst und fürchte dich nicht! Die zwei halten den Daumen in den Wind auf der Suche nach etwas Besserem als Österreich. Ulli Lusts schnell und skizzenhaft hingeworfene Bleistiftzeichnungen sind das ideale Medium, um die Geschichte dieser zwei selbstbewussten Tramperinnen zu erzählen. Mädchen, die die Grenzen nicht nur geografisch überschreiten, sondern die auch ohne um Erlaubnis zu bitten, sich nehmen, was sie wollen. Und so neben dem Interesse auch den Zorn dominanter Männerwelten herausfordern.
Ulli und Edi ziehen zu Fuß über die Alpen - ohne Papiere. Die Berge sind hoch, die Nächte dunkel, die Wälder ungeheuer. Irgendwie schaffen sie es, schlafen in leeren Hütten. Der Beginn ist von Ulli Lust durchaus heroisch erzählt, die zwei Frauen selbstbewusst und unverklemmt dargestellt: Her mit dem schönen Leben! Von der Haltung mag das an Rocko Schamonis "Dorfpunks" erinnern, nur eben aus weiblicher Perspektive. Was das für einen Unterschied bedeuten konnte, wird rasch deutlich.
Die egalitär denkenden Punk-Mädchen schließen auf Italiens Straßen Bekanntschaften. Ihr Punksein soll sie vor falschen Freundschaften schützen. Doch im Süden gibt es zu dieser Zeit keine Punks, außer wenigen Ausländern. Frauen sind kaum öffentlich, sollen jungfräulich in die Ehe schreiten. Ein christliches Afghanistan, wo sich die Mafia von den Talibans dadurch unterscheidet, dass sie ihre Doppelmoral offensiv auslebt. In Norditalien freuen sich Ulli und Edi noch: Bettler werden geachtet, Brunnen haben Trinkwasserqualität und Autos halten, wenn Fußgänger die Straße überqueren. Doch die männliche Hilfs- gleicht einer permanenten Fickbereitschaft.
Ulli Lust erzählt die Geschichte ihrer Jugendreise, ohne Verrat an sich und ihren damaligen Idealen zu begehen. Und das ist für die Größe dieses vielschichtigen, selbstironischen Werkes entscheidend. Da ist keine falsche Anklage, kein moralinsaures Geschlechtsverallgemeinern. Ulli denunziert auch nicht Edi, deren Leidenschaften sie nicht teilt. Die Autorin geriet als jugendliche Idealistin mangels Erfahrung in Situationen, die sie nicht voraussehen konnte, aber dennoch zu bewältigen verstand. Das beweist dieses Buch. Nichts zu riskieren ist keine Alternative.
Freiheit und Enge liegen nahe beieinander. Ulli Lusts Geschichte enthält große poetische, aber auch brutale, verbrecherische Momente. Dennoch verharren ihre Heldinnen nie in Passivität oder Opfertum. "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" sind 450 starke und selbstbewusste Comicseiten, berührend und spannend. Aufklärung, die nicht hinter Punk zurückfällt.
Laufen deutsche Journalisten Gefahr zu heucheln, wenn sie über Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan schreiben? Eine Pro & Contra im Vorfeld des ESC. von J. Feddersen & S. Niggemeier

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

NRW hat gewählt. Die taz hat sich mal angeschaut, wie kreativ die Parteien waren und was das über die KandidatInnen aussagt.

„Verspätet“ – in Berlin trifft das nicht nur einzelne Flüge, sondern ganze Flughäfen. Und was passiert nun in der Hauptstadt?

Leserkommentare
29.12.2009 16:19 | Lukas
Schade, dass es in den bisherigen Kommentaren nicht um den wirklich tollen Comicroman geht, sondern um eine blöde Begriffli ...
28.12.2009 13:29 | Chrischan74
Mafiosi sind Verbrecher, nur bin ich gespannt, wie lange man das im Rahmen der Political Correctness noch sagen darf und es ...
26.12.2009 17:07 | free.jamal-juma.abdulla-ramah.mohammed-othman
>> Verharmlosung der Taliban ... ...