Drei Schüsse im März

Vor 75 Jahren ermordete die SA den KPD-Bürgerschaftsabgeordneten Ernst Henning. Seinem Sarg folgte 35.000 Demonstranten

Am Abend des 14. März 1931 fand in Kirchwerder eine Veranstaltung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) mit Bauern statt. Eigentlich sollte dabei der Bürgerschaftsabgeordnete Etkar André sprechen, der aber verhindert war. Sein Freund und Fraktionskollege Ernst Henning übernahm das Referat, begleitet von dem KPD-Mitglied Louis Cahnbley.

Nach Ende der Zusammenkunft gingen die beiden zur Nachtbushaltestelle. An der Haltestelle Fünfhausen bestiegen einige Männer hinzu. Als das Fahrzeug weiterfuhr, sprang der vor Cahnbley sitzende Fahrgast auf, packte ihn und brüllte: „Du bist der Kommunistenführer André, du wirst jetzt totgeschossen!“ Zwei weitere Männer erhoben sich, richteten Waffen auf Cahnbley. Ernst Henning rief: „Das ist doch gar nicht André!“ Die Angreifer wandten sich an den Bürgerschaftsabgeordneten und fragten, wer er denn sei. Henning nannte seinen Namen, woraufhin ihn einer der drei anschrie: „Dich suchen wir schon lange!“

Henning brach unter den Schüssen tot zusammen. Louis Cahnbley sollte eine Pistolenkugel treffen, das Mündungsfeuer versengte sein Auge. Die Attentäter zwangen die Passagiere auszusteigen. Der Fahrer konnte mit dem Toten und Cahnbley – der sich tot gestellt hatte – zur Polizeiwache in Rothenburgsort fahren. Die Beamten brachten beide in das Gebäude. Ein Gerichtsmediziner stellte drei Einschüsse in Hennings Körper fest. Cahnbleys verletztes Auge erblindete und musste später entfernt werden.

Einer der drei schrie ihn an: „Dich suchen wir schon lange!“Es gab den Verdacht, dass die SA-Führung das Verbrechen vorbereitet hatte

Der am 22. Oktober 1892 in Magdeburg geborene Ernst Henning hatte nach dem Schulbesuch das Formerhandwerk erlernt. Er trat der Gewerkschaft bei und wurde noch vor dem Krieg SPD-Mitglied. 1918 nahm er seinen Wohnsitz in Bergedorf, wo er dem Arbeiter- und Soldatenrat angehörte. Inzwischen Mitglied der USPD, trat er 1920 mit dem linken Flügel der Organisation der KPD bei. Am „Hamburger Aufstand“ vom 23. Oktober 1923 beteiligte er sich in Bergedorf, flüchtete dann in die Niederlande und lebte später illegal in Deutschland. Nach seiner Verhaftung im Jahre 1924 verurteilte ihn das Hamburger Landgericht als einen der „Rädelsführer“ des Aufstandes zu vier Jahren Festungshaft. Anfang 1927 wurde er amnesiert und zog im Februar als Nachrücker in die Bürgerschaft ein. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Seine Witwe Marie übernahm am 23. September 1931 seinen Sitz in der Bürgerschaft.

Am 18. März 1931 tagte im Rathaus die Bürgerschaft. Der KPD-Abgeordnete Friedrich „Fiete“ Dettmann betrat mit seinen Kollegen um 16.20 Uhr den Sitzungssaal. Dabei hatten sie einen roten Kranz mit roten Tulpen und roten Schleifen, den sie auf den Platz von Ernst Henning legten. Augenzeugen berichteten, dass sich die empörten Kommunisten gegen die braunen Abgeordneten im Saal wandten. Zwei der Faschisten wurden verletzt, ein Polizeikommando griff ein, der SPD-Bürgerschaftspräsident Leuteritz schloss die zehn anwesenden KPD-Abgeordneten, darunter auch Etkar André, für einen Monat von den Sitzungen aus.

Die Trauerfeier für Henning wurde am Sonnabend, den 21. März 1931, um 14 Uhr abgehalten. Bereits ab 11 Uhr sammelte sich die Menschenmenge vor der Leichenhalle in der Jarrestraße. Eine rote Fahne bedeckte den Sarg auf dem Leichenwagen. Etkar André marschierte mit anderen Mitgliedern des Roten Frontkämpferbundes (RFB) Wasserkante an der Spitze der 35.000 Demonstranten zum Ohlsdorfer Friedhof, wo Ernst Thälmann die Gedenkrede für den ermordeten Abgeordneten hielt. Nach der Feier kam es zu Demonstrationen in Barmbek, Polizisten schossen in die Menge, ein 20-Jähriger starb.

Der Mord durch drei SA-Leute erregte die Öffentlichkeit nicht nur in Hamburg. Es gab den Verdacht, dass die SA-Führung das brutale Verbrechen von langer Hand vorbereitet hatte. Die braunen Verantwortlichen distanzierten sich zunächst von den Mördern, Hitler aber stellte ihnen einen Verteidiger.

Der Prozess gegen die drei Schützen begann am 3. November 1931 vor dem Schwurgericht. Der 23-jährige frühere Polizist Albert Jansen bestätigte, geschossen zu haben, weil er den neben Henning sitzenden Cahnbley für den Abgeordneten André gehalten habe. Wegen Totschlags erhielten Jansen und der 28 Jahre alte Hans Höckmair jeweils sieben Jahre Zuchthaus, der SA-Scharführer Otto Bammel kam mit sechs Jahren davon. Bereits am 9. März 1933 sollten alle drei amnestiert werden.